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Wahl? Zum Richtplatz begleitete ihn der Seelsorger des Gefangenenhauses; aber dieser letzte Beistand schloss nicht aus, dass sein Beichtvater ein anderer war.

Warum wählte er Bonaventura von Asselyn? Er hatte ihm wie Benno als Entlastungszeuge beistehen sollen für sein Alibi in der Abendstunde, in welcher der Mord geschehen war ... Da aber hatte schon das Blut an seinen Händen geklebt und in dem einsamen haus am Stromesufer hatte er seinen Raub bei ihm bekannten Hehlern geborgen ...

Benno musste für Hammaker's Besuche bei der Ermordeten gegen ihn zeugen, wie er gleich anfangs gewollt hatte. An dem Tage, wo Nück beim Plaidiren dem "alten Freunde" die Prise verweigerte, sass Bonaventura als Zuschauer der Gerichtsverhandlung, lauschend den Worten, die Benno sprechen musste. Der Verbrecher, kokett bis zur letzten Stunde, sah die grosse Ehrfurcht der Menge vor dem Priester ... So fiel ihm bei: Dem willst du dein letztes Testament übergeben! Dem, der ohnehin der Schwester deines Opfers so nahe steht! ...

Die Verbrechen, die er zu entüllen hatte, gehörten den "reservirten Fällen" an, die vom höchsten Sitz der Kirchenprovinz diesem allein zu hören vorbehalten sind und deren Anhörung an einen untern Geistlichen nur durch besondere Vollmacht überlassen wird. Benno hatte eine Ahnung, Nück, als Hammaker's Verteidiger, würde Miene machen, diese an Bonaventura zu erteilende Vollmacht zu hintertreiben, er würde die Competenz der gegenwärtigen kirchlichen Oberbehörde zu solchen Vollmachten bestreiten, würde erklären, dass das ganze Land im Augenblicke gar keine kirchliche Regel besässe. Doch gab sich Nück zufrieden, in des Delinquenten Verlangen zu willigen, selbst auf Gefahr hin, dass die teuflische Seele gegen ihn undankbar blieb bis zum letzten Lebenshauche ... Wie bereute er, ihm den Griff in seine Dose abgeschlagen zu haben! Er, der doch oft im Volkston plaidirte; er, der das Publikum durch seine schlagenden Witze und Spässe bei den ernstesten Dingen belustigte!

Eines Morgens nach der Messe machte sich Bonaventura zu dieser schweren Pflicht auf. Er fuhr in einem Wagen im vollen Ornat seiner Würde. Als er in eine enge Gasse einlenkte und zu den Eisenstäben der Fenster eines alten Gebäudes aufsah, überfiel ihn ein Grauen ... In diesen dunkeln Mauern verhallten schon so viele Wutausbrüche der Verzweiflung, so viele Seufzer der bittersten Reue. Hier sassen einst auch jene Verbrecherbanden, die die Länder zwischen der Maas, Mosel, bis zum Main und zum Neckar hinunter unsicher machten, unmittelbar in den folgenden zeiten, als Schiller das Räuberleben auf der Bühne poetisch verklärt hatte. Diese Roller und Schweizer hatten aber wirklich Schufterle, keinen Karl Moor an der Spitze und doch auch manche kräftige und bessere natur, die im Sinnenleben und durch schlechtes Beispiel zu grund ging. Diese Picard, diese Bosbeck haben die Annalen der Verbrechergeschichte aufgezeichnet, wilde, grausame, verwegene Menschen, der Mehrzahl nach Juden, die die angeborene List ihres Stammes mit einem altbiblischen Mute verbanden. Immer durch die Schrecken der Revolution hindurch, sengten, plünderten und mordeten diese Menschen in Genossenschaften zu halben Hunderten und über fast ganz Holland und Deutschland hinweg waren ihre Hehler ausgebreitet, ja so weit, dass in fernen Gegenden selbst die Wächter der Ordnung, selbst die Büttel und Häscher ihre eigenen Angestellten waren. Wie sich Napoleon's herrschaft befestigte, gelang allmählich die Unterdrückung. Ihrer zwanzig bis dreissig bestiegen oft an einem Tage die Guillotine. Die Kinder gab man unter andern Namen hierhin und dortin; in Holland schickt man die meisten nach Java ...

Einmal erst hatte Bonaventura Nück bei seinem Vetter gesehen, dann vor Gericht. Heute begrüsste er ihn beim Verlassen des Domes, beim Einsteigen in den Wagen ... Dann musste er ihm nachgefahren sein; denn Nück stand auch am Wagenschlag, als er ausstieg ... es sprach eine wahre Todesfurcht aus dem sonst so furchtlosen mann ...

Bonaventura, geleitet von dem Gefängnisswärter, einer Wache und dem gewöhnlichen Seelsorger der Gefangenen, einem Kaplan, trat in das finstere Gebäude, stieg eine schmale steinerne Wendeltreppe empor, hörte die Schlösser fallen, die Riegel klirren und weichen und stand in einer fast dunkeln Zelle vor einer von einer Pritsche sich aufrichtenden Gestalt, deren linker Fuss durch eine Kette an die Mauer befestigt war.

Grauenvoller Gegensatz! Dieser heutige Morgengruss und jener abendliche vor vier Monaten ... es war als huschte die Fledermaus hin wie damals, als er und Benno so spät noch am Ufer sassen und den im Mondlicht fischenden Knaben zusahen. Danndas Aufhängen des Procurators, seines Verteidigers, der in einiger Entfernung sogar dem Hinaufsteigenden noch gefolgt war! Jene Mitteilung Benno's! Was konnte hier noch entüllt, was von der Seele abgewälzt werden und zu welchem Nutzen?

Die Türen blieben offen ... die Begleiter verharrten auf den vordern Gängen ... Einmal hörte man noch das Geräusch des Holzzulegens in dem kleinen eisernen Ofen der Gefängnisszelle, einem sogenannten "Hund", der von aussen geheizt wurde ... Dann war alles still ... Bonaventura setzte sich und der Verbrecher kniete vor ihm nieder ...

Wie ein böser, ängstlicher Traum war alles das ... ein Traum, an dessen Wirklichkeit der Priester nicht glauben mochte! Und doch sass er selbst da im weissen reinen Gewande der Unschuld, ernst das Haupt senkend, und vor ihm lag eine verfallene Gestalt im grauen Kittel, mit welken, schlaffen Zügen, kahlem Schädel, entkleidet aller