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wie über zwanzig Jahre eines verfehlten Lebens und gab den nachzuzahlenden Tribut an die vielen Gelegenheiten, wo über das Schmerzlichste ihre Augen trocken geblieben waren.

Vorgänge dieser Art sind im Beichtstuhl nichts Seltenes ... Bonaventura, tieferschüttert, durfte Lucinden Zeit lassen, sich zu sammeln ... Sah er auch wohl, dass sich allmählich schon andere, die an sein Ohr zu kommen begehrten, eingefunden hatten, er bedurfte selbst der Sammlung.

Endlich sprach er:

Rufen Sie den Helfer an, von dem Sie ja wissen, dass wir auf dem Wege zur Busse vorzugsweise zu i h m zu beten haben, den Heiligen Geist!

Keine Antwort ...

Lucindens Schluchzen war jenes, das wir alle an uns kennen, ein Weinenmüssen, wo wir sogar selbst sagen: Welche Torheit ist das nun von dir! Und wir können doch nicht anders.

Wann haben Sie zum letzten mal gebeichtet? fragte Bonaventura mit Milde ...

Nur Tränen antworteten ...

Welcher Sünde zeihen Sie sich?

Da er die Frage nach einer Weile wiederholte, war es ihm, als hörte er das Wort "aller"! So schnell aber kam es, so erstickt, so entsetzlich aufrichtig für sein Ohr, dass er eine weitere Gewissenserforschung nicht mehr anzuknüpfen wagte. Auch erhob sich Lucinde. Schlank und hoch, wie sie war, ging sie ohne Segen und Absolution von dannen. Eine Flucht war es ... Bonaventura sagte sich: Welch ein Anfang! Was wird da kommen!

Gewiss wurde dieser teil seiner Seelsorge für ihn der mühevollste, zehrend an seiner geistigen und physischen Kraft. Wie blickte er in die Tiefen der menschlichen Herzen! In Abgründe, vor denen ihn Schaudern ergriff! Wie nur allein die Frauen zu ihm redeten! Solche zumal, die sein in der Stola verborgenes Auge kaum sah, denen er aber schon am Rauschen ihrer Kleider anhörte, dass sie der vornehmen Welt angehörten. Der Duft, der ihrem Haar, ihren spitzenbesetzten Taschentüchern, die sie vor die Augen drückten, entströmte, verriet ihren Stand. Manche dieser Frauen kannte er schon durch dieselbe Atmosphäre, dann denselben Ton des Vortrags, dieselben Vorwürfe, die sie sich machten, dieselben Allgemeinheiten, die er zurückzuweisen pflegte. Viele kamen nur, um dagewesen zu sein. Wem er anhörte, dass sein Beichtbedürfniss nur eine phrasenhafte Aeusserlichkeit, ein Luxus der Gefühle war, den unterbrach er mit dem Worte der Schrift: "Die Lüge aber ist der Leute Verderben."

Das Schmerzlichste war freilich, das Uebel sehen und es doch trotz alles Vorbaues nicht im Keime ersticken können. Verbrechen hören und nicht anzeigen dürfen! Verbrecher hören und sie nicht einmal ansehen dürfen! Ihm war schon in St.-Wolfgang geschehen, dass ihm Bekenntnisse gemacht wurden von einem Knecht, der ihn selbst bestahl. Den Dieb durfte er nicht entlassen, weil jener daraus einen Misbrauch des Beichtgeheimnisses hätte entnehmen können.

Die Katastrophe des Kirchenfürsten hatte Bonaventura voraussehen müssen und doch erschütterte sie ihn und schloss eine Weile die zwiespältige Stimmung seines inneren. Als jüngster Domherr, eben eingetreten, hatte er im engern Kapitel noch keine stimme. Die Curie übernahm die Regierung des erledigten Kirchentrons. Glücklicherweise blieb der Präsident, sein Stiefvater, fern. Immermehr verblassten bei solchen Aufregungen die Schriftzüge des rätselhaften Briefes, den er wie der Dechant einst empfangen. Anfangs träumte er von ihm, in schlaflosen Nächten traten ihm die lateinischen Worte in Bildern entgegen, wie wenn er das Concil von Trient noch einmal versammelt sähe, noch einmal mitstimmen müsste in Kostnitz, ob Huss und Hieronymus zu verbrennen wären ... Bald aber liess ihn die Seelsorge, dieser Beruf so voll ausserordentlicher Mühen, aber auch Belohnungen und Erhebungen, die Versuchungen zum Zweifel vergessen.

Lucinde war nicht wiedergekommen. In der Kirche begegnete er ihr oft; sie schlug die Augen nieder ... Klingsohr war unmittelbar nach seiner Abreise im September vom Kirchenfürsten "bis auf weiteres" unter strengste Klausur gestellt worden. Als Bonaventura zurückkehrte, bewohnte er noch die Zelle im alten Professhause der Jesuiten, durfte sie aber nicht verlassen. Rätselhaft blieb ihm diese fortgesetzte Strenge, über die er sich bei Michahelles erkundigte und nichts als ein ausweichendes Achselzucken zur Antwort erhielt. Hatte man von Lucinden erfahren? Traute man der Selbstbeherrschung des Mönches nicht? War Neues geschehen? ... Klingsohr schien eine Zeit lang als Gefangener nicht seiner geistigen Hülfsmittel beraubt. Artikel schrieb er nach wie vor. Jetzt erst bewunderte Bonaventura in den von ihm gründlicher gelesenen Aufsätzen die Kraft der Darstellung, die nicht immer täuschende Kunst einer Beweisführung, die trotz der tiefsten Demütigung nicht aufhörte die protestantische Welt zu bekämpfen. Klingsohr klirrte an einer Kette, die er dennoch gelassen trug ... Imponiren musste ihm etwas, wenn es ihn überzeugen sollte, und war es seine eigene Züchtigung! ... In jener Zeit schrieb er, wo ihm geistesverwandte norddeutsche Philosophen anfingen, mit Bewunderung von Asien und Russland zu sprechen. So tief ausgehöhlt sich in sich selbst fühlend, so in ewiger Verneinung sogleich ohne alle und jede Liebe selbst für das, dem man doch selbst verwandt ist, so von einigen Schwächen seiner eigenen Partei sogleich erkältet, bedurften sie eines Ersatzes für die sie umgebende Schemenwelt. Sie bewunderten die Kosacken. Sie begannen das "Naturwüchsige" zu preisen in jeder Form, wenn es nur nicht Fleisch war vom eigenen Fleisch, Bein vom eigenen Bein, zuletzt nichts, was die Signatur der Bildung trug ... Einem Besuch