den Städten eingestanden werden. Schon trug er so schwer, tiefschwer an der Last der Sünden, ja Verbrechen, die in das Beichtohr der katolischen Kirche geraunt werden und oft nie vor die Richterstühle der Erde gelangen. Selbst auf das Wunderlichste war er vorbereitet. Auf dem land war ihm schon vorgekommen, dass ihm im Beichtstuhl eingestanden wurde, man hätte von der in der Communion dargereichten Oblate nur die Hälfte im Augenblick der heiligen Handlung verzehrt und sich den Rest aufbewahrt für eine passende gelegenheit, um ohne den Priester den Leib des Herrn noch einmal zur Stärkung zu geniessen. Man hatte reuevoll gefragt, was von dieser Sünde zu halten sei? Die Weisheit der römischen und spanischen Gewissensräte antwortete statt seiner: Hatte die Frau, die der Fall traf, in Verehrung vor dem Leib des Herrn so betrügerisch gehandelt, so wird sie losgesprochen; wusste sie aber und kannte die Verbrechen, die sie alle beging (das eigene Ergreifen der heiligen Gestalt mit ungeweihter Hand, das Tragen derselben in ungeweihten Kleidern, den Gottesraub, dass sie sich selbst zum Priester wurde beim Empfangen der allerdings völlig ausreichenden zweiten Hälfte, endlich dass sie sich das Allerheiligste reichte im stand der Todsünde), so hatte sie vier schwere Sünden begangen, für welche ihr erst nach langer Busse die Verzeihung des himmels vom Priester verbürgt werden konnte ... In solchen Gewissensconflicten übt sich selbst die Seelsorge eines Landpfarrers ... Und so konnte sich der junge Domherr vertrauensvoll das Haupt in die Zipfel seiner Stola hüllen, gefasst das Schiebfensterchen rechts oder links aufziehen und auf das Beichttuch gebückt hören, welche Vergehungen ihm eingestanden wurden. Sein Herz schlug höher, als er eben die Hand ausstreckte, um den ersten Beichtbedürftigen zu vernehmen, den er auf dem Holze zu seiner linken niederknieen hörte ... O, sagte er sich, wie viele Vergehen hast du doch schon im Keime erstickt! Wie viele Ratschläge gegeben, Ratschläge, den bessern teil und den Frieden zu wählen, wenn auch zu einstweiliger eigener Verkürzung! Wie manches Entwendete war still wieder auf den Platz zurückgelegt worden, von wo es genommen! Wie mancher arme hat durch dich eine Spende empfangen, er wusste nicht wie und warum und von wem! ... Dem poetischen Wesen Bonaventura's entsprachen Bussformen, wie: Gehen Sie und geben Sie dem ersten Armen, der Ihnen begegnet und dem Sie, auch ohne dass er Sie anspricht, seine Bedürftigkeit ansehen, nach dem Masse Ihrer Kräfte, ohne dass es jemand sieht! Gehen Sie in eine Armenschule und steuern Sie für das jüngste der Kinder, die nur in Holzschuhen oder barfuss gehen, eine Gabe! Knieen Sie in der nächsten Messe neben demjenigen in der Gemeinde, der Ihnen nach einem kurzen und nicht auffallenden Umblick in der Kirche durch den Zustand seiner Kleider als der Aermste erscheint! .. Selbst an Treudchen Lei konnte sein liebevoller Sinn denken und an die Geschwister derselben, für die er im Waisenhause auf diese Art sorgen wollte ... auch an die Kerze, die er einst Lucinden befohlen anzuzünden und niederbrennen zu lassen während des 'inneren Gebetes' ...
Da öffnet er denn und sieht nicht einen schwarzen Sammetut, sieht nicht ein sich leicht erhebendes, schleierverhülltes weibliches Angesicht ... sein Ohr will nur hören ...
Die Formel der Anrede ist die nämliche am Fuss der Cordilleren und im Indischen Archipelagus: "Ich arme Sünderin bekenne vor Gott, dem allmächtigen Schöpfer himmels und der Erden, Jesu Christo meinem Erlöser, der heiligen Jungfrau und allen lieben Engeln und Heiligen und Ihnen, Priester an Gottes Statt, was ich seit meiner letzten beichte gesündiget habe!"
Die Knieende spricht aber diese Formel nicht ...
Eine Ahnung ergreift Bonaventura ... Kaum kann er das Wort der Ermutigung finden, das ihm sonst so geläufig ist:
"Unser Herr Jesus Christus sei in deinem Herzen und auf deinen Lippen, damit du alle deine Sünden recht beichtest. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!" ...
Die Beichtende beginnt nicht ...
Er wendet sich, ihr Auge zu sehen ...
Ein Strahl desselben trifft ihn und die in ihm selbst fortdauernde, wenn auch nicht eingestandene Spannung auf Lucinden gibt ihm die vollkommene Befähigung, die Scene zu verstehen, die ihn aufs tiefste erschrecken musste ... sechs Wochen einer künstlichen Vernichtung ihrer selbst, sechs Wochen des Schmerzes, der sehnsucht, der Erwartung hatten Lucinden in einen Zustand versetzt, der sich vergleichen lässt mit der Ansammlung atmosphärischer Niederschläge, die durch plötzliches Hinzutreten reiner Luft sich in Feuer verwandeln müssen ... Nur dass für sie diese plötzliche Erlösung, dies endliche Anredendürfen und Alleinseinkönnen mit dem, den sie zuerst, einzig, allein geliebt und den sie mit ihrem ganzen Leben liebte, den Herzenskrampf in convulsivisches Weinen verwandelte. So erliegt die härteste natur dem allgemeinen Gesetz. Dann gibt es keinen freien Willen mehr. Irgendwie muss sich die Ueberanspannung der Seelenkräfte helfen. Sie können entbehren bis zum Aeussersten; tritt dann sogar die Erfüllung ein, gerade dann erst recht bricht die Kraft ... Lucinde war selbst in Verzweiflung über das, was ihr geschah. Sie hatte keine Scene beabsichtigt. Sie hatte eine Reihe von Sünden, Falschheit, Heuchelei beichten wollen, wollte sich mit keiner Tugend schmücken, wollte nur auf der ganzen Höhe ihres bisherigen Lebens schweben, den Augenblick in voller Seligkeit geniessen, dem Mann ihrer Anbetung so nahe zu sein – da weinte sie