nicht vergönnt ... Wie gern hätte er sich jetzt träumerisch verloren in Benno's Liebe, in Armgart's Gegenliebe, die er durch seine Tiebold gegebene Vorschrift prüfen, zu vollerem Bewusstsein erheben, zum reichern Schatz für seinen Freund ansammeln wollte. Er dachte: Vielleicht kannst du eine dem dunkeln Lebensschicksal deines Freundes plötzlich aufgebende rosige Beleuchtung in Witoborn ihm selbst ankündigen! ... Aber schon redete eine andere stimme ...
Es war eine heisere. Aber eine weibliche, soweit ein sonderbares Näseln und stossweises Schluchzen sie unterscheiden liessen – ein Taschentuch musste schon an allen Enden gewechselt worden sein, so feucht war es von dem Jammer der Zerknirschung. Eine Nase wurde dem Hörer sichtbar, geschwungen wie der Schnabel eines Geiers. Drüberher ein orangegelber, ganz neuer Atlashut, mit schwarzem Sammet besetzt und mit Spitzengarnitur. Es war dem hut und dem Taschentuche und dem Weinen zufolge eine Dame. Alles Uebrige konnte einem mann angehören.
So gewandt wie diese Bonaventura bereits hinlänglich bekannte Seele wusste selten eins die vorgeschriebenen Anreden und Formeln auswendig. Die Frau war erst vor vierzehn Tagen dagewesen, aber schon wieder war sie der Sünden so voll, dass der Beichtvater in sein Examen keine andere Ordnung bringen konnte, als systematisch nach sämmtlichen zehn Geboten. Eine Sünderin war es ganz nach dem Schema eines Beichtspiegels. Bei jedem Paragraphen der Moral hatte sie ihrem inneren gleichsam ein "Eselsohr" gemacht. Schon neulich hatte sie unnützerweise dreizehnmal Gott, siebenmal die Heiligen, siebzehnmal die Notelfer angerufen. Die Terminologie des Beichtstuhls und der Curialstyl der Gnadenzustände war ihr so geläufig, dass man hätte sagen mögen, sie sündigte auf Stempelpapier. Auch einem Diebe konnte man sie vergleichen, der seine Einbrüche schon nach demjenigen Strafmass qualificirt, das gerade ausreicht, ihm nach zwei Jahren wieder die Freiheit zu verschaffen.
Dies war eine Frau, die im Entzug des allerheiligsten Sakramentes des Altars lebte. Sie behielt nur noch den Beichtstuhl offen zur Erweckung eines besseren Gnadenzustandes. Der junge Domherr war durch vorher notwendig gewesene officielle Mitteilung der Sachlage über eine Frau orientirt worden, die sich alle vierzehn Tage vor ihm geberdete, als wäre ihr durch Vorentaltung des heiligen Brotes die notwendigste physische Speisung entzogen.
Mit solchem Seelenjammer, dem da nun auch ein Priester, ein Mann, der ausserhalb der Ehe leben und dem holden Reiz der Frauen nicht auf sich wirken lassen darf, sein Ohr leihen muss, hätte Bonaventura lieber, wie die Casuisten in diesem verfänglichen Kapitel, lateinisch gesprochen! Aber schon war er auch von St.-Wolfgang her gewöhnt, dass sich die Gewissen nach dieser Seite hin mit besonderer Vorliebe erleichterten. Sein Vorgänger, Cajetan Roter, hatte den Drang seiner Beichtkinder, Sünden des Fleisches einzugestehen, durch jene geistige Entbindungskunst, die Sokrates in philosophischen fragen erfunden, sogar noch zu beleben gewusst. Kein Kind hatte er aus dem Beichtstuhl gehen lassen, das er nicht auf sein Geheimstes ausgefragt hätte. Bonaventura schauderte anfangs vor den Mitteilungen, die man ihm machte, und bald liess er vieles, was sich auszuplaudern schon gewohnt war, gar nicht mehr zu Worte kommen. Aber diese Materie blieb darum doch ein Lieblingstema der reuigen, durch geständnis halb sich schon entschuldigt glaubenden Mitteilung. Bekenntnisse dann freilich, wie die von dieser Frau heute schon zum sechsten oder siebenten mal vernommenen, waren ihm noch neu. Diese konnten nur in einer grossen Stadt vorkommen. Sie kamen so geläufig, so formenfest, als wollte nur ein Gewerbtreibender wie die bürgerliche, so hier die himmlische Steuer entrichten, die ihm für sein Fach die Berechtigung gab, es wie begonnen so fortzusetzen.
Welche Strafen sollte nun Bonaventura einer Frau verhängen, die als eine Gelegenheitsmacherin in Untersuchung geraten war, ausser dem stand der Gnade lebte und keineswegs als gebessert betrachtet werden konnte? Einer Frau in glänzendem Staat, Besitzerin einiger Häuser, einer Frau, die in dem Rufe stand, bei sich Gesellschaften zu dulden, wo schon manches junge Mädchen um Ehre und Ruf gekommen? Die Polizei und die Kirche kannten Madame Schummel ... Bonaventura erhielt sie gleichsam als eine geistliche Observatin von seinen Vorgängern überliefert, als eine Frau, die in einer Art Kirchenbann lebte. Schon beim ersten Besuche, den sie ihm im Beichtstuhl machen musste, sprach er zu ihr die Worte des Propheten: "Ich will Haufen Leute über dich bringen, die dich steinigen und mit ihren Schwertern zerhauen und deine Häuser mit Feuer verbrennen und dir dein Recht tun vor den Augen der Weiber!" Aber diese markdurchschneidenden Worte kamen der Madame Schummel, die wie ein Büsser mit der Geissel nicht stark genug zugehauen bekommen konnte, gerade recht. Da sie ihn fortwährend belästigte, nahm sich Bonaventura vor, bei ihren Allgemeinheiten nicht zu verharren, ihr Reden zu unterbrechen und zu versuchen, ob es nicht auch in dem Leben solcher Bekennenden "Restitutionen" geben könnte ...
Welches ist die letzte Seele, die Sie auf dem Gewissen haben? fragte er sie heute geradezu.
Du mein Gott! .. war die auf den Tod erschrockene Antwort ...
An wessen Seele haben Sie sich zuletzt vergriffen? Gestern? Heute schon? Sprechen Sie!
O du mein Gott! ..
Ich frage!
Bonaventura's Auge erhob sich so drohend, wie wenn er den vollständigen Kirchenbann über sie verhängen wollte ...
Frau Schummel verstand die Drohung und fing an zu zittern und sprach:
Jesus Maria Joseph! Zwei junge Herren haben eine Wette gemacht, – dass ein gewisses junges Mädchen,