!" Von einem adeligen Freifräulein und einer jetzigen Stiftsdame war keine Rede, weil der Sohn dem Vater "mit dergleichen" schön angekommen wäre, obschon Tiebold auch hier auf die Länge keine Schwierigkeit gefunden hätte und überhaupt mit seinem Vater auf mehr als dem Du-Comment kindlicher Vertraulichkeit stand. Der alte de Jonge liess sich von dem jungen de Jonge behandeln, als wenn die Rollen umgekehrt wären, er der Sohn und Tiebold der Alte. Tiebold erzog "seinen Alten" und der Alte hatte sogar Furcht vor dem Jungen und bemühte sich ängstlich, ihm zu Dank zu leben. Es war ein verhältnis wie in der verkehrten Welt, was jedoch nicht ausschloss, dass Tiebold mit dem tiefsten Schmerz ausrufen konnte: "Wenn mir 'mal bei gelegenheit der alte Mann sterben sollte, wüsst' ich auf Ehre nicht, wie das fertig bringen!"
Obgleich Tiebold seit vier Monaten sich weder in seiner Toilette vernachlässigte, noch irgendwie auffallend in seiner Ernährung zurückging, drückte ihn doch offenbar Melancholie. Seine Paletots gaben wohl die Wintermode an, er hatte die Krägen und Aufschläge von schwarzem Sammet eingeführt, die seinem frischen, gesunden Antlitz und dem gescheitelten kräftig blonden Haar das schönste Relief gaben; aber selbst die Bewunderung, die noch vorgestern Abend auf der Apostelstrasse sein Pelzrock mit Schnüren, gefüttert mit Marderfell aus dem nördlichen Canada – einem eigenen Importartikel – hervorgebracht hatte (selbst bei Pitern, der so kindlich glückselig sich erging, dass er die heute stattgehabte "Mordscene" mit Delring schwerlich schon embryonisch in seiner "fürchterlich reizbaren" Seele trug), selbst diese Bewunderung hinderte nicht, dass ein schon seit lange gehegter elegischer Plan kurz vor seiner Reise nach Witoborn zur Ausführung kam. In seinem Innersten hatte er sich auf etwas ertappt, was ihn drückte. Es war etwas, das er am wenigsten seinem angebeteten Freunde Benno von Asselyn und gerade darum dem Domherrn gestehen wollte. Vorgestern, beim Nachhausegehen von der Austernpartie, als er zwischen ein und zwei Uhr unter den nächtlichen Sternen nicht enden konnte, von Armgart's Mutter zu schwärmen und jedesmal Benno, wenn dieser dann auch mit Ekstase anfangen wollte, mit Allotrien in die Rede fiel, hätte er beinahe alle Schleier von seinem inneren wegfallen lassen. Asselyn! – rief er; aber da war dieser wieder durch irgendeine ironische Seitenbemerkung "unverbesserlicher ausgebrannter Krater" und so blieb eine "unwiderstehliche Erleichterung seines Busens" in ihm stekken. Heute in der Frühe zog er seinen canadischen Pelz an, las, um seine Katechismuszeit aufzufrischen, in einem alten Beichtspiegel, den er aus der Bibliotek seiner Mutter als Reisegepäck nach dem frommen Witoborn mitnehmen wollte, und beschloss, dem Domherrn eine gründliche Schilderung gewisser Schlechtigkeiten zu geben mit der Bitte, das Nähere davon Benno mitzuteilen, damit ihn dieser nicht verkenne, denn – "Eines muss der Mensch haben", sagte er sich, "woran er sich vom Tiere unterscheidet, welches nicht mit Vernunft begabt ist"; ja er setzte hinzu: "Unter gewissen Umständen ist das Sakrament der Busse eine merkwürdige geschichte!" ... Zu den besonderen Segnungen des Beichtstuhls gehören nämlich die sogenannten "Restitutionen". Der Beichtörende übernimmt dann die Ausgleichung einer eingestandenen Schuld, ohne dass der davon Betroffene die Ahnung hat, von wannen ihm diese geheimnissvolle Rechtfertigung oder unerwartete Schadloshaltung gekommen ist ...
Für die sogleich zugestandene neunjährige Unterlassung des Beichtens erhielt Tiebold Vorwürfe, die er "vollkommen in der Ordnung" fand. Ja fast hätte er ohnehin zur schnellern Orientirung des hochverehrten Priesters über die "betreffende Persönlichkeit", die hier in dem schönen canadischen Pelzrock und mit dem schönsten frisirten Scheitel vor ihm lag, die Ergänzung gegeben: "Schauderhaft, selbst für jene wunderbare Rettung am Sturz des St.-Moritz fand ich keine Veranlassung, irgendjemand anderes zu danken, als dem Obersten von Hülleshoven und einem Ihnen vielleicht persönlich nicht ganz unbekannten Ehrenmann Namens Hedemann" ... Trotz dieser zurückgehaltenen Indiscretionen musste Bonaventura nach einigen weitern Wechselreden den Freund Benno's sogleich erkennen. Nicht wenig war er überrascht, als dieser von sich eingestand, dass auch er eine Dame liebte, die er nur "leise angedeutet" zu haben glaubte durch offene Nennung ihres Namens Armgart von Hülleshoven.
Ich liebe ein Mädchen, bekannte Tiebold, von dem ich vor einigen Monaten erfuhr, dass es auch das "Ideal" eines Freundes von mir ist, für den ich "sonst mein Leben lasse"! Durch eine besondere "Verkettung von Umständen" hatten wir zusammen eine nächtliche Reise zu "bestehen", wir drei, die Dame, mein Freund und ich. Die Gegend war reizend, einsam und "wunderschön"! Die Nacht mondhell, die Sterne – nein, es war "wirklich" prachtvoll und – und – "niemand" schlief, "die junge Dame ausgenommen", die, von Anstrengungen "übermannt", "der natur ihren Tribut zollte"! Mein Freund und ich, wir "zwei", "verständigten uns durch gegenseitiges Schweigen". Merkwürdig aber! Je mehr "der Morgen graute", desto "finsterer wurde es"! Der Mond "verschwand" ... Die Berge, die Tannen – reizend; aber um vier Uhr Morgens "stichdunkel"! Unsere Begleiterin erwachte! Sie seufzte und erzählte ihre Träume, die wir "um das feierliche Schweigen zu brechen", ihr auszulegen versuchten! "Aber" an den einzelnen Stationen mussten wir aussteigen, um mit den Postaltern und Postillonen