nicht – nicht – so – nicht so unschuldig sei, wie sie aussähe ...
Und Sie? unterbrach der Priester das geständnis einer Frau, die nun hier auch knieen durfte an der Stätte, wo eben Unschuld und Sittlichkeit gesprochen! ..
Ich – ich kann sagen, dass ich sie – ich meine das Mädchen – begleitet habe auf Tritt und Schritt und sie eingeladen, mich zu besuchen – und gewiss – gewiss auch würde sie gekommen sein, wenn nicht ein – ein geistlicher Herr, den ich gut kenne – es bemerkt und ihr – die Bekanntschaft mit mir verboten hätte ...
Ein – geistlicher Herr? "Den ich gut kenne!"
Bonaventura erbebte ... Er sah die Würmer in der Hostie wieder ... Doch bekämpfte er sich und gedachte des römischen Katechismus, der teil II, 5. 9. 51. befiehlt, der Priester soll darauf achten, dass die Sünder im Beichtstuhl so behandelt werden, d a ss s i e immer Lust bezeigen, wiederzukommen.
So denn zwang er sich zur Selbstbeherrschung ...
Ach, weinte Madame Schummel, meine vornehmen Freunde verderben mich! Da kommen sie und schmeicheln mir und bieten Geschenke! Tausend Taler kann ich haben, wenn ich –
Dies unglückliche Mädchen zu Falle bringe –?
Nein, ihre Freundin! Die – die mit ihr in einem haus wohnt ...
In einem haus? ... Bonaventura wusste kaum, was ihn plötzlich an Treudchen Lei und Lucinden zu denken zwang – er wusste kaum, was ihm plötzlich die Besinnung raubte, zwang seine fragen zu unterbrechen, seinen Entschluss zu helfen lähmte ...
Ich Aermste, ich soll alles möglich machen! schluchzte Madame Schummel. Ich unglückliche Frau ich –
Sie werden alles versuchen, die Preise zu gewinnen, die sittenlose Männer auf diese Verführungen stellen! sagte Bonaventura ...
Nein, da sei Gott für, hochwürdiger Vater! Die Eine, die Kleine, ei, ich höre ja, die ist fürs Kloster bestimmt ...
Treudchen! .. Bonaventura wusste, wie Treudchen von den Klosterfrauen gefesselt wurde, wusste, wie Treudchen ebenso die Schwester Beate fürchtete, wie sie die Schwester Terese liebte. Treudchen hatte ihm alles das bei einem Besuch im Kapitelhause, bei ihrer, Renaten angebotenen hülfe zu seiner neuen Einrichtung selbst erzählt ...
Mit hochklopfendem Herzen fragte er:
Und die andere –?
Maria, Königin der Jungfrauen, lass' mich siegen bei allen Angriffen der Feinde meines Heiles! Mein heiliger Schutzengel, bitte für mich und erlange mir einen grossen Abscheu gegen alle Fleischeslüste. Und du, Gott der unendlichen Barmherzigkeit –
Schweigen Sie! unterbrach Bonaventura die auswendig gelernte und statt der Antwort auf die scheinbar überhörte Frage vorgetragene Litanei eines Gebetbuches. Unterlassen Sie jeden Versuch zu diesen fluchwürdigen Freveln und beten Sie die eben von Ihnen begonnenen Worte drüben an den Stufen der heiligen Afra-Kapelle! ... Er musste sich sagen – sein Amt schrieb es ihm vor – der Glaube erleuchtete auch die heilige Afra, die ursprünglich ganz auf den Wegen dieser Frau wandelte, erleuchtete eine Margareta von Catona, auf welche bis in ihr einunddreissigstes Jahr gleichfalls jene Worte des Propheten passten, die er zum ersten Gruss zur Frau Schummel gesprochen, und die dennoch eine Büsserin wurde und nicht nur in ihrem grab mit unverwestem Leichnam liegt, sondern sogar im Gegenteil, worüber sie heilig gesprochen worden ist, einen eigentümlich "angenehmen Geruch verbreitet" ... Und über Lucindens Lebensgänge zu forschen, verliess ihn alle Kraft. Auch war Frau Schummel schon verschwunden – ohne Absolution, wie gewöhnlich. Auf das Wort: "Heilige Afra", das Bonaventura mit einer segnenden Handbewegung gesprochen, hatte sie selbst im Knieen geknixt und erhob sich. Sie hoffte, mit der Zeit ihr erworbenes Vermögen in ungestörter Ruhe und endlicher Versöhnung mit den öffentlichen Tatsachen geniessen zu können.
Leichtere Fälle kamen dann, die Bonaventura's erschüttertem Gemüte Erholung gestatteten ... Er übereilte nichts ... er liess jedem Zeit, sich auszusprechen ... Einigen, die zu redselig wurden, sagte er mit Sanftmut, dass die bewilligte Zeit bald vorüber wäre, sie möchten ein nächstes mal kommen und dafür sorgen, dass sie vom Messner den Vortritt erhielten.
Soll es denn so sein? rief es wie ein Weheschrei in ihm auf, als dann endlich drei Stunden vorüber waren. Darf es eine Institution geben, die uns der Sünde gegenüber nur zu Hörenden macht, nur zu Belauschern dieses bunten, entsetzlichen Lebens? Soll das Bedrängte nicht sofort Entsatz erhalten von jedem, der davon nur die leiseste Kunde vernimmt? Soll eine in Erfahrung gebrachte Wahrheit nicht sofort laut verkündigt, ein Verbrechen durch uns zur Bestrafung gebracht werden? ...
Wie viel Hülfeschreie verhallten nun schon so in seiner Brust! ...
Wozu das alles! seufzte er ... Wozu? Wozu?
Ein feierliches Hochamt in einem entlegneren Teile des grossen Baues hatte begonnen ... Niemand kam mehr, um an sein Ohr zu gelangen ... Aber noch sass er, als blutete er aus tausend Wunden ... Ein Erzittern, ein fieberhaftes Frösteln fühlte er bis tief in sein Allinnerstes ...
Im Begriff sich jetzt zu erheben, faltete er sein Tuch zusammen. Schon hatte er den Drücker der Tür in der Hand, um sein enges gefängnis zu verlassen, schon sah er im Geist gewohntermassen den Messner vor sich, der