zu versperren, doch plötzlich brach es irgendwo mit stiller, sich gleichbleibender Stärke wieder hervor. Dann aber wurde die Spalte weiter, die Bäume wurden höher und höher, Tannen ragten mit geradlinigem Wuchse, tiefer ab kamen Eichen, die von einer kurzen Strecke des weissesten Sandes, dann Buchen, die von kurzem Grase umgeben waren. Querdurch gingen Fusswege von da und dorter und zuletzt ein schmaler Reitweg dicht vor dem Eintritt in eine riesige Gruppe uralter Eichenstämme, die man den "Düstern Bruch" oder den Düsternbrook nannte. Von hier aus konnte man bequem wieder die Seitenwände des Grundes emporklimmen und kam dann wieder in der Hochebene an, wo über grünen Saaten die Lerchen stiegen und die Gegend sich hinzog, so gleichförmig, so eben als wenn dieser Grund gar nicht vorhanden war. Und doch führte er allein, wie die grosse Hauptstrasse, die vorm schloss vorbeiging, auf das allgemeine Niveau des Landes zurück. über dem fernen Tiefland lag das Schloss wohl gegen tausend Fuss hoch. Fünf Regierungen besassen hier Enclaven; nur nach Westen zu gehörte alles ausschliesslich jener Krone, in deren Diensten der älteste Sohn des Freiherrn, der Regierungsrat, stand und sein, wie es schien, einziger nächster Freund, der Landrat, ehemalige Husarenrittmeister von Enckefuss, gewöhnlich "der schöne Enkkefuss" genannt.
Vor der stechenden Nachmittagssonne boten die Schatten des Düsternbrook heute den erquickendsten Schutz. Es rieselten zwar noch die kaum geschmolzenen Schneereste, die sich in den Felsspalten festgefroren hatten, jeder Schritt war glatt und gefahrvoll; aber Lucinde hielt sich an den schon allmählich ihr Laub treibenden büsche und suchte das von würzigen Kräutern duftende niedere Tal zu gewinnen. Belebt war es von allem, was nur in den ersten Frühlingstagen auf den Bäumen mit Gurgeln, Zwitschern, Schnabelwetzen der allernärrischsten Art wieder die Wonne erprobt, sich von dem Nochvorhandensein seiner alten Stimmittel überzeugen zu können.
Lucindens Sinn ging dabei brütend auf irgendeinen zu fassenden Entschluss. So wie sie jetzt da war, den runden Strohhut mit schwarzem Band in der Hand, in die Weite zu gehen und gar nicht zurückzukehren, war noch das Leichteste, was sich ausführen liess gegen eine Lage, in deren Erwartungen und Aussichten sie sich betrogen hatte. Dass ihr Sinn Gedanken der Rache nicht unzugänglich war, wissen wir. Düster zogen sich ihr die dunkeln Augenbrauen zusammen, manche rasch gebrochene Blüte zerriss, ja zerbiss sie, manches junge, kaum ganz entrollte Blatt zerkaute sie, so bitter es schmeckte ... Immermehr geriet sie in einen Zorn, wo die bei dunkeln Augen eigentümlich schon vorhandene leichte Entzündlichkeit der obern Wangen sich immermehr steigerte und den heissen Lichtern noch dunklere Schatten gab.
Vom Düsternbrook her störte sie jetzt Geräusch. Bald waren es Axtschläge, bald der gleichmässig klingende Ton einer Säge.
Als sie näher kam, bemerkte sie einen Arbeiter vom Schlosshof. Sie neckte sich zuweilen mit ihm. Es war ein fremder Arbeiter vom Westen her, ein gelernter Küfer, der auch für die Brauerei, Brennerei und die Milchwirtschaft des Kronsyndikus mit Fleiss und Geschick grosse Gefässe baute, Bottiche von gewaltigem Umfang, Tonnen in allen Grössen. Rüstig arbeitete er vom Morgen bis zum Abend und zog sich seine Hülfsgesellen selbst; er hiess Stephan Lengenich und war landeinwärts einer der eifrigsten Kirchenbesucher. Auf dem schloss selbst gab es eine Kapelle, doch wurde in ihr nie die Messe gelesen, obgleich der Kronsyndikus von sieben Pfarreien und dem Kloster Himmelpfort selbst Patronatsherr war. Seit Jahren stand er mit seiner Kirche auf gespanntem Fuss und duldete auch z.B. nie, dass die Franciscaner Schloss Neuhof betraten, eine Massregel, die durch die Auslegung der Polizeigesetze über das Terminiren der Bettelorden von seinem Freunde, dem Landrat, dem "schönen Enckefuss", nach Kräften unterstützt wurde.
Ei, Herr Lengenich! rief Lucinde mit ihrer etwas tiefliegenden, nicht starken stimme; schon wieder eine von den heiligen Eichen des Bonifacius umgehauen? Wenn Ihnen nur nicht einmal so ein alter Heidengott dabei erscheint und Ihnen was antut!
Stephan Lengenich sah auf und meinte in der Tat:
Machen Sie keine Scherze, Mamsell Schwarz! Aber es muss ja sein! Die alten Fässer faulen und es geht mit dem Brennen der Kartoffeln ins Weite ...
'S ist recht, sagte Lucinde in der treuherzig derben und ruhig sichern Art, die den ihr geläufigen Volkston jetzt schon mit Bewusstsein festalten konnte, s' ist recht! Man soll nicht neuen Most giessen auf alte Schläuche!
Stephan Lengenich horchte ...
Lucinde zeigte, dass sie eine Schulmeisterstochter war, auch ein Jahr bei einem Pfarrer gelebt hatte, und fuhr weiterschreitend mit künstlichem Patos fort:
Niemand flicket auch ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuche, denn der Lappen reisset doch wieder vom Kleide und der Riss wird ärger. Adjes, Stephan! Betet ihr einmal ein Ave Maria für eine andere arme Seele als die der Lisabet, so schliesst auch unsereins ein!
Damit ging sie, ohne die Antwort des Arbeiters abzuwarten, den sie an ein allbekanntes verhältnis mit der ersten Beschliesserin des Hofes erinnert hatte.
Lucinde schlug den kürzern Weg jetzt wieder zur Anhöhe ein. Es war ein steilerer, aber von Steinen unterstützter Pfad, der zur obern Anhöhe der Schlucht führte.
Sie war auf der Hälfte dieses etwas mühseligen Weges, als sie hinter sich laut reden hörte.
Sie wandte sich und sah, dass Stephan Lengenich mit einem nach ihr Gekommenen in einem lebhaften Gespräch begriffen war. Widerhallte so schon in dieser Stille an den Bergwänden jedes gesprochene Wort