Sie noch! Sie ringt nur mit der Gott ja gleichfalls wohlgefälligen Liebe zu Ihrem Gatten. So ist ja ein Ausgang da aus diesem Labyrint, der Sie vorläufig vor Conflicten mit der Seelsorge bewahrt! In den Ihnen nun verhängten künftigen Entbehrungen kann ich nur eine Gnade des himmels erkennen. Wie glücklich werden Sie sein! Ganz nur Ihrem Gatten hingegeben! Seine Sorgen, seine Erfolge teilend! Ich will Sie in mein Gebet einschliessen! ...
Eine Weile dauerte es, bis Madame Delring weiter sprach ... Sie hatte ihr Taschentuch an ihr Auge gedrückt ... Mit gebrochener stimme hauchte sie:
Und ist es denn wirklich wahr – Und auch Sie, Sie sagen es – mein Kind würde im Jenseits –
Sie vollendete ihre Rede nicht. Denn Bonaventura unterbrach sie:
Wir haben eben eine so schöne Einigung gehabt, eine Einigung, auf die hin ich Ihnen freudig die Absolution für Ihre Zweifel erteile und Sie auf Sonntag zum Tisch des Herrn lade. Warum kehren Sie zu dem alten Unmut zurück? Die Kirche hat den Abfall so vieler Millionen Bekenner erleben müssen, sie hat ihn zu einer Zeit erlebt, wo in der Tat ihr Wesen mannichfach entstellt wurde. Muss sie nun nicht streng sein, die Ihrigen zusammenzuhalten? Darf sie gering denken von dem, was ihre Lehre über die Stufenfolge und die Ordnung des Heils aufgestellt hat? Eine Sprosse daraus weggezogen und das ganze Gebäude wankt. Zu unserer Kirche zu gehören ist nun einmal nach unserer Lehre eine Wohltat. Denken Sie doch nur immer an das, was Sie selbst als Kind glücklich gemacht hat, als Sie die erste Annäherung an die Gemeinschaft mit der sichtbaren Vertretung Ihres Glaubens fühlten! Diese sanften Klänge an einem Palmensonntag, diese heiligen Schauer des Ostertages, diese Wonnen einer höheren Liebe zu jeder Stunde des hochheiligen Kirchenjahres – gönnen Sie sie, ich bitte, auch Ihrem kind, dessen Ankunft und weiteren Lebensgang Gott segnen möge!
Nun erteilte Bonaventura den Segen. Die Beichtende erhob sich langsam ... Ein Diener, der in einiger Entfernung gewartet hatte, sprang hinzu und half ihr beim Aufstehen. Sie ging bis an eines der grossen Portale, wo sie ein Wagen aufnahm.
Zeit zur Besinnung blieb dem Priester wenig ... Ob er mit sich – zufriedener war? ...
Aber da half kein blick nach innen ... Schon wieder musste er das entgegengesetzte Fenster öffnen ...
Ein grosser Triumph des Beichtstuhls ist das Herantreten selbst des Höhergebildeten zum Ohr des Priesters. Grösser aber noch möchte man den Triumph nennen, wenn sich ihm die männliche Jugend in jenem Alter naht, wo die Knabenvorurteile abgestreift sind und sich sonst der keimende Stolz des Mannes schämt, sich noch an den Gängelbändern der ersten Erziehung zu zeigen. Ein junges Ross zerreisst alle Stränge, bricht alle Schranken – aber so halbwüchsige Jugendkraft im Beichtstuhl zu erblicken, selbst da sich demütigend, selbst da sich unterwerfend, das ist eine Glorie der Kirche und des Familienlebens. Alle Abbildungen, die man von dem knieenden heiligen Aloysius von Gonzaga, einem frommen, offen gestanden, etwas blöde und geistlos blickenden Pagen am hof der bigotten Nachfolger Philipp's II. sieht, bezwecken es, die Liebenswürdigkeit einer ganz noch in Knabengewohnheit sich haltenden Kirchlichkeit auch dem reifsten Jünglingsalter einzuprägen.
Tiebold de Jonge hatte wirklich, wie er an jenem Morgen nach dem Frühkaffee Benno "auf Ehre" versichert hatte, neun Jahre lang nicht gebeichtet. Benno würde nichts dagegen gehabt haben, wenn von diesem "auf Ehre" die jährliche Osterbeichte ausgenommen gewesen wäre; denn diese war, wie damals auch Pastor Engeltraut in Drusenheim gesagt hatte, eine ganz conventionelle "Sündenabwaschung", der man nicht entraten kann und die sich bei jedem, der keine bürgerlichen Unannehmlichkeiten erfahren will, innerhalb der katolischen Kirche von selbst versteht. Aber Tiebold de Jonge war wirklich in neun Jahren ein completter Heide gewesen. Immer traf es sich, dass er zu Ostern irgendwo auf Reisen war; eine mahnende Mutter lebte nicht mehr; sein Vater war "ohne Vorurteile" und als "König der Holzhöfe", wie er hiess, in einer Vorstadt wohnend, mit der Gesellschaft wenig in Berührung, ausgenommen bei den Provinziallandtagen. Die Gelegenheiten, wo junge Leute Beicht- und Communionzettel brauchen, kamen bei Tiebold nicht vor. Weder brauchte er Stipendien zum Nachholen seiner etwas vernachlässigten Studien, noch liess er taufen. "Ei, wart' du nur, Kerl", sagte öfters sein Vater zu ihm, wenn er die Verwilderung bemerkte, "bis du nur endlich heiraten wirst, dann hört wohl die Freigeisterei auf! Aber!" setzte er hinzu, "du wirst wohl auch so ein Hans Matz werden, wie –" nun nannte er einige reiche ältere Herren aus der christlichen Handelssphäre, die, wie der "Ober-Chochem" Moritz Fuld, vorzogen, Garçons zu bleiben. Vor vier Monaten erst, als Tiebold so melancholisch und so verspätet von der drusenheimer Partie zurückkam und einige Tage lang seine besten Leibgerichte stehen liess, setzte der Vater hinzu: "Die Hanne Kattendyk hast du dir nun auch entgehen lassen! Macht sich so ein hungeriger Professor dran! Nannette Schmitz ist freilich noch zu jung! Aber Josephine Moppes, Lisette Maus, Mamsell Effingh und der kleine Schwarzkopf, der mir schon gefallen könnte, Betty Timpe – sage mir nur, Kerl, warum schleppst du dich mit den Brüdern dieser Mamsells, diesen liederlichen Tagedieben, wenn du nicht reelle Absichten dabei hast