. In Sack und Asche sollten wir gehen, hatte er zu seiner Frau gesagt, und dieser Mensch tut den Neunmal-Weisen den Gefallen und will illuminiren lassen! ... Seine Gattin hatte seit lange keine so wortreiche Unterhaltung mit ihm geführt. Sie hätte schon um dieser seltenen Vertraulichkeit willen auf ihres Gatten Zorn über den "dummen Jungen", wie Piter schon eine hübsche Reihe von Jahren bei ihm hiess, eingehen sollen; aber die Höhe ihrer Volants an einer wundervollen Rosatoilette nahm sie so in Anspruch, dass sie nur immer das Rauschen ihres Eintritts in den Salon hörte und den Moment bedachte, wo sie sich an dem festlichen Abend zum erstenmal niederlassen würde, nicht zu nahe am Ofen und nicht zu dicht unterm Kronenleuchter; denn die arme litt bei solchen Abenden an einem krankhaften Echauffement und hatte dann vor Zorn über sich selbst und den Schöpfer, der sie ins Leben gerufen, schon manchen kostbaren Fächer zerknittert, dieser Röte gedenkend, die ihr die Stirn, die Nase und besonders die Ohren mit einer unheimlichen Ziegelsteinfarbe überzog.
Die "Religion" war in der Tat einige Tage lang im Kattendyk'schen haus suspendirt. Piter bekam in allen Punkten Recht, selbst wenn er seine Meinungen des Tages einigemal wechselte und sich selber widersprach. Auch ein ganz besonders maliciöser Antagonist gegen ihn fehlte glücklicherweise, der ausserordentliche Professor Guido Goldfinger, Johannens Verlobter, der erst zu dem Gesellschaftsabend selbst ankommen wollte. Dieser junge Mann machte mit einer glänzenden Heirat sein Glück, war aber für dies Glück von seinem Vater, dem Medicinalrat, förmlich erzogen worden. Gerade die Sicherheit seines Benehmens gab ihm den ausserordentlichen Vorsprung bei der Mutter und bei Johannen. Auf der vielfach angedeuteten Universität lehrte er Naturwissenschaften vom rechtgläubigen Standpunkte. Er bewies wissenschaftlich, dass es Pflanzen gäbe, die die Marterwerkzeuge in ihrem Kelche schon von Anbeginn ebenso hätten tragen müssen, wie die Propheten bereits von allen Einzelheiten im künftigen Leben des Messias wussten. An einer "Heiligen Botanik", schrieb er, in der alle in der Bibel vorkommenden Pflanzen in alphabetischer Reihenfolge behandelt wurden. Wenn sein kurzes, schneidendes Wesen in den Abendgesellschaften (von seinem von drei bis vier Zuhörern umsessenen Kateder kam er wöchentlich einmal herüber) Pitern gegenüber Stickstoff, Sauerstoff, Polarität und ähnliche schwierige fragen zu sehr accentuirte und darüber Piter "unangenehm" wurde und vor solchen "Kindereien, die er sich schon in der Schule abgelaufen hätte", sich nicht im mindesten zu ängstigen erklärte, falls der Professor ihn rundweg anfuhr: "Das verstehen Sie nicht!" so sagte der alte Sänger Ignaz Pötzl, indem er dann einmal von den Bologneserhündchen die alten magern, sie streichelnden hände abliess, mit halblautem Seufzer: "O Ysop, Ysop! wann wirst du an die Reihe kommen!" Darunter verstand Pötzl, wie alle Anwesenden aus dem engern Familienkreise wussten, den letzten Artikel der "Heiligen Botanik"; denn erst mit dem Abschluss dieses grossartigen Werks, das auf Kosten der Commerzienrätin gedruckt werden musste, sollte die Hochzeit stattfinden. Leider stand der Professor erst bei der Wurzel Jesse, bei der er sich, wie er mit sardonischer Galanterie hinter seiner blauen Brille hervor Johannen zuflüsterte, deshalb so lange aufhalten müsse, weil ihn zu sehr der Buchstabe I fesselte.
Am empfindlichsten war Pitern der Eindruck, den sein Bruch mit Delring auf Treudchen machte. Sie selbst hatte der Scene nicht beigewohnt, nach der sich ihre herrschaft in den Beichtstuhl des "neuen Heiligen" Bonaventura von Asselyn flüchtete, aber sie erfuhr alles Geschehene, als sie von einem Einkaufsausgang nach haus kam. Lucinde hatte ihr schon lange den Rat gegeben, Pitern etwas zu tyrannisiren. So oft er ihr nun seitdem auf der Treppe begegnete, wobei eine rasche Handbewegung, manchmal das Verlangen, ihm einen Knopf am hingehaltenen Hemdärmel sofort auf der Treppe anzunähen, schon zur Gewohnheit geworden war, zeigte sie ihr Schmollen. Piter hatte jetzt nur zu viel mit seinem "Programm" zu tun, sonst würde ihm dies Ausweichen unerträglich gewesen sein. Schon weckte er durch seine leidenschaft Spott und "Hohngelächter" und Zweifel des Neides, besonders bei den stillen Charakteren Weigenand Maus und Aloys Effingh, die schon vor längerer Zeit über seine Entzückungen die harmlosen, aber bedeutsamen Worte fallen liessen: Nur nicht zu üppig, Kattendyk! ...
Lucinden schonte Piter um Treudchens willen. Auch sprachen ja Benno von Asselyn und Tiebold de Jonge mit einer höchst respectvollen Scheu von der Gesellschafterin seiner Mutter. Benno war zu gewissenhaft, um die für Bonaventura's Lebensstellung nicht passende leidenschaft Lucindens zu verraten. Auch musste er anerkennen, dass durch die fast schimpfliche Entfernung aus der Dechanei Lucinde vollkommen berechtigt war, auch ihm gegenüber jenen Humor aufzugeben, dessen Ausbrüche ihn erst dämonisch abgestossen, zuletzt gefesselt hatten. Die Wahrheit des einen Wortes, das Lucinde Benno beim ersten Begegnen am Teetisch der Frau Walpurga zugeflüstert hatte: "In Kocher am Fall hab' ich Bitteres erlebt!" durfte er nicht anzweifeln. Wohl bemerkte sein scharfes Auge, dass Lucinde auch hier schon mit dem ganzen haus und den Schwächen desselben spielte; aber Koketterie war es nicht, als sie ihn eines Abends bat, sich ihres vernachlässigten Latein anzunehmen; sie wolle, sagte sie, die Bekenntnisse des Augustinus, die geschichte seines Lebens-Trahimur, in der Ursprache lesen. Zu Tiebold's Erstaunen über dies "Zauberweib" kaufte ihr Benno ein Lexikon, verschaffte ihr Uebungsbücher und musste sich gestehen, dass die Art, wie sie ihm