, den Bonaventura beim Pater Sebastus machen wollte, stellten sich Hindernisse in den Weg und auch das einst so lebhaft empfundene Bedürfniss des Mönches, gerade ihm zu beichten, schien vor vielleicht neuerwachtem Hochmut zurückgetreten ... Zwei Seelen wohnten in dieser widerspruchsvollen Brust, von denen die eine sich ewig von der andern zu trennen suchte. Oder hatte Klingsohr von Lucindens Schwärmerei für den "milden Versöhner", wie er ihn genannt, gehört? ... Bonaventura harrte vergebens. Aufdrängen mochte er sich nicht. Kein Lebenszeichen kam aus dem alten Professhause. Nach der Gefangennehmung des Kirchenfürsten verstummten eine Zeit lang auch die Artikel des Paters. Die Haft, die jetzt hätte durch die gebrochene Macht des Kirchenfürsten aufgehoben sein können, wurde nun erst recht von der Regierung gegen den Agitator mit der zweischneidigen Feder bestätigt, ja verschärft. Bonaventura bat Benno, sich nach dem Schicksal des Paters zu erkundigen. Nach dem, was dieser in Erfahrung brachte, liess sich annehmen, dass der Mönch in Untersuchung war und vielleicht schon in sein Kloster zurück. Da aber tauchten vor kurzem wieder neue Artikel von ihm auf in dem in diese Stadt verlegten, von der Regierung aufs strengste überwachten "Kirchenboten". Es war eine Reihe von fortlaufenden religiösen Betrachtungen unter dem Titel: "Stufenbriefe vom Kalvarienberge des Lebens."
Durch den Beichtstuhl trat Bonaventura in die innersten Lebensbezüge auch solcher Bewohner dieser Stadt, die vielleicht für uns Interesse haben. Nicht dass wir die Wirtin "Zum goldenen Lamm" belauschen möchten, die gleichfalls nicht umhin konnte, den "schönen" jungen neuen Domherrn mit ihrem bisherigen Beichtvater auf einige Zeit zu vertauschen. Selbst die Sünden, die Eva und Apollonia Schnuphase zu bekennen den tiefinnerlichsten Drang fühlten, verschweigen wir (das Beichtsiegel ist unlösbar, aber im Reiche der Dichtkunst gibt es keine Geheimnisse) ... Eher würden wir Walpurgis Kattendyk belauschen mögen, die sich förmlich – ausdampfte in ihren Sünden, wenn sie an das Ohr des jungen Domherrn gelangte, dem zu Liebe sie den Kanonikus Taube um Schlaf und Appetit brachte. Auch ihre Tochter, die Frau Procurator Nück, fehlte nicht und jedesmal kam diese in anderer Toilette; sie bekannte jeden Verstoss gegen die Fastenordnung, den sie sich hatte zu Schulden kommen lassen, nie aber eine tiefer gehende Herzens- und Nierenprüfung, nie den leisesten Schimmer ihrer Eitelkeit und Verschwendung ... Johanna vollends, ihre Schwester, war so fromm, dass sie für Zahnweh, das sie befiel, Messen bestellte; aber in ihr Inneres musste erst der "Beichtspiegel" greifen, dies sicher gehende Brecheisen der Verstockung, das ihr die fragen vorhielt: Warst du nicht hoffärtig? Warst du auch mildtätig? Bist du versöhnlich, liebevoll, nachsichtig? ... Alle liessen sich von dem jungen, im edelsten Eifer sich hinopfernden Priester den bekanntlich so schmalen und engen Weg deutlich zeigen, von dem geschrieben steht: Ich bin die W a h r h e i t und das Leben! und doch lag ihnen ihr Handeln und Fühlen immer nur auf der breiten Landstrasse des Alltäglichen. Nicht eine von ihnen gedachte der Schwester Hendrika anders, als mit bitterster Anklage. Namen zu nennen verbietet die Beichtordnung. Doch verstand Bonaventura allmählich immermehr manche Umschleierung, erriet manche Andeutung und warnte auch hier in dem Conflict wegen "künftiger Religion" eines Familienmitgliedes vorläufig, bis er die Verhältnisse übersah, mit dem Worte des Apostels: "Verwirret die Geister nicht!" aus der schönsten Schutzrede der Toleranz, die man bekanntlich (oder vielmehr leider n i c h t bekanntlich) in Lessing's "Natan" nicht so milde, als im Briefe Pauli an die Römer, Kapitel 14 und 15 findet ... Treudchen kam nicht zur beichte ... Sie musste schon seit lange zu Cajetan Roter gehen.
Auf Weihnacht zu näherte sich die bange Prüfung der Reise nach Witoborn und Schloss Westerhof. Der Process Paula's hatte plötzlich eine für sie ungünstige Wendung bekommen. Der oberste Richterspruch konnte, wie Benno schon lange versicherte, von Nück's Fechterkünsten nicht mehr parirt werden ... Benno sah den Freund oft, doch seltener, als ihnen beiden Bedürfniss war. Zu sehr nahm Bonaventura sein Amt in Anspruch, zu sehr war auch die Gefangennehmung des Kirchenfürsten ein Ereigniss, das auf einige Zeit jedes Urteil erschreckte und divergirenden Denkern mehr sich zu vermeiden als zu suchen gebot ... Nück's Federn rauschten von Morgens bis Abends. Die Mittel gab er an die Hand, die gegenwärtige Stellvertretung des Kirchenfürsten als eine nicht berechtigte darzustellen und so die Schwierigkeiten den "Neunmal-Weisen" noch zu vermehren. Schon war von einer Gesandtschaft der Stadt und Stände nach Wien an den allmächtigen ersten Staatsmann jener Zeit die Rede und leicht hätte Benno zu der Ehre kommen können, sie zu begleiten; wenigstens sprach ihm Nück davon ... Und als Armgart's Mutter in der Nähe und in der Stadt selbst auftauchte, da entdeckte denn auch Bonaventura, was in Benno's inneren über alles in der Welt die Oberhand behielt, Armgart's liebliches Bild ... Nun war wieder Armgart's nahe Beziehung zu Paula eher ein Hinderniss der vertraulichen Ergiessung, als eine Förderung.
Eines der schwersten Aemter seines Berufs wurde dem jungen Domherrn aufgebürdet, als er eines tages die Anzeige erhielt, dass der Mörder der Schwester der Frau von Gülpen zu einer letzten beichte über sein ganzes Leben ihn gewählt hätte.
Wie kam Jodocus Hammaker zu dieser