jenem, wo an ihnen Pater Sebastus sich zu gewöhnen suchte, wie er, ein Meister des Worts, von einem grösseren Meister, der nun auch wieder den seinigen gefunden, für einige Tage auf ein einfaches Ja und Nein gesetzt werden konnte.
Nur der letzte dieser Beichtstühle, dem Hochaltare zu, ist allein von dem bunten Lichte des Fensters ein wenig erhellt, dem er zunächstliegt. Die beiden andern liegen so im Dunkeln, dass sowohl die Seele, die hier sich aussprechen will, sich von aller Freude und allem Leid der Welt geschieden glauben kann, wie der hörende Priester von der ganzen Heiligkeit seines Berufs sich durchdrungen fühlen muss, soll ihn nicht, wie wohl auch geschieht, gerade die Abgeschiedenheit dieser stillen Zwiesprache auf weltliche Gedanken führen ...
Seit vier Monaten war es in diesem dunkeln Gange seltsam lebendig geworden. Die Bänke, die dem Beichtstuhl gegenüberlagen, wurden am Dienstag und Donnerstag Morgens und Sonnabends Nachmittags und in der allerersten Sonntagsfrühe von Beichtbedürftigen nicht leer. Soviel Stunden hatte man ausdrücklich von der Kanzel und durch Anschlag an die Kirchentüren be- oder nur Neugierigen gerade entgegengesetzte Gegend des willigen müssen, um den Zudrang nur einigermassen zu befriedigen ...
Dieser galt nur dem ersten der der Sakristei nahe gelegenen Stühle ...
Auf dem alterbraunen Holze sass seit vier Monden der neue junge Domherr, dem sogleich Ende September einige Messen und Predigten die Herzen der ganzen Stadt gewonnen hatten. Die hohe Würde seiner Erscheinung, die Milde seiner niedergeschlagenen Augen, ihr Glanz, wenn er die langen schwarzen Wimpern erhob, die feierliche und wieder so natürliche Art seines Benehmens, der Wohlklang seiner stimme, alles das hatte ihm sogleich den Anteil derer gesichert, die zunächst nur auf Aeusserliches sehen, vorzugsweise derjenigen Frauen, die auch in ihrem kirchlichen Leben gewohnt sind, immer nach "dem Rechten" zu suchen. Und zu denen dann, die nur vom Aeusserlichen sich angezogen und, wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt, sich fast magnetisch berührt fühlten, gesellten sich andere, die auch den Kern dieser lockenden Schale erquickend fanden. Sie mehrten sich von Tag zu Tage. Der junge vom land berufene und so schnell beförderte Priester fesselte durch den Geist seiner Vorträge ebenso wie durch den Schwung des Vortrags. Redete er, so waren das für Predigten bestimmte Vorderschiff und der Chor überfüllt. Verteilte er den Leib des Herrn, so drängten sich die danach Begehrenden. Und bald auch, da ihm Beichtabnahme erlaubt wurde, war sein Ohr belagert von denen, die das Bedürfniss der Busse und Sühne hatten. Die beiden andern Stühle waren nur in den Sonnabendnachmittagstunden mässig besetzt ...
So hochheilig das Sakrament der Busse gehalten wird, hängt es doch mehr als irgendeine andere Institution der Kirche von der Persönlichkeit des Priesters ab. Diese Kirche, die aus dem Gottesdienst alle Zufälligkeiten der Individualität entfernt wissen will, die ihre Erhabenheit auch darin findet, dass am Indischen Meerbusen und am fuss der Cordilleren das Heiligste ebenso celebrirt wird, wie in einem Alpental der Schweiz oder in der Grabkapelle zu Jerusalem, muss im Beichtstuhl die Abhängigkeit ihrer Würde von den zufälligen Persönlichkeiten ihrer Priester ertragen. Sie kann schon die Aufforderungen, den Beichtstuhl häufig zu besuchen, nur zu Mahnungen, nicht zu absoluten Befehlen machen.
Zum Stolz der Gläubigen auf den neuen jungen Domherrn kam anfangs das Lächeln der Zweifelnden. Die Männer, ohnehin der beichte abhold, da sie den Frauen eine das Glück der Ehe nicht eben mehrende Selbständigkeit gibt und in das innigste Selbander zweier Menschen einen oft rätselhaft spukenden Dritten eintreten lässt, hatten den Reiz zunächst nur in der Persönlichkeit des neuen Domherrn gefunden; aber auch sie kamen. Sie kamen, um scheinbar zu bekennen; doch erging es ihnen wie denen, die einst zu Johannes in die Wüste kamen. Sie hatten einen Sonderling erwartet, der Heuschrecken ass und in härenen Kleidern ging, und sie fanden Johannes, den edelsten der Bekenner, Johannes, der, selbst gross, selbst sich Gott verwandt fühlend, doch auf einen Freund, auf einen Jugendgenossen hinzeigen und sagen konnte: Der ist grösser als du! ... In der geschichte des Geistes eines ihrer seltensten Kapitel.
Gleich bei seinem Antritt hatte Bonaventura, der die in ihm entstandene gebrochene Stimmung seines inneren zu einer Aenderung seines Berufes nicht mehr ausbilden konnte, vom Kirchenfürsten aufbekommen, in seiner Antrittsrede den Text zu behandeln: Petrus, der im Oelgarten, als Judas mit den Herrschern der weltlichen Gewalt kam, dem Herrn sagte: Siehe, Herr, hier sind zwei Schwerter! ... Im Sinne Roms ist das eine dieser Schwerter, das dem Knecht des Malchus ein Ohr abhieb, die seit zwei Jahrtausenden angestrebte auch weltliche Gewalt der Kirche und das andere die unblutige nur kirchliche. Dies Tema war wie eine Versuchung. Viele weltliche Behörden wohnten der ersten Einführung des neuen Domherrn bei. Michahelles hatte darauf gerechnet, dass sich Bonaventura sogleich dem geist der beiden Schwerter Petri anschliessen und für sich ein öffentliches zeugnis ausstellen würde. Doch lobte später der Kirchenfürst selbst den jungen Priester um die geistliche Klugheit, dass er die verlockende Aufforderung, gegen die nachgeborenen, mit Titeln und Orden geschmückten Genossen des Judas Ischariot zu reden, nicht in zu auffallender Form ergriff, sondern einen Mittelweg einschlug, der allerdings in der Teorie mehr sagen konnte, als der gegebene Text des Lucas sagen sollte, nur in der Praxis weniger. Der Antrittsredner hatte zu den zwei Schwertern des Petrus noch zehn andere hinzugefügt, von denen der Evangelist Marcus erzählt