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, waren beide in Streitigkeiten geraten, die leicht auf Tätlichkeiten übergehen konnten, denn auch der alte Klingsohr war, wie Lucinden aus dem plattdeutschen Examen, das der Kronsyndikus bald mit Postillonen, bald mit Gensdarmen über "etwa Vorgefallenes" oder Vorkommnisse des Feldbaues anstellte, vernehmlich wurde, eine heftige natur, zäh und eigensinnig in seinen Ueberzeugungen. Der Pacht, der nur noch einige Jahre lief, war ihm vom Freiherrn gekündigt worden ... Und gib Acht, Jérôme, schloss der Vater in seinen Anklagen, wir werden erleben, dass er uns noch allen als Zuchtrute gesetzt wird, denn Enckefuss will und muss versetzt werden! Geschieht das, so kauft sich Klingsohr ein Eigentum, lässt sich wählen, und unter den drei Candidaten angesessener Bewohner des Kreises, die wir vorzuschlagen das Recht haben, wird von oben her kein anderer zum Landrat gewählt werden als der erprobte Herr Teilungscommissar!

Lucinde hörte allen diesen Gesprächen mit der Erwartung zu, im Verlauf derselben würde vielleicht der Name der Schreckgestalt, der Mäusefängerin und Giftpfeilbesitzerin genannt werden. Doch war der Umfang an Lebensbezügen und Erinnerungen des Kronsyndikus so ausserordentlich gross, dass er unausgesetzt Neues aufs Tapet brachte und zum Alten, wo es nicht den Deichgrafen betraf, selten zurückkehrte. Der Kammerherr setzte dabei seinen gewohnten Unterricht Lucindens durch Erklärungen fort. Auseinandersetzen, erläutern, dociren war sein Steckenpferd. Fürsten, Grafen, Bischöfe und Erzbischöfe wurden dabei wie die gewöhnlichsten Menschen sogar einfach mit Vornamen genannt. Alles, was Lucinden bisher hoch und unerreichbar geschienen, zeigte sich ihr hier ganz menschlich und von den allgemeinen Leidenschaften aller beherrscht. Für ihre Bildung und Lebensauffassung musste daraus, wie durch die Erfahrungen im haus des Stadtamtmanns, sich mancherlei ergeben. Wer den ersten Blendzauber, den die Grossen der Erde verbreiten, auszuhalten oder ihn allmählich in nächster Nähe erblinden zu sehen gelegenheit gehabt hat, wird leicht für alle Lebensverhältnisse eine Entschlossenheit und Tatkraft bekommen, die vor keinem Ziel des Ehrgeizes mehr zurückschreckt.

Schon lange, ehe man, langsam die sanft aufsteigenden Anhöhen zum schloss emporfahrend, an diesem angekommen war, hatte man zur Rechten den zwar noch laublosen, aber schon von Spatzen, Amseln, Goldammern belebten grossen Park neben sich liegen. Die Umwandelung eines Waldes in diese regelrechte und kunstmässige Zierlichkeit, mit zuweilen durchschimmernden Erlenbrückchen, kleinen von Hängeweiden bestandenen Inseln, künstlichen Felsgrotten, Wasserfällen, stammte schon aus dem vorigen Jahrhundert. Auch die erwähnten Pavillons mit Galerieen und chinesischen Dächern wurden sichtbar. Ein solcher, der auf der andern Seite lag und im untern Geschoss von einem alten Schlossdiener bewohnt wurde, sollte ganz für Lucinden eingerichtet werden, falls sie nicht vorn bei Vater und Sohn im schloss wohnte. Die sittlichen Vorstellungen des Kronsyndikus schienen von sogenannten Vorurteilen völlig frei zu sein. Selbst wenn sein Sohn zu Lucinden in Verhältnissen gestanden hätte, in denen dieser nicht stand, würde er darüber mit Unbefangenheit gescherzt haben.

Schloss Neuhof bot in seinem hof und in den Seitenbauten ein grosses Oekonomiewesen. Den einen teil seiner Besitzungen verwaltete der Freiherr selbst. Da gab es Ställe voll Rinder und Schafe, in der Ferne Ziegelöfen, eine Branntweinbrennerei, eine Brauerei, deren Grundstoffe und Erträge im beständigen Verkehr um das Schloss herum kamen und gingen und die nächsten Räumlichkeiten desselben so unschön wie möglich erscheinen liessen. Menschen umgaben den Besitzer von allerlei, aber durchgehends untergeordneter Art. Ihm musste man nur dienen, nur gehorchen; Weisungen von andern anzunehmen war seine Sache nicht. Von jeher hatte er auch deshalb Frauen lieber um sich leiden mögen als Männer. Gleiches, Ebenbürtiges, Höheres, zu dem er aufblicken musste, duldete seine hohe Meinung von sich selbst nicht. Seine tyrannische Art schlug mit einer Handbewegung um sich und scherzte mit der andern. Ihm kam nichts auch nur, wie er's zu nennen pflegte, "bis an den Nabel". Er hatte immer recht, ob nun eine andere Fütterung für verkommene Schafe oder der Bau eines neuen Ofens für die Ziegelei beantragt wurde. Die Mägde, die Knechte, die Verwalter der vielen Zweige, in denen gearbeitet und Gewinn angestrebt wurde, alle standen in der Regel in den Fällen, wo's, wie er sagte, "auf Grütze im Kopf" ankam, "wie die Heuochsen" und waren die Dummköpfe selbst. Er nur wusste alles und entschied alles. Und dann, wenn Er den "rechten Zapfen" eingeschlagen hatte, Er "den Nagel auf den Kopf getroffen", Er irgendeinmal "den Karren wieder aus dem D. geschoben" hatte, musste alles den Kopf schütteln und ohne viel Worte gleichsam nur ein: "Aber man muss sagen, unser gnädigster Herr –" mit den Augen andeuten. Wer das verstand, traf den Ton, in dem er die Menschen mit sich verkehren haben wollte. Es war dann schon vorgekommen, dass er in solchen Fällen, wo Er allein "dem Ding auf die Beine geholfen", die Börse zog und einen Taler austeilte, nur damit sich die Ochsen, die Esel, die Rindviecher dafür, dass sie sich ihm gegenüber als solche bewährt und bekannt hatten, einen guten Tag machten.

Lucinde wurde unter zahlreichen neuen Menschen eingeführt als eine durch Familienbekanntschaft Empfohlene, der das Land nützen und die wiederum auch dem land nützen sollte. Da der Kammerherr nicht aufhörte, seine Liebe mit einer niemand an sie heranlassenden Eifersucht zu schützen und seine Sorgfalt, Obhut und Zarteit gegen sie die gleiche blieb, so durchkreuzte er die Plane des Vaters, der nicht wenig