1858_Gutzkow_031_329.txt

erzählen von Hirten, die in eine Felsenspalte sahen, die Geister belauschten und für immer verstummten ...

Wie schwer trug seine Seele, als er von dannen schritt!

Auf dem Gange traf er alle, die ihn hinaufbegleitet hatten ... Nück's Nachkommen wusste er nicht und fand ihn auch nicht mehr ...

Doch am folgenden Morgen klagte sich im Beichtstuhl eine ihm bekannte stimme aller Leidenschaften, aller Laster der Erde, aber auch der Verbitterung durch Unglück und des Menschenhasses an ...

In ihrem Tone, in einem tief eingeschüchterten Aufblick zweier scharfer Augen lag eine Angst und Beklommenheit, die Bonaventura wieder auf einen Verbrecher schliessen liessen. Er erkannte die stimme nicht sogleich.

Erst nach den Andeutungen von seinem Beruf und einem Hinweis auf so manche Verschleierung der Wahrheit, die er sich im Processe Hammaker erlaubt hatte, begriff Bonaventura ... Es war Nück ...

Entsetzen ergriff ihn ...

Nück beichtete mancherlei, aber offenbar war er nur gekommen, um zu hören, wie Bonaventura mit ihm sprechen würde ...

Des Priesters mildes Herz fühlte sich gedrungen, Nück's Verzweiflung zu beruhigen. Er deutete an, dass auch für ihn die beichte dieselbe Bedeutung hätte, wie sie für jenen Bischof gehabt haben soll, der, der Sage, nicht geschichte nach, sich eher von einem Fürsten in die Wellen der Moldau werfen liess, als dass er ein geheimnis verriet, das er von dessen Gattin unter dem Siegel der beichte wusste.

Kein Wunder, dass Nück sich mit neuem Lebensmut erhob und den Beichtstuhl in einer Stimmung verliess, als könnte er mit seinem einzigen arme einen der Riesenpfeiler der Katedrale ausheben.

So viel Kraft lag dem Doctor Abadonna in dem magischen Worte: Rom und sein Glaube.

Winterlich weisse Leichenfelder lagen in Bonaventura's Brust. So öde und schauerlich wehte Schneesturm durch sein Inneres, wie auf der Alpeneinsamkeit, die der Dechant beim Bericht seines Besuches auf dem St.-Bernhard geschildert ...

Auch der Morgue des St.-Bernhard musste er gedenken ...

Mut und Ausdauer sprachen ihm die Stimmen der Augustinerchorherren nicht mehr so beredsam wie einst.

5.

Eine wie eitle Matrone! sagte sich Bonaventura, als er durch das kleine Schiebfensterchen seines Beichtstuhls eine graue Locke unter einem hut hervorgeglitten auf einem Taschentuche liegend bemerkte.

Ein Matronenhaar in Locken!

Dann aber hörte er die klangvolle Anrede und staunte eine Greisin zu finden, die sich einen so reinen jugendlichen Ton der Rede bewahrt hatte ...

Nach den ersten geflüsterten Anreden und Erwiderungen stellte er die Frage um die letzte beichte. Er hörte, dass diese in Wien bei dem Beichtvater der Hospitaliterinnen stattgefunden ...

Dann sagte die Frau, die er für eine Matrone hielt, dass sie gerade deshalb zu ihm gekommen wäre, weil sie ihn schon einigemal beim Austeilen des heiligen Abendmahls gesehen und nicht nur die Geduld bewundert hätte, mit der er unter Hunderten beim Ausspenden des Brotes die Worte sprach: "Herr, ich bin nicht wert, dass du eingehst unter mein Dach; aber sprich nur ein Wort, so wird meine arme Seele gesund!" sondern wie er jene Worte auch jedem so, als wenn er ihn persönlich kannte, gesprochen, jedem so, als wenn sie gerade für ihn bestimmt wären. Deshalb wage sie, ihn mit sich selbst zu belästigen, fürchtend freilich, dass seine Zeit zu gemessen wäre ...

Bonaventura hatte die Absicht, Lob und sorge um seine Zeit mit einer Handbewegung abzulehnen. Da blickte er etwas auf und erkannte unter der damals üblichen Form des Hutes mit langgeschweiften Seiten, die die Wangen verdeckten, ein jugendliches Antlitz und nun in Vergleichung mit den Locken und nach der Erwähnung Wiens war es nur die Oberstin von Hülleshoven aus Benno's zutreffender Beschreibung ...

Noch ehe er vor Ueberraschung mehr als ein ermunterndes und beruhigendes: Bitte! erwidert hatte, sprach schon die Beichtende:

Ich bekenne mich zu der Unruhe, in welche die Seele durch Grübeln und Denken versetzt wird, bekenne mich zum Zweifel an allem, an Gott, dem Erlöser, an Kirche und künftigem Gericht!

Bonaventura verhüllte sich in seine Stola und sprach nach einigem Bedenken auf dies schmerzlich entschiedene Wort:

O ihr Heiligen! Sie geben Ihrem Zustand vielleicht viel schneller einen Namen, als Sie ihn noch ergründet haben! Sie hatten sich des religiösen Lebens vielleicht nur entwöhnt. Plötzlich drängt Sie irgendeine Stimmung zu ihm zurück und nun erschrecken Sie, nicht mehr alles so zu lieben und zu glauben, wie Sie in Ihrer Kindheit es liebten und glaubten. Machen Sie doch diese Rückkehr nicht zu übereilt! Vor der Feuertaufe des Herrn kam die Wassertaufe des Johannes! Legen Sie sich doch erst Uebungen zum Uebergange auf! Keine Geisselung des Körpers, keine Entbehrung Ihrer Sinne, nur eine gewisse Ascetik des Denkens. Sehen Sie, gewöhnen Sie sich einfach, überall den Finger Gottes zu suchen. Nehmen Sie nichts mehr, was Ihnen begegnet oder was Sie vom Schicksal anderer, ja vom Leben der ganzen Welt in Erfahrung bringen, in dem leichten Sinne, der nur die Erscheinung als solche betrachtet. Streben Sie vielmehr darnach, alle Erfahrungen, die Sie machen, zu verbinden, ihren geheimen Sinn und Zusammenhang zu ergründen, ihrer Folgerichtigkeit nachzuspüren und nennen Sie dann das, was Sie sonst in der Sprache des Denkens Zufall, Ungefähr, Wille, eigene Absicht nannten, einfach und kurzweg Gott. Wenn Sie diese Begegnung Gottes in kleinen