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Dingen stündlich suchten, würde das Aberglaube werden. Aberglaube kann es sein, die ganze majestätische Grösse Gottes immer auch bei kleinen Leiden und Freuden sich gegenwärtig zu denken. Aber jenen Fusstapfen der wandelnden Gotteit nachgehen, die in Ernstem und Wichtigem liegen, gibt Erhebung. Sie werden staunen, wo Sie überall diese Schritte abgedrückt finden, wenn Sie nur erst anfangen, für alles das, was die Welt gleichsam namenlos hinstellt, gleichsam mit einem "Man" einführt oder mit einem "Es" ("es wird sich zeigen") oder sonst mit einer Form der reinen Genüge des Menschen an sich selbst, den Herrn der Welt einzuführen. Versuchen Sie das! Zu einem Gott sich erheben, der ausser uns und unendlich hoch über uns wohnt, ist allerdings schwer; denn je näher wir ihm da zu kommen suchen, desto entfernter rückt er. Nehmen Sie also Gott zu Ihrem steten Begleiter, nur dass er einige Schritte vorangeht, nicht immer Ihnen zur Seite, nehmen Sie ihn zum Erfüller aller der Pausen, die Ihnen das Leben lässt, zu der zweiten person, die in Ihrem Gewissen mit Ihnen redet, zu dem unsichtbaren Freunde, der in einem dunkeln Zimmer, wo Sie über irgendein Vorhaben brüten, mit Ihnen Rat hält! Ist das von Ihnen eine Zeit lang versucht worden, so werden Sie auch allmählich wieder anfangen, christgläubig und kirchlich zu denken.

Es wäre also der umgekehrte Weg, den ich früher einschlug, alles, was mir sonst Gott hiess, gerade anders zu nennen! sagte Monika und ihre Gedanken verweilten einen Augenblick bei der Gräfin Erdmute, die noch gestern beim Abschiede gesagt hatte: "Der Herr schenkt mir ein gutes Reisewetter, etwas Frost und gute Wege!" Nun aber sprach sie: Meine Zweifel über Gott werden sich wieder beruhigen; schwerer die über die Kirche und über die Wahrheit des katolischen Glaubens!

Bonaventura wallte fast auf mit den Worten:

Sie sind so arm an Glauben und sind schon wählerisch? Sie hungern und dürsten und bemäkeln schon die Speise, die Ihnen gespendet wird? Wahrlich, die milden Guttäter müssen sich viel gefallen lassen!

Fast bereute er dann sein hartes Wort und blickte deshalb ein wenig auf. Gross und voll senkte sich der Strahl zweier dunkelbrauner Augen auf ihn herab, ein wehmütiger Zug um den Mund milderte einen Anflug von Bitterkeit in schönen, regelmässigen Zügen. Er musste des Obersten gedenken. Er musste sich sagen: Diese beiden Menschen sind sich so ähnlich und fliehen sich!

Mit sinnendem Ernste, bei dem sich die Augen wieder verkleinerten und die grossen Sterne wie in das tiefste Innere zurückzogen, sprach Monika:

Ich weiss vollkommen, was wir an unserer Religion besitzen! Sie ist kein Gedanke, der soeben von heute aus dem haupt eines erleuchteten Geistes sprang. Sie ist eine ehrwürdige Ueberlieferung, eine grosse Weltbegebenheit, aus der wir entnehmen dürfen, was wir für uns nutzbar machen können. Ich werfe es den Protestanten vor, dass sie sich die Bürde auch des Ballastes an ihrem Lebensschiff viel zu leicht gemacht haben. Ist man Christ, so soll man auch die geschichte seines Glaubens tragen. Oft hab' ich mir gesagt: An allem, was unsere Kirche festält, ist etwas, was uns irgendwie immer wieder versöhnt, wenn wir dann auch wieder einer zweiten andern Formel nur mit schwerem Herzen genügen. Dann aberplötzlich tritt doch ein Widersacher in uns auf, den ich nicht den Teufel nennen kann. Unser Herz stösst plötzlich einen Hülfsschrei aus und lechzt nach der natur. Ich habe nie über diese Dinge so nachgedacht, als seitdem ich Rechte des Herzens zu haben glaube. Ich bin nicht glücklich vermählt. Gesetzt, ich würde noch einmal lieben können, unsere Kirche verböte mir das. Wie soll ich da nicht an ihrer Göttlichkeit zweifeln!

Bonaventura blickte bei diesen sicher und fest gesprochenen Worten im Geist auf seinen eigenen Vater, seine eigene Mutter, jenen, der vielleicht noch lebte und sich der Welt entzog, nur um dieser eine zweite Ehe zu ermöglichen ...

Diese zartesten fragen des Beichtstuhls hatte er erst in seiner jetzigen Wirksamkeit kennen gelernt. Sie kamen auf dem land nicht vor. Es gaukelten wohl zu allen zeiten vor seinen Augen die hundert Fälle, die die Vorsicht der römischen Casuistik über die Tatsachen des Ehelebens oft mit einer Nackteit und Natürlichkeit aufzählt und niedergeschrieben hat, die nur aus Herzen kommen konnte, die sich zum Cölibat verpflichten. In allen diesen spanischen und italienischen Vorwegnahmen der durch die Liebe heraufbeschworenen Gewissensleiden ist jener wahren Empfindung wenig Rechnung getragen, die aus den reinsten Tiefen des Herzens stammt. Bonaventura las im Sanchez, im Bellarmin, im Lambertini die hundert Fälle, wo in der dort gebrauchten Sprache Cajus die Rosa liebt, Rosa den Titius, Tatsachen der Liebe, die das Licht des Tages scheut, nicht jener, die nicht erwidern will ohne das offene Bekenntniss ihrer Neigung vor der Welt; nicht jener, die der inneren Heiligung des Menschen zum Segen werden kann und die die Kirche zum Fluche macht; nicht jener, die mit Verachtung solche Licenzen zurückweist, wie sie die Toleranz der Gewissensräte anrät und nur mit Gebeten und Almosen gebüsst wissen will; nicht jener, die nach Neigung wählen und in der Freiheit, frühere Irrtümer zu berichtigen, vor gläubigen Seelen sogar durch das Beispiel der Patriarchenzeit geheiligt ist; nicht jener, die uns deshalb nur allein wahrhaft frei macht, weil sie die ewigen und unwiderleglichen gesetz der natur zu Gesetzen der Sitte, der Vernunft