1858_Gutzkow_031_340.txt

ich dir das allerheiligste Sakrament des Altars nicht entziehen, will dir die Erweckung durch den Mitgenuss seines gekreuzigten Leibes nicht versagenOder hast du noch irgendeine andere Schuld auf deiner Seele –?

Der Verbrecher atmete schwer und erhob sein Haupt nicht wieder ...

Es war Bonaventura, als hörte er ein Murmeln: Ich hatte

Du hattest? O rede! Du hattest? –

Einein Engagement

Wozu? Zu einer ruchlosen andern Tat? Sprich! Vertraue mir!

Ein Feuer

Solltest du anlegen? Ha! Eine Urkundeeine falsche Urkunde in dem Tumulte irgendwo niederlegen! Wo? Wo? Sprich!

Es ist vorüber

Schon geschehen? Ihr Heiligen!

Nein, Herr, nein! –

Aber es wird geschehen!

Nein, Herr, nein

Wen soll ich warnen? Rede!

Der Verbrecher schwieg ...

Rede!

Keine Antwort erfolgte ... Der Verbrecher murmelte ein Gebet ...

Nun denn, sagte Bonaventura nach einer Weile, so sei dir dies Vorhaben vergeben, wenn es unterbleibt und du es um Jesu willen bereust! Aber auch dies noch! Mein Name ist Bonaventura von Asselyn! Meine wohnung im Kapitelhause! Sende mir die Schriften, die dir nichts nützen können! Nie, nie will ich dich erkennen! Ich sah dich ja nicht, ich will dich nicht sehen, ich spreche dir Befreiung deiner Schuld und schliesse das Gitter, dass du dich ungestört entfernen kannst! Beim Tisch des Herrn will ich dich, falls du dein Vorhaben unterlässest und mir die Schriften schickst, anlächeln wie dein Freund wenn ich dir das Brot des Lebens reiche! Absolvo te in nomine patris, filli et spiritus sancti! Amen!

Bonaventura machte das Zeichen des Kreuzes

zog das Fenster zu ... und erhob sich ...

Als er sich zitternd entfernte, war niemand mehr

gegenwärtig, selbst der Messner nicht ...

Das Hochamt tönte fort ...

Wie eine Geistererscheinung war, was er erlebt

hatte ... Er wankte dahin wie wesenlos ... wie ein Hauch der Lüfte ...

In dem ihn umrauschenden Gewühl des Lebens,

unter den sich drängenden Menschen, die ihm auswichen, hinter dem Messner, der ihn in einiger Entfernung erwartet hatte und sich ihm anschloss und Platz machte, dass er hindurchkonnte zur Sakristei, war sein Sein das, was nach einem griechischen Dichter wir alle sind, nicht ein Schatten nur, nur eines "Schattens T r a u m ".

Bei alledem sprach ihm, als er sich umkleidete, sein Gewissen: Hast du dich nicht von deinem persönlichen Interesse fortreissen lassen? blieb nicht ein Vorhaben zu wenig eingestanden, das viel wichtiger ist, als jenes Blatt Papier? ... Wickert war ein Bundesgenosse Hammaker's ... Eine Feuersbrunst stand vor seinen Augen und wollte nicht weichen ...

Benno holte ihn ab, um ihn in seine wohnung zu begleiten und von ihm Abschied zu nehmen ...

Was musste nicht alles sein Mund verschweigen!

Er wusste nicht, was ihn bestimmte, zu sagen:

Seid auf Schloss Westerhof nur wachsam! Tag und Nacht haltet doch Obhut! ...

... Wie bangte er der Hoffnung entgegen, die Rätsel jenes Sarges von St.-Wolfgang gelöst zu sehen!

6.

Piter's Gesellschaftsabend rückte näher ...

Eine Aenderung seines Programms durch die mit Delring und seiner Schwester Hendrika stattgefundene Scene konnte man "von ihm nicht verlangen".

Selbst seine Mutter und seine andern Geschwister waren schon zu weit in den Zurüstungen ihrer Toiletten vorgeschritten, als dass eine so bedenkliche und für alle daran Beteiligten tief erschütternde Wendung der Dinge, wie Delring's Austritt aus dem Geschäft und die Aufgabe seiner wohnung im schwiegerälterlichen haus, etwas darin hätte ändern können. Die Commerzienrätin weinte zwar bittere Tränen, aber sie hütete sich wohl, dass eine derselben auf die schweren silbergrauen Moiréestoffe fiel, welche sie täglich zweimal bei ihrer Schneiderin anpasste. Die Equipagen ihres Hauses sowohl wie die des Procurators rasselten durch die Strassen mit einer Eile, als könnten plötzlich in der Stadt alle schinirten Sammete, aller Gros de Naples, alle Stoffe zu Borduren und Blonden aufgekauft werden.

Die obern Zimmer blieben von Hendrika Delring für den Abend verweigert. Piter hatte dort eine "Retraite" für seine Freunde arrangiren wollen, wo sie in gemütlicher "Nonchalance" sich gehen lassen konnten; er wollte, das war seine idee, höchsten Salon und tiefsten Austernkeller für jenen Abend vereinigen. Gesang und "geistreiches" Gespräch sollte die Cigarre und einen kleinen "Ulk" nicht ausschliessen. Die Wendeltreppe eignete sich so prächtig für diese gemütliche Mischung! Indessen war dies Arrangement nicht zu ermöglichen und Johanna, seine jüngste Schwester, seine älteste, Josephine, die Frau Oberprocurator, sämmtliche Hausfreunde gaben Pitern diesmal unbedingt Recht, wenn er von einem "denn doch kolossalen" Eigensinn sprach, und nur seine von ihm gebrauchten Kraftausdrücke ängstigten sie, besonders vor fräulein Lucinden, deren hohe Bildung und schüchterne Sittsamkeit täglich hier im haus Redensarten zu hören bekam, die sie bei soviel Frömmigkeit nicht hätte voraussetzen sollen.

Nur vor Dominicus Nück hatte Piter einige Furcht. Dieser Sonderling war noch immer im stand, ihn zuweilen wie einen zehnjährigen Knaben zu behandeln. Eine Bürgschaft für den Bestand des Geschäfts konnte dem klugen mann Piter's Alleinherrschaft nicht erscheinen. Letzterer ahnte das und besorgte Erklärungen, um so mehr als Nück schon lange ein Gegner dieser projectirten Gesellschaft war