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erhalten werde?

Die Aussegnung einer Wöchnerin bei ihrem ersten Kirchgang ist ein Brauch, kein Sakrament ...

Nach dem Glauben meiner Mutter und Geschwister werde' ich, wenn ich ohne Aussegnung sterben sollte, als ruheloser Geist Nachts mit einer Kerze in der Hand so lange um diese Katedrale gehen müssen, bis eine andere Lebende sich für mich aussegnen lässt!

Bonaventura wurde irre, ob ein solcher Glaube in einem gebildeten haus herrschen konnte. Fast an der Anwesenheit der Frau Hendrika Delring zweifelnd, sagte er:

Welche Torheit! Nur fürcht' ich, dass Sie nach Ihrer Handlungsweise überhaupt nicht im Schoose unserer Kirche bleiben werden; denn die Gnadenmittel müssen Ihnen entzogen werden!

Eine Pause trat ein ...

Auch Sie sprechen wie Kanonikus Taube! sagte die stimme ...

Wir sprechen alle, wie die Mutter Kirche spricht! Sie will keines ihrer Kinder sich entzogen sehen und ist streng gegen die, die ihrer Liebe ein neues Kind vorentalten! Erwägen Sie Ihre künftigen Leiden! Ihr Gatte ist edel; wie denn wird er von Ihnen ein solches Opfer verlangen!

Hendrika Delring weinte ...

Es währte lange, bis sie sich sammeln konnte ...

O diese Welt! rief sie plötzlich heftig aus ...

Warum nur beruhigt Sie der Friede dieses Gottestempels nicht? Warum sprechen Sie in dieser Aufregung? Erzählen Sie, was Ihnen begegnete!

Schon oft, hochwürdiger Vater, wollte ich zu Ihnen kommen! Ich hörte täglich von Ihrer Weisheit und Güte. Neulich noch, als meine Familie sich um mich versammelt hatte, ein Marienbild in meinem Zimmer entschleierte und, indessen alle auf den Knieen lagen, zu ihm ein Gelübde sprach, sie würden, wenn ich mein Kind nicht im Glauben des Vaters taufen liesse, eine Wallfahrt antreten und in einem gräflichen haus bei Witoborn, wo geistliche Uebungen gehalten werden, sechs Wochen lang sich einschliessen und die Exercitien mitmachen, da schon wollt' ich zu Ihnen kommennur warf mich die Verzweiflung aufs Krankenlager. Meine Mutter behauptete, wenn ich anders handelte, würde' ich jetzt Gott um die Erfüllung eines Gelübdes betrügen ...

Das ist eine Torheit! erwiderte Bonaventura entrüstet. Wer lehrte Ihre Mutter, dass Gott unserer Opfer bedarf! Ein Gelübde kann einen Wert für unsere Seele haben, aber nur der Heide kauft seinem Götzen mit einem Gelübde etwas ab. Eher könnte Ihr Gewissen sich gedrückt fühlen von dem Vorwurf, die religiöse denkart der Ihrigen, vollends einer Mutter zu verletzen ...

Auch musst' ich bittere Tränen darüber weinen und war in meinem Vorsatz wankend geworden! Ein junges Mädchen, das in meinen Diensten steht, sprach täglich von diesen Exercitien, an denen sie so gern teilgenommen hätte. Das junge Kind, das ich so lieb habe, vergegenwärtigt mir den Glauben, den ich immermehr verliere ...

... Ist das Treudchen? dachte Bonaventura voll Bangen. Treudchens Beichtvater warCajetan Roter ...

Leider aber lässt der Peiniger meiner Lebensruhe nicht nach! fuhr Hendrika Delring fort. Es ist mein eigener Bruder! Früher war mein Gatte Führer des Geschäfts. Aufrecht gehalten hat er's in schwieriger Zeit. Die Zeit ist nicht mehr günstig wie sonst, andere überflügeln den alten Kaufmannsschritt und darauf fusst mein Bruder, um meinen Gatten täglich zu verletzen. Während er selbst sich der sinnlosesten Verschwendung ergibt, wirft er uns die kleinste Ausgabe vor und schon war unser Entschluss reif, ganz aus dem Geschäft auszutreten. Leider ist meine Mitgift, wie es bei Kaufleuten Sitte, nur klein; meine Einnahme hängt von dem Ertrag des Geschäftes ab. Eine ihr entsprechende grössere Summe herauszuziehen, ist immer mit Schwierigkeiten für unser ganzes Haus verbunden. Darum, weil mein Mann von vorn anfangen müsste und auch des Salairs für die Führung des Ganzen zu entbehren hätte, bekämpfte ich diesen Schritt, hielt aber zu meinem Mann und brach mit meiner ganzen Familie. Deshalb auch schenkt' ich ihm im Geist meine Hoffnung, ohne dass der Edle es begehrt. Aber jetzt ist keine Wahl mehr. Mein Gatte muss weichen. Heute in der ersten Frühe fand eine Scene statt, die jede Aussöhnung unmöglich macht. Um das Geringfügigste erhob schon sonst unser Tyrann einen Streit. Diesmal darüber, dass er eine Gesellschaft geben will und zu dem Ende Ansprüche macht auf einen teil meiner Zimmer. Ich verweigerte sie ihm aus Gründen, die eine Hausfrau haben darf. Nicht um eine Ladung Waaren, nicht um einen Wert von Tausenden begann er jemals einen solchen Streit, wie jetzt über diesen Gesellschaftsabend. Mein Gatte kam hinzu. Das ganze Haus wurde Zeuge eines Auftritts, der nur damit enden konnte, dass wir das Haus und das Geschäft für immer zu räumen erklärten. Mein Gatte wird eine Stelle suchen, meine Mitgift und ein uns angewiesenes Zehntel vom Reinertrage des Geschäfts reicht vielleicht aus, ihn irgendwo zum Associé zu machen. Wir ziehen weg von hier und wenn ich dann an seiner Seite lebe – –

Nun dann, dannunterbrach Bonaventura das plötzlich stockende Bekenntniss, dann schenken Sie Ihr Kind Ihrer MutterIhr Gatte bedarf dann keinen weitern Beweis Ihrer Liebe mehr!

Hendrika schwankte, aber in ihrem Worte: Hochwürdiger Vater, ich zweifle schon an allem –! lag eine Zustimmung ... Der sanfte Ton des Priesters hatte sie überwunden ...

Das sagen Sie doch nicht! unterbrach Bonaventura. Die Liebe ist ja mächtig in Ihnen! Auch Liebe zu Ihrer andern Mutter, zur Kirche, haben