Lust bezeugte, der Rival seines Sohnes zu werden. Lucinde wohnte im schloss selbst nur bis zu dem Tage, wo mit dem mächtig hereinbrechenden Frühling eine Menge benachbarter Adelsfamilien erschienen und sie in den für sie bestimmten Pavillon des Parks zog. In dieser Zeit der Besuche musste sie sich vom schloss sogar ausdrücklich fern halten.
Vom Pavillon aus beobachtete sie die vornehmen Gäste, die kamen und gingen. Liebliche junge Mädchen, auch Kinder umschwärmten einige Stunden lang, während der Hof sich mit Livreen füllte, einen Weiher im Park. Besonders anmutig war eine Comtesse Paula von Dorste-Camphausen, eine zarte, schlank aufgewachsene und, wie es schien, kränkelnde Blondine mit langem goldenen Haar, kaum zwölf Jahre alt und schon zur Reife entwickelt. Ihre treueste Begleiterin war ein kleiner schwarzer Lokkenkopf, den man Armgart von Hülleshoven nannte. Auch flüchtig sah Lucinde jene Portiuncula von Tüngel, aus dem Geschlecht der Tüngel-Appelhülsen, die in diesen Tagen und bei diesen Beratungen und Bewillkommnungen durchaus die Kammerherrin von Wittekind, die Gattin eines Geistesschwachen, werden sollte. Sie sah sie eines Tages wieder, als sich der Park plötzlich mit Menschen gefüllt hatte. Sie war nicht auf diese Ueberraschung gefasst gewesen. Sie hatte sich in träumender und verdriesslicher Langeweile für sich allein in ihrem Pavillon geschmückt und musste an den Parkweiher, weil der Kammerherr, wie sie von den alten Leuten, bei denen sie wohnte, erfuhr, ihr im Vogelhause alle ihre Nähapparate versteckt hatte. Dortin wagte sie sich. Sie hatte sich in einem vom Kammerherrn mit Goldlackfarbe bemalten schöngeformten Kahn, zu dem ein zierliches mit Goldfarbe gleichfalls überzogenes Ruder gehörte, an das in der Mitte befindliche Haus voll türkischer Enten, Tauben und Schwäne, die in drei Stockwerke verteilt waren, hinrudern wollen, indem gerade die ganze Gesellschaft vom schloss kam. Alles eilte voll Staunen näher. Es war die phantastischste Ueberraschung, die man sehen konnte. Der Teich, der goldene Kahn, die schöne Schifferin ... Und der Kammerherr selbst konnte, da der Vater nicht sogleich in der Nähe war, dem Drange nicht widerstehen, der Welt seine wahre Liebe genauer zu zeigen. Lucinde erschrak und flüchtete sich in das Vogelhäuschen. Es bestätigte dieser Anblick die Sage, dass sich der Kammerherr Jérôme auf Schloss Neuhof ein Elfenkind hütete.
Es folgte aber eine heftige Scene mit dem hinzukommenden Kronsyndikus. Die phantastische Schifferin stieg über den Lärmen in die Pagode hoch hinauf und kletterte bis an die obere Spitze, die in einem buntgemalten Taubenschlage endigte. Da flatterte es, als sie dort richtig ihr Nähzeug entdeckte, von allen Oeffnungen heraus, während der Kahn, den sie nicht befestigt hatte, inzwischen ans Ufer schwamm. Nun wollten die Herren der Gefangenen zu hülfe eilen; aber der Kronsyndikus machte dem Vorfall durch kurze und entschiedene Befehle ein Ende. Er kündigte auch die eben erfolgte Ankunft seines ältesten Sohnes an.
Alles musste jetzt den Park verlassen und den Regierungsrat von Wittekind begrüssen ...
Lucinde bekam so die Freiheit.
Bis die Bediente den Kahn zurückgerudert hatten zur Insel, sass sie unter den Tauben, die allmählich wiederkehrten, und konnte Betrachtungen anstellen über alles, was zwischen ihrem Taubenschlag auf dem geflickten Schindeldach in Langen-Nauenheim, dem Taubenschlag unter dem Küchenherd der Frau Hauptmännin und dem hier auf der chinesischen Pagode im Park von Schloss Neuhof für sie an Erlebnissen in der Mitte lag.
11.
Schon war für Lucindens Ehrgeiz eine Zurücksetzung, wie sie sie jetzt erlebte, wenig geeignet. Manchmal, wenn sie bei offenem Fenster in ihrem Pavillon sass, war es ihr, als wenn sie sich in der Tat doch nur eine aufs Land hin vermietete Nähterin erschien. Sie sass und besserte wirklich nur Wäsche aus. Es war allerdings ihre eigene. Sie hatte um ihre Schwester fortgesetzt noch Trauer anlegen wollen und begehrte neue schwarze Kleider; der Kronsyndikus hatte sie ihr abgeschlagen, da der Anblick seinen Augen nicht wohltäte, eine Aeusserung, die sie den alten Leuten wiederholte, bei denen sie wohnte, und die von diesen mit einem tiefen Seufzer aufgenommen wurde ... Ueberhaupt fiel ihr der Druck, unter dem hier auf dem schloss und in seiner nächsten Umgebung alles lebte, immermehr auf. Ja, sie selbst empfand ihn schon. Als sie wegen der verweigerten Garderobe wollte zu schmollen anfangen, rief der Kronsyndikus ein so starkes und drohendes Halloh! dass sie erbebte und diesen Ruf, dies Zusammenziehen der gelbweissen buschigen Augenbrauen nie wieder heraufbeschwören mochte.
Während auf dem schloss eines Tages wieder eine glänzende Gasterei stattfand, trieb es Lucindens Ungeduld und verletzte Eitelkeit ins Freie.
Hinter dem Park gab es erst ein Feld und eine Reihe von Obstbäumen zu durchstreifen, dann öffnete sich ein grüner Grund, und tief hinab ging in allmählicher Abdachung eine enge Bergspalte, die sich erweiterte zum schattenreichsten Waldesgrün, wieder dann enger wurde und sich so in gleicher Abwechselung fortzog bis zur Ebene hin, aus der zunächst die Türme eines Franciscanerklosters, Himmelpfort genannt, herübersahen, dann die des Stifts Heiligenkreuz und der Dom der uralten Stadt Witoborn.
In diesem Einschnitt zwischen zwei oben ganz wie in der Ebene liegen bleibenden Saatfeldern wucherte die Pracht des Waldes. Im Winter musste diese Spalte mit Schnee überfüllt sein. Auch jetzt im Frühjahr, wo überall der Boden schon trocken, glänzte hier noch alles feucht. Von den Felswänden tropfte es zwischen Moos und Farrnkräutern hin. Ein Bächlein bildete sich unversehens. Es rieselte unter Haselnussbusch und Schlehdorn über ein verworren steiniges Bett. Mancher Felsblock schien den Lauf des Bächleins ganz