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. Da ich regelmässig die Aufregung bemerkte, so oft der Bruder kam, verfiel ich auf diese und jene Vermutung. Keine derselben war so geheimnissvoll, wie mir die spätere Entdeckung zeigte. Es hiess, dass der Bruder bald in sein Kloster zurückkehren würde. Eines Abends sah ich ihn, wie so oft, ins Convict eintreten, wo er nicht wohnte. Ich folgte; der Türhüter kannte mich und hatte kein Arg. In den Gängen der untern Klassen war alles wie sonst. Oben aber war es einsam. Dann hört' ich fernhin ein eilendes Rennen und Laufen, der Tür zu, wo die wohnung des Rectors lag ...

Ein seltsames Rollen hatte schon einigemal Bonaventura's Aufmerksamkeit erregt. über der kleinen Zelle ging es wie ein sich ankündigendes Gewitter hin ...

Es sind Gefangene, erklärte der Verbrecher, als Bonaventura aufblickte, die an den Füssen Kugeln tragen ... Der Boden ist hohl ...

Wer ihn durchbrechen könnte! lag in dem Blicke, den Hammaker auf die Decke richtete. Seine eigene Kette liess ihn nicht fünf Schritte von der Mauer sich entfernen ...

Ich horchte in die Ferne, fuhr er dann sinnend und zerstreuter fort, und hörte geheimnissvolles Wispern, ja jetzt wie ein Gehen nur auf den Zehen. Im Kreise von Lehrern und Alumnen stand mein Mönch, hielt alle feierlich zurück, schritt auf die Tür zu, die ich, hinter eine Treppenlehne zurücktretend, sehen konnte, da sie querwärts den langen gang beendete, öffnete undallen bot sich der Anblick eines Mannes, der an einem Fensterhaken sich erhängt hatte! Der Mönch ging unerschrocken auf ihn zu, schnitt mit einem Messer, das er aus der tasche zog, den Strick durch, hielt dann in der kräftigen Linken den Leichnam und rief die Fernstehenden näher. In diesem Augenblick wurde ich gestört und musste mich entfernen ...

Bonaventura hatte auf der Lippe die Frage: War der Unglückliche der Pater Fulgentius? ... Doch unterdrückte er sie.

Noch am selben Abend, bestätigte der Mörder, hiess es, dass der Rector gestorben war. Auch die Art seines Todes blieb nicht verschwiegen, man sprach von Melancholie und ein Arzt von Selbstzerstörungswahn. Ja am Wirtstisch hiess es: Ein Mönch hatte ihn davon heilen sollen. Ich musste Abschied von Hubertus nehmen und fand ihn in dem Garten des Klosters, wo er eingekehrt war, im einsamen Wandeln. Rings hohe, graue Mauern, alles still undfast wie auf einem Kirchhof. Rücksichtslos frag' ich ihn: Sie sollen ja soviel vermögen, Sie sollen Hunger und Durst, Frost und Hitze ertragen lehren; konnten Sie denn jenen Mann nicht auch von seinem Wahne heilen? ... Er erwiderte: Ist da der Tod nicht die beste Heilung? ... Dabei stand er still und jetzt erst war es mir, als säh' ich einen Boten des Todes, ein Gerippe. So mager war seine Hand, so hohl seine Wange, so klanglos seine stimme. Ich fürchtete mich vor ihm und glaubte, schlüge er die braune Kutte auf, würde' ich ein Skelet sehen. Doch war der Bruder selbst in Aufregung. Offenbar hatte man von ihm etwas anderes erwartet. Er hatte heilen, nicht bestatten sollen. Auch verschwieg er das nicht. Nie hatte er zu mir so viel gesprochen, wie diesmal in dem einsamen Klostergarten, in den er sich wie geflüchtet hatte. Ja, sagte er feierlich, ich hatte verboten, ihn zu bewachen, ich hatte ihn sein Werk ausführen, hatte ihn so lange allein gelassen, bis seine Tat vollendet war! Denn, Herrich horchte hoch aufder Erhängte stirbt erst spät! Ich weiss das! Ich habe Hunderte erhängen sehen! Ich habe Menschen gekannt, die sich einschlossen, um die Wonnen dieses Todes zu haben! Denn das wissen Sie nicht, erst wählt die Melancholie diesen Tod, und dann, einmal ins Leben zurückgerufen, tritt eine Besinnung ein, wie auf den seligsten Opiumrausch! Bilder, Gestalten sind an dem schwindenden Bewusstsein vorübergegangen, die keine menschliche Hand zaubern konnte! Das Süsseste, was die Erde kennt, empfindet und trinkt der Gehängte in langen, endlosen Zügen! Die Scham macht den, an dem man diese Verirrung kennt, einsam irren, aber nichts kommt dem gleich, was diese Scham wieder aufwiegt und sie ertragen lässt! Zur rechten Zeit von der tödlichen Schnur befreit, langsam zurückkehrend zum Bewusstsein, erhebt man sich wie aus einem Traum, den man ewig träumen möchte! Der Greis wird wieder jung, die Matrone eine Braut, der arme schwelgt in Reichtümern, der Verbrecher ist ein König, der Feige ein Held, vor ihm liegt eine Welt auf den Knieen und bietet sich dar, mit ihm zu sterben! Nie hat man so gelebt wie in diesem tod, nie das Paradies so vorausgenossen, so die Schrecken vergessen, die diese Erde

Ein Grauen durchzuckte die Erinnerung des Mörders an das, was ihm so nahe bevorstand ... Er hatte sich erhoben und fiel betäubt zurück.

Auch Bonaventura hatte sich eine Weile erheben müssen, denn der Anblick der wilden Erregung des Mannes war entsetzlich. Hammaker, aufgerichtet, starrte gierig im Kreise umher; die Gewänder des Priesters betrachtete er, als könnte sich eine Schnur an ihnen befinden, die auch ihm diese hülfe des süssesten Todes brächte. Er streckte sich aus, als liesse sich ein Zipfel am Kleide