. Der Heiland hätte, sagt Marcus, die Jünger erst aufgefordert, dass "jeder von ihnen sich ein Schwert" zulege und es zum Kampfe kommen lasse; dann aber hätte sich der Herr in seiner Liebe auf ein milderes besonnen und gesagt: "Stecke dein Schwert an seinen Ort; denn wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen! Oder meinst du, dass ich nicht könnte meinen Vater bitten, dass er mir zuschickte mehr denn zwölf Legionen Engel?" Und über diese "zwölf Legionen Engel", diesen ewigen Entsatz der bedrängten Kirche, nicht über die zwei oder zwölf unbedeutenden Schwerter, predigte Bonaventura. Mit einer Begeisterung, die ihn in solchen Augenblicken die nagenden Zweifel ganz vergessen liess, schilderte er diesen ewigen Beistand, den in der Weltgeschichte seit dem Sündenfall und dem Verlust des Paradieses das Gute zuletzt doch immer wieder am Guten gefunden hätte. Diese zwölf Legionen Engel, die ewigen Wahrheiten der Weltregierung, die immer wieder die herrschaft der Bösen gestürzt hätten, waren ihm jene Tatsachen, die mit Schwertern, öfter mit Palmen und klingendem Saitenspiel über die wildesten Schlachtfelder hinwegrauschten, in Hütten wohnten den Palästen gegenüber, ja in der eigenen Brust der Tyrannen und Bedränger der Menschheit, wo sie nicht selten die Gestalt der Träume angenommen hätten ... Wie die Tyrannen dann gezwungen gewesen wären, schilderte er, einen Joseph zu rufen, der die Träume zum Wohl der Menschheit hätte deuten dürfen, oder einen David, der sie hätte beruhigen müssen durch die Zauber der Kunst ... Diese zwölf Legionen Engel schilderte Bonaventura als den Trost und die Zuversicht in jeder Bedrängniss der Menschheit. Alle sahen sie, wie er mit hoch emporgehaltenen Händen die Leiden der Erde schilderte, sahen diese mit Schwertern bewaffneten Engel, hörten sie wie mit Posaunen in den Kampf rufen, fühlten ihr Schmettern und ihr Schwertschlagen und das Dröhnen ihrer Schilde in den Lüften. Dann aber rief begeistert der Redner die Phantasie von ihrem Fluge zur Erde zurück, legte die Hand auf die Brust und sprach: Wo anders läge das Schlachtfeld dieses grossen Kampfes des Guten gegen das Böse, das Schlachtfeld, das die eigentliche Entscheidung der Dinge dieser Welt gibt, als in dem Herzen und dem Gewissen und der Furcht Gottes eines "Jeglichen unter uns"!
Was sodann der Kirchenfürst, ganz nach Sebastus' Prophezeiung, zunächst gehofft zu haben schien, als er von einer kleinen Dorfpfarre diesen Priester in die grossen Hallen seiner Katedrale rief, war schon in kurzer Zeit eingetroffen. Vorzugsweise war es die Belebung des Beichtstuhls gewesen, auf die man gerechnet hatte. Diesen, wie alle Institutionen der Kirche, selbst die veraltetsten, in grössere Aufnahme zu bringen, wurde immer mehr zur Taktik des grossen Feldzugs, dem hier und dort auch andere Kirchenfürsten die Oriflammen vorantrugen. Durch den Beichtstuhl war die mehrfach angedeutete Philosophie getödtet worden. Der Beichtstuhl teilt die von Rom empfangene Parole aus. Der Beichtstuhl ist das Mittel, die Fürsten wieder in die Büsserhemden von Canossa zu jagen. Der Beichtstuhl regelt, erzieht und straft die Leidenschaften und keine mehr als die Liebe und den Hass. Der Beichtstuhl gibt Ratschläge und für nichts mehr, als für die Verwickelungen und das Nebeneinander der Menschen und für kein Nebeneinander mehr, als für das in der Ehe ... "Aber auch die grösste Kraft der Opposition g e g e n den Beichtstuhl", rief einst Benno, der in Beichtstühlen das Rätsel seines Lebens begraben glaubte, "liegt ebenfalls in dem, was unserm Jahrhundert das Heiligste geworden ist, in der Ehe und in der Familie. Wie mancher Vater hält seine Tochter von der beichte zurück, weil sie dort – wie oft! – nach Sünden gefragt wird, von denen die Unschuld ihres Herzens und ihrer Phantasie keine Ahnung hat. Der Gatte sieht sein Weib mit Schmerz zur beichte gehen; denn er kann die Vorstellung nicht verbannen, sie vollzöge einen Act der Untreue, die es zwischen Liebenden auch in geistigen Dingen geben kann –"
Bonaventura aber sass an dem grossen Ohre des Dionysius und hörte die Bekenntnisse der Menschen noch in dem Glauben, dass er Gutes verrichtete, Wahres und Erlaubtes. Fiel ihm auch immer und immer die lateinische Zuschrift aus Italien ein: Quando quis tibi occurrit – er schrieb das, was zwischen dem Kirchenfürsten und dem Mönche vor sich gegangen, auf Rechnung – nur des römischen Wesens. Der Grund des Katolischen selbst schien ihm unerschütterlich. Bonaventura glaubte an die höchste Bedeutung der beichte ...
Doch schon – die erste Erfahrung! ... Es hatte sich verzögert, dass mit seiner Amtseinführung auch zugleich Tag, Stunde, Ort seiner Beichtabnahme verkündigt wurde ... Im Anfang des October erst war diese Angabe gekommen und nicht allgemein sogleich war sie selbst nach dem Anschlag bekannt geworden. So sass er eines Morgens früh sieben Uhr schon in seinem Stuhl zur ersten Anhörung und war noch allein ... Den Tag vorher hatte er der Einweihung der Kirche in Drusenheim beigewohnt. Das schöne fest stand noch vor seiner Phantasie fast wie ein materiell ihr eingeprägtes Bild. Erregten Naturen ist nach einer grossen Anstrengung ein Auge gegeben, wo, wie auf der feinen Silberplatte des Lichtbildes, gegen unsern Willen ein Eindruck ebenso sinnlich haften bleiben kann, wie oft auch das Ohr von einer Melodie nicht verlassen wird, ohne dass wir im Willen haben, sie zu singen ... Ein Beweis für die Unsterblichkeit der Seele das! sagte sich Bonaventura. Ein Bild, eine Melodie bleibt gegen unsern