1858_Gutzkow_031_317.txt

kleinere wohnung! Terschka wird oft herüberkommen müssen! geben Sie dem Schmerz des vielgeprüften Mannes Gehör! Wie hat auch ihn das Leben hin- und hergeworfen, bis er bei einem Wesen angekommen ist, das ihm mit Recht ein köstlicher Schatz erscheint. Sie wissen, wie ich Sie liebe! Ja, Monika, entziehen Sie sich dem Gefühl nicht, das Sie haben dürfen, in manchen Dingen mit sich zufrieden zu sein. Noch fehlt die letzte Hand, die an Ihre Seele gelegt werden muss, die Hand eines Gärtners und Winzers in Ihrem inneren, der Ihnen spricht: Der H e r r ist der Weinstock, wir sind die Reben! Das wird kommen. Geniessen Sie das Glück, so von Menschen geliebt zu werden! Ach, es geht uns einst ein Tag auf, Liebe, wo man jede Freude beweint, die man sich entgehen liess, wo man jedes Herz zurückhaben möchte, das man von sich stiess ... glauben Sie mir, Monika, auch an mir ziehen oft noch Schatten vorüber, die mich weinend ansehen und sagen: Wir hätten uns doch auch finden können, warum suchten wir uns denn nicht!

Monika umschlang stürmisch, wie ein junges Mäd

chen, die Greisin, in deren Augen sie zum ersten male seit dem Jahre, dass sie sie kannte, eine Träne glänzen sah. Sie bedeckte die magere Wange, die dürre Hand der Greisin mit Küssen. Sie schluchzte selbst, als müsste sie all die Tränen mitweinen, deren vollen Strom sich die Matrone, trotz ihrer Erregung, versagte.

Sanft entwand sich die Gräfin den Umarmungen

Monika's, küsste die Stirn der jungen Frau, strich leise die grauen Locken aus dem jugendlich schönen, durch die höchste Anspannung und Erregung wie mädchenhaft strahlenden Antlitz und ging zur Ruhe.

Auf ihr Klingeln kam Porzia, die noch lange bei ihr

blieb und sich mit ihr über den Oheim verständigte.

Monika schlief in einem andern Cabinet ...

Wie aufgeregt sie durch diese Scene war, bewies

sie am folgenden Morgen. Die Gräfin kam auf das Besprochene nicht wieder zurück; sie reiste gegen elf Uhr ab ... Im Wagen fand sie Blumensträusse von kostbaren Treibhauspflanzen, die ihr Benno und Tiebold hatten hineinlegen lassen.

Monika, nun allein in der grossen wohnung, die sie nur so lange behielt, bis von Terschka Geldanweisungen gekommen waren, irrtewie am einsamen, ihr so unheimlichen Meere ...

Sie wollte an Terschka schreiben ... Sie konnte es nicht so harmlos, als sie wollte ... Eine Aenderung der Confession ... Scheidung ... Eine neue Heirat ... mit Terschka?! Das waren Gedankenreihen, die wie eine wilde Musik auf sie einstürmten im nächtlichen Fakkelschein, wie ein Chor im zug der Korybanten, wie ein fest unter dem Schwingen des Tyrsusstabes ...

In dieser Angst des Herzens trat ihr durch die Blumensträusse der jungen Bewerber um Armgart die Erinnerung an Bonaventura entgegen ... Sie wusste selbst nicht, was sie zog, den Pelz überzuwerfen, sich zu verhüllen gegen die schärfer gewordene Winterluft, die am Morgen sich durch Reif angekündigt hatte, der an allen Häusern, Brücken und Bäumen sichtbare Zeichen zurückgelassen, geradezu in die Katedrale zu gehen dem tiefdunkeln Winkel zu, wo seit vier Monden die Menschen geschart sassen, um zu einem alten Beichtstuhl zu gelangen, in dem im weissen Kleide, das Beichttuch über sein bleiches Antlitz gezogen, Bonaventura von Asselyn die beichte hörte ...

Seit einem Jahre hatte Monika nicht gebeichtet und noch wusste sie kaum, was sie dem Ohr des Priesters vertrauen sollte ...

Ostermorgenglocken waren es nicht, nicht der heilige, von den Rundbögen einer unsichtbaren Kirche widerhallende Gesang: Christ' ist erstanden! der wie im "Faust" die Seele des Zweiflers, so auch sie zum Glauben der holden Kinderjahre zurückzog ... Nicht in Wehmut und Zerknirschung, nicht in Auflösung ihres Willens, nicht in wiedererwachter Liebe und Hingebung für das Bekenntniss ihrer Jugend betrat sie die Katedrale ... Es lebte schon lange eine feste, ernste Stimmung in ihrem Herzen. Sie ging wie zu einer letzten Prüfung.

Fussnoten

1 Im dritten buch wurde durch ein versehen "Ludgeri" gedruckt. 2 Factischer wäre allerdings seine Bemerkung gewesen.

4.

In der grossen Katedrale liegen in den einzelnen Seitenschiffen mehr als zwanzig Altäre zerstreut.

In ihrer Nähe befindet sich mit ihren doppelten Eingängen und vergitterten Zwischenwänden eine Anzahl Beichtstühle.

Einige Schritte von ihnen entfernt stehen Bänke, auf welchen sich die Beichtbedürftigen, ehe an jeden die Reihe kommt, dem Gebete widmen können. Diese Sitze sind entfernt genug, um weder die Rede des Bussfertigen noch den Spruch des Priesters hören zu lassen, der oft statt der Absolution nur einen allgemeinen Segen erteilt. Niemals darf es ersichtlich werden, ob Jemand den Beichtstuhl im stand der Ungnade verlässt.

In einem gang, der sich von der Sakristei hinter dem Aufgang zur Kanzel, die das kleinere Vorderschiff beherrscht, zum Hochaltare hinzieht und in einem einzigen grossen, drei Altäre erleuchtenden bunten Fenster endet, liegen einige Beichtstühle allein und tief im Dunkeln.

Es ist die einsamste und dem Andrang der Gläubigen gewaltigen, in manchen Tagen einem Marktplatz gleichkommenden Baues.

Um den Schritt der Vorübergehenden zu dämpfen, liegen auf dem Fussboden Strohmatten ausgebreitet. Uralte Grabdenkmäler bedecken die eine von der Sakristei ausgehende Wand, hohe Bischofgestalten mit Krummstab und Mitra; ihre Namen sind nur an sonnenhellen Tagen zu lesen, wie an