1858_Gutzkow_031_327.txt

desselben ergreifen, zur Schnur winden ... die Kette an seinen Füssen fasste er und sank wie ohnmächtig auf sein Lager zurück.

In der reinen Seele des Priesters wogte ein Feuerstrom. Das ist das geheimnissvolle Rätsel, das Nück und diesen Elenden verbindet! rief es in ihm, der schon lange immer nur der Erzählung Benno's gedenken musste von jenem Abend her. Dieser da hat so seinen Wohltäter verführt! Hat so eine Neigung desselben zur Melancholie ausgebeutet! Hat ihn sicher gemacht in dem Vertrauen zu ihm und dann ihn EinmalEinmal nicht wieder ins Leben zurückgerufen! ...

Alles das stand einen Augenblick klar vor Bonaventura's Augen und doch sagte sein Herz wieder: Es ist unmöglich! So weit kann der menschliche Geist sich nicht verirren!

Hammaker kehrte zur Besinnung zurück, krümmte sich wie ein Wurm, zog die graue Jacke über der Brust zusammen und fuhr mit stossweisen Zuckungen auf, wie wenn er von eisigem Schrecken geschüttelt wurde ...

Dann sprach er, als Bonaventura sich gesetzt hatte und das Antlitz, wie der Beichtörende soll, in einen Zipfel seines Kleides hüllte:

Der Bruder Hubertus sprach: Ich sollte heilen? Zu richten kam ich! Das Gericht Gottes ist unser, wenn wir seine Gebote gelästert gesehen! Wie durfte dieser Unglückliche leben, leben in solcher Umgebung!

Ich sage nicht, dass auch er die Wonnen dieses Todes suchte; er suchte den Tod selbst. Warum ihm die hülfe versagen! Warum Schonung einer solchen menschlichen Schwäche, die vielleicht Heldenmut war! Seid männlich und seid stark! spricht der Apostel ... Nun aber, nach dem Preise seiner Tat, erweichte sich des Bruders Gemüt und er erzählte mir, wie er von frühester Kindheit an Gottes Finger sich nahe gefühlt, wie er schon als Kind aus Flammen hinuntergeworfen wurde drei Stockwerk hoch, wie er sich ganz aus sich selbst hätte zum Menschen machen müssen, wie ihn dann Verrat und Undankbarkeit verfolgt und so gehetzt hätten, dass er notwendig zu Gott oder zum Teufel hätte entfliehen müssen ... Er glaubte, sagte er, auf der richtigen Strasse zu sein. Ein Weib, erzählte er, ein Weib war die Ursache meines tiefsten Kummers ... Sie, sie, die ich

Wer? unterbrach Bonaventura schaudernd ...

Hammaker schwieg ... Seine hände, die die Hauptmännin erwürgt hatten, zuckten.

Ihr Opfer? fragte Bonaventura wiederholt ...

Wie hätte es ihn nicht reizen sollen, etwas aus dem Leben der Schwester der Frau von Gülpen zu erfahren! ... Doch erwar das Gewissen selbst ... Er bekämpfte seine Neugier und sagte nur:

Warum zogen Sie nur aus dieser Begegnung mit einem so vielgeprüften, wenn auch vermessenen und Gott strafbar vorgreifenden mann nicht eine heilsamere Lehre für Ihr Leben?

Die Frauen, das Spieldie Ehre – O wenn ich

Haben Sie sonst eine Handlung, die vorzugsweise noch Ihr Gewissen belastet? unterbrach Bonaventura die eitle Selbstbeschönigung ...

Ich logich betrog

Kein anderes Menschenleben auf Ihrer Seele –?

Der Mörder schüttelte den kahlen, hässlichen Kopf ...

Bonaventura sah die Verstockung und wiederholte seine Frage ...

Da rief der Gefangene plötzlich und erhob sich wild und klirrte mit seiner Kette:

Emollit mores didicisse fideliter artes! Das zu verstehen, sprechen zu können, Bildung besitzen

O öffnen Sie Ihr Herz der Reue! unterbrach Bonaventura diesen Ausbruch eines halb wahren, halb koketten Ehrgeizes. Was Ihnen als einem Studirten auch Gott sein und als was er Ihnen erscheinen mag, ob als Begriff, ob als Wesen welcher Art und Grösse, und wären Sie Panteist und suchten den Schöpfer in sich selbst, dem Geschaffenen, Sie wissen, dass in unserer Brust eine sichere Wahrheit liegt, eine unumstössliche Gewissheit, der Unterschied von Gut und Böse! Was Sie auch mit menschlichem Witze wegzuleugnen suchen von den Grenzen, die zwischen beiden liegen, sie wachsen immer wieder diese Grenzen, wenn Sie sie auch noch so klug niederrissen. Blicken Sie mit sehnsucht aus dem Dunkel, in dem Ihre Seele lebt, in das Licht, das Licht der Unschuld, das Sie sehen, fassen, ahnen können, und nennen Sie dieses LichtGott! Sprechen Sie zu ihm: O wär' ich in deinem Abglanz, umstrahltest du mich, gäbst du mir Helle, Wärme, wahren Ruhm und wahre Ehre! Lassen Sie durch dies reine Licht der Unschuld alle die wandeln, die in diesem reinen geist lebten! Lassen Sie alle hindurchziehen, die Ihre Bildung kennt: Sokrates, PlatoEiner ist unter ihnen, der am leuchtendsten steht, Jesus der Gekreuzigte! Mit seinem blutigen haupt strahlt er und blickt voll Ernst auch auf Sie! Beten Sie zu dieser vielleicht noch einzigen lichten Stelle in Ihrem inneren und bekennen Sie beim Blute Ihres Erlösers, der allen Sündern Gnade vor Gott verhiess, Ihr ganzes Elend und was etwa sonst noch vor Gott und Menschen Sie belastet!

Hammaker faltete die hände, aber schlaff hingen sie und der Ausdruck seiner Miene war der, als wollte er sagen: Was hilft mir das alles? Der grausige Tod ist und bleibt gewiss! Was ist eine Reue, die von einem Willen kommt, der nicht mehr sündigen kann! Eine Reue über die Torheiten der Jugendvon einem Greise!

Der Priester überblickte diese Empfindungen und sagte seufzend:

Nun denn! Ihre einzige gute Stelle ist vielleicht nur noch Ihr Stolz! Wohlan!