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, hörte stockende gespräche. Aber er suchte allem zu begegnen durch Reservevorräte; sogar von Anekdoten hielt er sich ein kleines Lager in Bereitschaft. Aus dem "Demokritos" hatte er sich einige Bonmots gemerkt, manche feine Antwort memorirt, die er anbringen wollte, wenn es seinem rastlosen Ehrgeize gelang, irgendwo die ihr entsprechende Frage zu provociren. Die ganze Stadt wusste den Vorfall mit Delring. Wie hatte er da die arme zu verschränken und sich hinzustellen als die sturmfeste Mitte eines grossen Ganzen! Und diese mindestens in zwanzigfacher Anzahl kommenden jungen Mädchen, denen er zeigen wollte, was ein "Herr der Schöpfung" ist! Sein Bärtchen war allerliebst gefärbt, das dunkelblonde Haar unternehmend gebrannt, die Hemdauslage zeigte das kunstvollste Steppmuster. Sie hätte Tiebold entzücken müssen, der zu sagen pflegte: "Was bei den alten Griechen, wie Benno von Asselyn versichert, einst die Bäder gewesen sind, das ist bei uns die weisse Wäsche." Nur Piter's Schneider liess ihn mit einem fast auf dem Leib ihm angenähten Frack noch bis sechs Uhr warten. Fast war er das Atelier des Mannes geworden und seine Haut nahe daran, durch das gewissenhafte Probiren mit festgenäht zu werden. Aber um sechs Uhr konnte er "auf Ehre und Seligkeit" die Ankunft des Frackes gewärtigen. Das ganze Haus war geheizt, sogar die unten durch Glas verschlossenen, teppichbelegten, blumengeschmückten Treppen. Nur so auch konnte es geschehen, dass Piter von drei Viertel auf sechs Uhr an in Hemdärmeln Trepp' auf Trepp' ab lief.

Berechnend, ob das zu frühe Anzünden der vielen Kronenleuchter und Wachskerzen nicht zu zeitig dürfte "Friedland's Nacht" eintreten lassen, durchschritt er die öden, fast gespenstischen Zimmer, leise verfolgt von einigen bereits gekommenen Lohnbedienten, die sich nützlich machen und Vertrauen erwecken wollten ... Die Mutter, die Schwester waren noch tief in ihrer Toilette zurück ... auch fräulein Schwarz war nirgends sichtbar .... Treudchen Lei's erscheinen liess sich in keiner Weise voraussetzen ...

Wie fehlte ihm diese holde Ermunterung! Wie sehnte er sich nach einem Druck ihrer weichen Hand und ihrem gewöhnlichen: "Ach, Herr Piter –!" Wie erschöpft war er bereits von den Anstrengungen des Tages!

Guten Abend, Kattendyk! lautete es hinter ihm her, als er sich eben lässig in einen seiner neuen Fauteuils warf ...

Es war Joseph Moppes ... Bester! Haben Sie etwa Weiss aufgelegt? Sie sehen ja gottsjämmerlich aus! sagte der Freund und ging mit Noten rasch vorüber in die hintern Zimmer ...

Finden Sie das? antwortete Piter hinter ihm her. Mit Apatie stand er auf und betrachtete sich beim Schein des Lichtes, mit dem er die Zimmer durchmusterte, in einem oberhalb eines seiner neugebauten und heute zum ersten mal probirten, leider etwas rauchenden Kamine angebrachten Spiegel ...

Ich kenne das an solchen Abenden! Nehmen Sie doch einen kleinen Cognak! rief Moppes von hinterwärts her. Moppes legte mit diesen Worten auf das Pianoforte die Noten zu dem projectirten "Bouquet" des Abends ...

Piter gefiel sich ausserordentlich im Spiegel. Er fand sein languish interessant und bewunderte seine weissseidene Cravatte, seine weissseidene geblümte Weste, die gesteppte Brustauslage mit blitzenden Brillanten .... Aber wirklich er war zu blass und zog deshalb an einem Schellenzuge und liess sich einen kleinen Cognak kommen. Jedem andern würde er gesagt haben: Au contraire! Ein Glas wasser wird mir guttun! ... Seinen Freunden trotzte er nicht. Ihnen nicht, die immer so recht das trafen, was dem mann ein schmeichelhaftes Lustre gibt ...

Sie haben Recht, Moppes! sprach er hinhauchend und immermehr beruhigt über die Epoche machende wirkung dieses Abends ...

Der kleine Cognak kam. Piter trank ihn. Moppes rückte und schob hinten am Pianoforte ...

Auch der Frack kam. Der Schneider brachte ihn nicht selbst; der arme ruhte erschöpft auf seinen schwer errungenen Lorbern. Aber der Frack sass vortrefflich. Jetzt gedachte Piter liebevoll auch seines Freundes, der im Dunkeln die Arrangements für die musikalischen Genüsse traf, und rief mit elegischer Gelassenheit:

Stossen Sie sich doch nicht, Moppes! ... Donnerwetter, brüllte er dann; steck' doch einer für drinnen Licht an!

Alles rannte ...

Teufel! schrie er wieder. Nicht den Kronenleuchter!

Alles zitterte und nur eine Girandole von drei Kerzen wurde angesteckt ...

Piter sah sich im Spiegel und äusserte:

Joseph soll doch auch für Moppesoder warum denn nicht lieber gleichJoseph soll die ganze Cognakflasche schicken!

Inzwischen rief Moppes:

Bester Freund, das Feuer hier lassen Sie nur ausgehen! Denn erstens wird es schon von der Beleuchtung formidabel heiss und zweitens werden die Menschen eine Höllenhitze geben! Wir bedanken uns, in einer solchen Atmosphäre zu singen! Ohnehin muss ich heute verdammtermassen Katarrh haben!

Piter hatte sich zwar sehr auf den malerischen Effect der Glut von den feinsten entschwefelten Candlekohlen etwas eingebildetworauf bildete er sich nicht etwas ein! – doch goss er näher tretend ganz gern eine der nächststehenden Wassercaraffinen, die er hier und da mit einem Kranz von Gläsern hatte aufstellen lassen, geradezu in die Störung der berühmten Quartette hinein. Nun gab das freilich einen nicht angenehmen Dunst, der sich mit Entschiedenheit dem unzweifelhaft sehr rauchigen der Kamine anschloss. Moppes riss darüber voll Zorn die Fenster auf; aber Piter bat mit einem gewissen schmachtenden Ton um Verzeihung