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dafür das Geld schickte und ihren Dank in einem Briefe bezeigte, einen graziösern Geist verriet, als er ihrer Schroffheit zugetraut hatte. Das Geld kam auf der "Schreibstube" Nück's an und war dort in seiner Abwesenheit dem Principal übergeben worden. Als Nück die Veranlassung dieser Geldsendung aus dem Kattendyk'schen haus erfuhr und mit eigentümlich zwinkernden Augen auch den ihm von Benno dargereichten Brief gelesen hatte, erfuhr letzterer, dass die wirkung, die Lucinde hervorbrachte, immer allgemeiner wurde. Wo man nur auf das Kattendyk'sche Haus zu sprechen kam, wurde nach Lucinden gefragt. Schön erschien sie allen, den Frauen etwas unheimlich. Auch Männer brauchten zuweilen den Ausdruck, sie hätte zu viel Geisterhaftes. Nur über ihre beispiellose Frömmigkeit waren alle übereinstimmend. Eines Tages erfuhr Benno von Tiebold, dass Nück an dem seit einiger Zeit häufiger von ihm besuchten Teetisch seiner Schwiegermutter Lucinden halblaut ein Wort gesprochen hätte, das dieser die seit einiger Zeit immer nur bleichen Wangen purpurn überfärbte. Es war von einer schon zunehmenden Gewöhnung Lucindens an das Leben im haus und in der Stadt die Rede und von ihrer frühern übergrossen Verschüchterung. "Sie sind eine Jerichorose!" hatte Nück geflüstert. Tiebold verstand diese Vergleichung nicht. Im Benno wollte er "nachschlagen", was sie bedeute. Als ihm Benno die Erklärung gab: Eine Jerichorose ist ein rankenartiges Gewächs mit einer wunderbar gestalteten und duftenden Blume, die zeitweilig ganz ledern, welk und verkommen aussehen kann, legt man sie aber in heisses wasser, so quellen ihre Blätter auf und sind, wenn sie auch seit Jahr und Tag vertrocknet schienen, plötzlich wieder so frisch, als wenn die Blume zum ersten mal blühte ... da wetterte Tiebold über den Ausserordentlichen, der gerade zugegen gewesen war und die Jerichorose nur "lateinisch", d.h. gelehrt gefasst und gesagt hätte: Die heilige Botanik hat es mit zweierlei Jerichorosen zu tun. Die eine ist die der Legende: Maria auf der Flucht nach Aegypten steigt von dem Esel und da, wo ihr Fuss den Wüstensand berührt, spriesst die Jerichorose auf. Die andern sind diejenigen Rosen von Jericho, die bei Sirach vorkommen in der für die heilige Botanik so classischen Stelle ... Viel lieber hätte Tiebold gewünscht, man hätte verweilt bei der vollständigern Beziehung dieser Vergleichungen auf ein Wesen, das für die ganze gebildete Gesellschaft der Stadt immermehr einen eigentümlich verschleierten Reiz gewann.

Der verhängnissvolle Festtag erschien ... Die Vorbereitungen zu dem Abend sistirten bei Pitern den ganzen geschäftlichen Ex- und Import. Heute galt es den Triumph seiner durchbrochenen Mauern, neugeschaffenen Kamine, portièrenverdeckten Türen. Auch hatte er schon in der Dienerschaft seit lange manche Reformen angebahnt. Die alten hatte er zwar nicht entfernen können, aber sie für den einzuführenden bessern Ton "unschädlich gemacht". Katrine Fenchelmeier behauptete sich in der Küche, trotzdem dass Tiebold eines Abends gesagt hatte: "eigentlich mit G e i s t kochen kann nur ein Mann!" eine Behauptung, worüber ein fünfstündiger Streit unter den Freunden entstand, der für Pitern so interessant und anregend wurde, dass er sich das neue Buch "Geist der Kochkunst" kaufte. Ueberhaupt gab er viel Geld für diejenige Literatur aus, die ihm in schönen Einbänden hinter einem Glasschrank zu besitzen nötig schien, um jenes gewisse Etwas eines der Kaufleute zu gewinnen, die so "merkwürdig beschlagen" sind in allem, was die Zahl der Stecknadeln anbetrifft, die eine birminghamer Maschine in einer Stunde hervorbringen kann. Auf jedes Buch, das für Delring's Bibliotek vom Buchhändler im Comptoir abgegeben wurde, setzte er ein anderes und nicht immer Werke über Cavalierperspective, "Diätetik der Seele", Blumauer's "Aeneide", die "Jobsiade" und ähnliche classische Schriften, die unter den Freunden bewundert wurden, auch Mac Culloch und Reisebeschreibungen in Vorder- und Hinter-Asien. Katrine hatte für den Abend einen Koch zu hülfe genommenPiter entliess sie nicht, weil unter den Freunden trotz aller Bewunderung vor den speisen, die man in Paris bei Véry finden konnte, feststand, dass Sauerkraut, Erbsen und Dürrfleisch nirgends so "famos" zubereitet wurden, wie bei ihm. Auch über die richtige Art, den Wein einzuschenken, trug im kleinen Kreise Joseph Moppes manchmal förmliche Abhandlungen vor. Wehe den neuen Dienern oder den am Freitag zu Dienern avancirenden Hausknechtenauf die engagirten Lohnbediente war eher Verlasswenn sie beim Einschenken der Weine nicht der Teorie entsprachen, die Piter ihnen kurz vor Eröffnung der Flügeltüren noch einschärfen wollte. Ob ihn die Scrupel wegen der "trauernden Religion" nicht bestimmen sollten, dass die Diener sämmtlich schwarzbaumwollene Handschuhe statt weisser anzogen? In dem Austernkeller neulich hatte man diesen Piter'schen Gedanken erst bewundert, dann ihn aber doch fallen lassen. Weigenand Maus hatte sogar gesagt: "Wehe dem Kaufmann, der überhaupt Religion hat!" – "Sie meinen eine andere Religion, als die des ehrlichen Mannes?" polterte Tiebold auf, der an seine "vorhabende" beichte dachte. Gebhard Schmitz, der Dialektkünstler, um etwaigem "Streite" vorzubeugen, fiel mit einem allgemeine Acclamation erweckenden Worte ein: "Meine Herren! Ich sage, wehe dem Kaufmann, der jetzt eine andere Religion hat, als die jüdische!"

Piter stand nun wie Napoleon vor einer Schlacht. Er hatte sich auf alles vorbereitet, sogar das Verdriesslichste, auf Absagebriefe. Sein lebhafter Geist sah sogar sämmtliche Lampen nicht brennen, hörte Cylinder zerspringen