abzurechnen, denn mein Kutscher war mit meinen Pferden schon auf der ersten Station zurückgeblieben. Rücksichtsvoll und feierlich, wie wir "gestimmt" waren, liess einer den andern zuerst wieder einsteigen, und zerstreut, wie wir gleichfalls gewesen zu sein "nicht leugnen können", verwechselten wir unsere Plätze. Da – da fühlt' ich auf einer der letzten Stationen vor Erreichung der "regulären Schnellpost" im Dunkel eines Hohlweges eine zarte Hand in der meinigen ... Die "Handschuhe" meines Freundes waren es nicht, obgleich es mir schien, als hätte er längst auf dem Herzen, mir mit Gefühl zu sagen: Freund, beruhigen Sie sich! Sie sehen wohl, ich bin der Bevorzugte! Aber nein! Die Handschuhe waren die der jungen Dame. Ein Druck war es, "als wollte sie sagen": O Geliebter, wie dank' ich Ihnen von Herzen! Sie haben mich zeitlebens zu Ihrer Schuldnerin gemacht! Bleiben Sie mir gut mein ganzes Leben lang! ... Herr Gott, ich zitterte! Ich wusste, dass das gar nicht mein Platz hier war und sie mich für meinen Freund hielt! Ich erwiderte den Händedruck und das mit Beben und mit einer "gewissen Schüchternheit", woraus sie noch um so mehr die "Berechtigung entnahm", glauben zu dürfen, dass der von ihr Beglückte mein Freund und nicht ich war. Die Dame legte sich wieder in ihre Ecke "und entschlief aufs neue". Aber das Gewissen brannte mir. Herr des himmels, der Wagen hielt, und nun musst' ich aussteigen, und der Freund, der "ein wenig geschlummert hatte" und die Worte des lieblichen Engels "überhörte", folgt – und nun diese "beklagenswerte Verschmitzteit meinerseits"! Ich schlug ja vor, die Plätze wieder zu wechseln! Und dies geschah und der Morgen graute immermehr und der Postillon blies und das junge Mädchen erwachte "aufs neue". Gott, sie lächelte! Sie lächelte in aller Unschuld. Sie lächelte meinen Freund an, der ihr nun wirklich gegenübersass! Aber "natürlicherweise"! Nicht im mindesten machte dieser Miene, sich an eine Zärtlichkeit zu erinnern, "die er nicht genossen hatte". Um meine Verlegenheit zu vermehren, gab die dankbare Freundin unserer Herzen nun auch mir die Hand, als wollte sie sagen: Ganz zu kurz kommen sollen auch Sie nicht, lieber Herr de Jonge! Und dies offenbar viel kältere Benehmen sah mein Freund nicht ohne Befremden. Schwerlich schrieb er's auf "Rechnung meines Wagens", den er zwar zu loben anfing; aber ich gestehe, dass ich schon damals beschämt war, nicht im mindesten "honnet genug" gewesen zu sein und gesagt zu haben: Erlauben Sie, mein fräulein; vorhin – das bin ich auch gewesen! Kurz, mein armer Freund blieb ohne alle Aufklärung! Ich, ich sonst ein Mensch von "Reellität", habe aus "Liebesglut" meinen Betrug verschwiegen bis zum heutigen Tage und "ich muss gestehen", diese Lüge "entstellt meinen ganzen Charakter". Denn nicht nur nicht – wie gesagt – sie einzugestehen war alle Tage Zeit – sondern auch – meine Schlechtigkeiten in diesem "Punkte" nahmen noch zu ...
Bonaventura hatte schon oft gelegenheit gehabt, sich zu überzeugen, dass Benno nicht Unrecht hatte, seinen Freund Tiebold de Jonge einen "närrischen Kerl" zu nennen. Diese so wunderlich stylisirten Gewissensscrupel überraschten ihn daher nicht im mindesten ...
Ich kann sagen, ich habe eine so gründliche Abneigung gegen mich selbst gefasst, fuhr Tiebold fort, dass ich jede Nacht um einige Stunden meines Schlafes "verkürzt" werde. Auch werde ich keine Ruhe finden, ehe es nicht wieder "Tag in meinem inneren" wird! Eines muss der Mensch haben, was seine Religion ist und die Ehrlichkeit, glaube' ich, "spielt dabei keine unansehnliche Rolle".
Welche andere "Schlechtigkeiten" sind es denn sonst noch, die Sie vorhin erwähnten? fragte Bonaventura ...
Die bodenloseste Verstellung! sagte Tiebold und trocknete sich den Angstschweiss von der Stirn. Ich schmeichle nämlich meinem Freunde mit der "stereotypen Versicherung", dass die "Palme des Sieges" nur er allein davontragen könne. Regelmässig aber habe ich davon das absolute Gegenteil im Herzen! Ich sage ihm: Asselyn – bitte um Entschuldigung! (Für die unerlaubte Angabe eines Namens –) Ich sage: Freund, Sie sind der Glücklichste der Sterblichen! Im Gegenteil aber erwäg' ich meine bessern Umstände, sogar meinen "scheinbaren Adel" und ähnliche "Chancen". Diese "vorhabende" Reise morgen nach Witoborn ist z.B. eine solche schlechte Erfindung meiner Doppelzüngigkeit! Nicht im entferntesten liegt für mich ein Interesse vor, Wälder zu kaufen, die an keinem "schiffbaren wasser" liegen. Nichtsdestoweniger hab' ich dies schlechte Geschäft als eine ausserordentliche "Conjunctur" hingestellt, ja dem Freunde sogar "schmählicherweise" mein Bedauern ausgedrückt, dass ich ihm durch meine Anwesenheit in Witoborn ein "lästiger Zeuge" sein würde. Wie gesagt, ich fange an stündlich über mich selbst zu stolpern und mich dem schaudervollsten Trübsinn zu ergeben aus Desperation über mich selbst! Hochwürdiger Vater! Ich möchte auf die ehrliche Strasse zurück! Es würde mir dies "stellenweise" erleichtert werden, wenn Sie, hochwürdiger Vater, die Güte haben wollten, meinen Freund zu versichern, Sie wüssten aus "autentischer Quelle", dass er geliebt wird