. Ich würde dann mit einer gewissen Erleichterung neben ihm meinen Platz im Postwagen einnehmen; denn wir wollen diesmal mit der gewöhnlichen Diligence fahren ...
Mit diesem schwungvollen Schluss endete Tiebold's gründlich einstudirte Beredsamkeit ...
Jeder andere, der dieser Flüstersprache zugehört haben würde, hätte sicher seinem Ohr nicht getraut. Aber ein katolischer Priester hört dergleichen Herzensergiessungen täglich. Die Neigung, die man bei Schulkindern das "Anbringen" nennt, wird durch den Beichtstuhl in Bezug wenigstens des "Anbringens über sich selbst" sogar geschult und erzogen. Und will man ein guter Erzieher sein, muss man zugestehen, dass in dem Anbringen selbst über andere in der Schule ein Keim liegt, der etwas Gutes entält. Es kann ein Wahrheits- und Gerechtigkeitstrieb sein, der nichts Unrechtes sehen oder leiden kann. Ein Kind, dem man das Anbringen unter allen Umständen verleiden wollte, könnte leicht in Gefahr geraten, am Guten irre zu werden; denn immer wird es denken: Ei, das Böse ist doch dafür da, dass es entlarvt und bestraft werde; wie hindert man mich denn, das Gute herzurichten? Und der Beichtstuhl hört deshalb mit Geduld alles, was in ihm angebracht wird. Auch behülflich ist er, die Entdeckungen zu fördern und das Gute so wieder einzurichten und einzufugen, dass die, die es verletzten, nicht zu sehr dabei blossgestellt werden. Er legt Strafe und Züchtigung vorzugsweise für die innere Gesinnung auf, übernimmt dann aber fürs Praktische gern, wie wohl ein liebender Vater auch tut, das von seinem Kind gestohlene Gut wieder an den rechten Platz zu legen, ohne dass der Täter auf ewig zu Schaden kommt. Der Beichtstuhl möchte gern auf diese Art die Harmonie des Lebens ergänzen. Und da die Sünden, in allgemeiner Formel ausgedrückt, oft nur Redensarten sind, so muss er zu dem Ende ausführlich die Facta hören, muss wissen, welche Rubrik in der Moral verletzt wurde und welche Arznei zu wählen ist, ob eine heroische, erschütternde, ein Taraxakum, oder eine sanfte und lind auflösende ...
Tiebold, der sich in dem Augenblick vorkommen mochte, wie der heilige Aloysius, Tiebold, der als "Aufgeklärter" nur festielt an dem, was "an seiner Kirche wirklich gut" ist – "aufgeklärt" und "protestantisch" lagen für ihn und vielleicht auch für Benno weit, weit auseinander –, traf heute nicht den alten guten Herrn, bei dem er angeleitet worden war richtig Beicht zu sprechen. Der Pfarrer von Sancta-Maria an den Holzhöfen pflegte in solchen Fällen immer zu sagen: "Geh du man, min lütje Jong (es war ein Friese, wie die Asselyns), dat schall ik wohl maken!" Der gute alte Herr arrangirte, was Tiebold von eingeworfenen Fenstern, Näschereien, sogar schon Schulden (bei vierzehn Jahren!) ihm eingestanden hatte. Hier aber musste Tiebold erleben, dass seine noble Gesinnung und die "autentische Quelle" und sein "die Güte haben wollten" – nicht den mindesten Anklang fanden ...
Bonaventura verurteilte ihn zwar nur zu einigen Aves und einigen Spenden, sprach ihm aber das Absolvo erst nach folgenden strengen Worten:
Und können Sie mir wirklich zumuten, dass Ich nun auch noch an dem Gewebe Ihrer Unwahrheiten mit fortspinne? Wollen Sie Ihren Betrug gut machen, den Sie in dem Wagen bei jener nächtlichen Fahrt gespielt haben, so glaube' ich, dass Sie ihn selbst bekennen müssen. Erleichtern will ich Ihnen diese Beschämung allerdings dadurch, dass ich der Meinung bin, Ihr geständnis ist zunächst da anzubringen, wo der Betrug stattfand. Zuerst müssen Sie der jungen Dame, die Sie nun ja wiedersehen werden, bekennen, dass Sie es waren, der den Händedruck empfing. Die Täuschung, die Sie begingen, ist freilich eine doppelte. Lassen Sie aber erst das geständnis vorangehen, das Sie der Dame selbst zu machen haben, und sagen Sie dann mir, da ich gleichfalls in der gemeinten Gegend sein werde, was sie Ihnen erwiderte; vielleicht wünscht sie den Vorfall jetzt lieber ganz verschwiegen. Soll ihn aber später Ihr Freund erfahren – und ein wirklich dann Ihretwegen besorglicher Fall das – so will ich Ihrem guten Willen, Ihrer Neigung, Ihr Gewissen zu entlasten, vor dem Freunde ein zeugnis geben, das Ihre Hinterlist nicht zu sehr compromittirt oder wohl gar eine Aufkündigung der Freundschaft zur Folge hat, wenn nicht Schlimmeres, was ich nicht wünschen möchte; denn Ihre Freundschaft ist dem Freunde schon ein Besitz, den er hat; die Liebe jenes Mädchens aber bisjetzt etwas noch Zweifelhaftes. Ich möchte nicht, dass er um Freundschaft und Liebe zugleich kommt ...
Tiebold erhob sich wie angedonnert ... Die Verwickelung wurde immer grösser ... Die ganze Freundschaft mit Benno stand auf dem Spiel ... Und – ein geständnis seiner offenbaren Heimtücke an Armgart selbst! .. Er sah die vollkommenste Niederlage, die ihm Bonaventura im Stifte Heiligenkreuz bereitete ... Die Vorwürfe Armgart's hörte er, hörte die offenkundigste Demütigung in dem kühlsten: "S i e waren das?" das je auf Erden gesprochen wurde – Er wankte nur so hinaus und litt mehr, als sich schildern lässt. Denn seine Bewunderung vor Benno's Vetter war nicht bloss hoch, sondern "höchst". Er musste sich gestehen, unter solchen Gefahren und Verwickelungen hätte er sich die Reise nach Witoborn anzutreten nicht für möglich gedacht.
Ruhe, Erwägung, Sammlung waren Bonaventura