Hülfsmittel, Kraft und Unbefangenheit zu lügen, die hände abgemagert, das Auge weiss, so unheimlich, als könnte noch jeden Augenblick eine ruchlose Tat in diesem verworfenen Leben lauern, einem Leben, das nach raschem Instanzengang und abgeschlagener Majestätsgnade in einigen Tagen enden sollte.
Nach den ersten mit klopfendem Herzen gesprochenen Gebeten und Ermahnungen, der Gnade Gottes zu vertrauen, gab Hammaker ein Bild seiner Jugend. Er wollte, dass die Welt von ihm erfuhr, er hätte gründlich und fromm gebeichtet. Er wollte, dass sie ihm Teilnahme schenkte, selbst auf dem Richtplatz. So erliess er dem Hörer nichts von dem, was in den verstecktesten Winkeln seines inneren lebte. Aller Hohn, alle Verwünschung wird schweigen, dachte er, wenn man erfährt, wie du dich unterworfen! Mit tonloser, weicher stimme hauchte der Unselige die Worte hin:
Von meinen älteren, die später zurückkamen und nichts behielten, als ein Witwenhäuschen für meine arme Mutter, eine Frau von nahe achtzig Jahren, bin ich gut erzogen und studirte die Rechte mit nur zu vielem Beruf dafür. Ich drehte den Spiess um und sagte: Summa injuria summum jus: wo du alles gegen dich hast, gerade da sei dein Spiel! Meine Devise wurde das erst aus Uebermut, dann aus Not; wild lebte ich und hatte Bedürfnisse, die Geld kosteten. Schon damals bekam ich einen so übeln Ruf, dass mir die Niederlassung als Anwalt nur versuchsweise auf dem land gestattet wurde. In den Sieben Bergen da drüben wohnt' ich ... am liebsten aber war ich hier in der Stadt und nun musst' ich Geld machen. Hätten die Bauern mich tot geschlagen! Um eine person, die sich an mich hing, hatte' ich zwei Termine versäumt, drüber einen Process verloren; – erst später kam's heraus; der Bauer, dem die Sache Geld gekostet, wollte mich tot schlagen. Es wäre besser gewesen ...
Schon jetzt verliess den Sprecher die Kraft. Die Reue lässt sich nicht vergebens äffen. Sie übermannt den Heuchler wider Willen ...
Bonaventura übersah vollkommen diesen Zustand, wie er sich auch sofort beim Eintritt von der geringen Bussfertigkeit des Verbrechers überzeugt hatte. Er faltete gelassen die hände und betete, nicht etwa um Vergebung und mit ermunternder Zuversicht auf Gottes Gnade, sondern um Bewahrung eines reinen Sinnes und Schutz vor Heuchelei ...
Hammaker fühlte, dass er in seinem begonnenen Tone nicht fortkommen würde ... Er folgte der Weisung des Priesters, sich zu erheben und auf der Pritsche Platz zu nehmen ... Die Kette rasselte an seinem fuss ... er sank mehr nieder, als er sich setzte ...
Einmal, begann er aufs neue – und in dieser Stille klangen die Worte hohl wie aus dem grab – einmal kam ich an einen Weg, wo ich hätte umkehren können! Es war durch einen Mönch, der an meinem unseligen Leben nur zu verhängnissvoll zum Rächer für alles Unterlassene wurde ...
Rächer – ein Mönch? warf Bonaventura mit Vorwurf ein ...
Würden Sie diesen Bruder Hubertus kennen, hochwürdiger Priester, Sie gestatteten mir dieses Wort!
Bonaventura hörte den Namen, den er aus der Verhandlung zwischen Sebastus und dem Kirchenfürsten schon als den "Bruder Abtödter" kannte. Dieser Name war in den Verhandlungen vor den Assisen oft genannt worden. Es war der Erbe der ermordeten Hauptmännin ...
Ich verlor meine Stelle auf dem land, zog in die Stadt und arbeitete bei meinem Freunde – meinem Verteidiger. Nück hatte mit mir studirt. Er schlug einen andern Weg ein als ich. Aber auch ihn lockte der Sirenensang der Freude –
Sprechen Sie von sich selbst! unterbrach Bonaventura den Verbrecher, der mit Gefallen diese Worte betonte ...
Dieser Teufel, sagte sich Nück draussen, opfert mich – um eine Prise! ...
Der Verbrecher knüpfte die graue Jacke, die er trug, fester zu, als fröre ihn ... Das Geburtsfieber war es, das er sich in diesem Ernste bei der Verstockung seines Gemüts nicht möglich gedacht hatte ... Eine Weile zitterte er sich aus ... nach dem Schauder gewann er neue Kraft.
Ich arbeitete bei ihm, lenkte er ein, und erhielt einen Auftrag, in eine süddeutsche Stadt zu reisen zur Regulirung einer Streitfrage über geistliche Güter. Ein Mönch war bei Nück, der dieselbe Reise zu machen hatte und dem er mich zum Begleiter gab. Wir reisten zusammen. Vierzehn Tage, die ich mit ihm zubrachte, sind mir unvergesslich – der Bruder sprach nicht viel, ass und trank wenig. Ein Laienbruder der Franciscaner war es, er hatte Reisen gemacht, war in Indien gewesen und ein Sonderling. Aus dem Kloster Himmelpfort bei Witoborn hatte man ihn entsendet, um in einem süddeutschen Convicte eine Heilung zu versuchen mit dem Rector desselben, einem Pater Fulgentius. Dieser Unglückliche hatte die Gewohnheit –
Sprechen Sie von sich! unterbrach Bonaventura aufs neue ...
Ich wollte nur sagen, was ein gutes Beispiel tut, ehe ich bei Nück –
Warum behielten Sie das Vorbild der Strenge, der Selbstkasteiung, der Entbehrung nicht stets vor Augen?
Gerade das wurde die Ursache meines Falls ...
Bruder Hubertus?
Eine Handlung von ihm, deren Zeuge ich durch Zufall wurde! erzählte Hammaker mit einer Art von Behagen. Schon einigemal hatte ich den Bruder in das Convict begleitet, in welchem er einen Auftrag zu erfüllen hatte, von dem ich nichts erfuhr