1858_Gutzkow_031_316.txt

Ich deute das auch auf uns Frauen. Aber in dem Worte Gottes ist das Eine unerlässliche Vorschrift und das Andere weiser Rat. Fast alles, was uns die Apostel, ohnehin Sendboten des Herrn ohne Herd, ohne Familie, über die Ehe raten, gehört den weisen Ratschlägen an. Auch standen damals die Frauen nicht auf der Höhe, auf welche sie eben erst später der Sieg des Evangeliums stellte. Sie waren den Sklavinnen näher, als der gleichberechtigten Bildung und Liebe. Da sie nicht wider den Geist Gottes, sondern nur gegen die apostolische Weisheit geht, ist die Ehescheidung auch keine Sünde. Der Apostel sagt es ja selbst: "Solches sage ich euch aus Vergunst, nicht aus Gebot." Es sind Vorschläge à discrétion. Auch spricht Paulus über die Frauen leider wie aus eigener bitterer Erfahrung und wie aus einem ganz weltlichen geist. fest aber steht des Allmächtigen Wort: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei." Die Ehe ist eine HeilsanstaltIhre Kirche, die sie zum Sakrament machte, übertrieb das nur. Wie wenig Neigung Sie für die Irrtümer Ihres Glaubens haben, weiss ich ja! Sie sollten sich Freiheit gewinnen und den Schwankungen eines so haltlosen Lebens entfliehenvielleichtdurch eine neue Wahl

Monika sass auf dem Sessel neben der Gräfin, die noch auf dem Sopha geblieben war. Sie blickte nicht auf ... Vor dem Allerheiligsten erbebt die Seele und verstummt der Mund ...

Die Gräfin rückte Monika näher und ergriff die kalt gewordene Hand der vielgeprüften Frau ...

Ihr Kind hat gegen Sie Partei ergriffen! sprach sie mit weicherer stimme, als man sonst an ihr gewohnt war. Die Verwandte beteuern zwar freundliche Gesinnungen, aber das sind leere Worte. Das Gesetz spricht Ihre Tochter dem Vater zu. Sie haben Herrn von Hülleshoven, wie Sie immer sagten, blindlings genommen, nur um einer andern Verbindung zu entgehen, und Sie konnten sich nicht an ihn gewöhnen. Ihr Herz trug ein Ideal, dem er nicht entsprach. So hätten Sie ja im grund nie geliebt. Jetzt, gestehen Sie, MonikaTerschka ist Ihnen nicht gleichgültig?

Monika erhob sich. Es lag keine Bestätigung dieser Vermutung in ihrer Bewegung. Sie musste sich nur erheben, um gleichsam die schwere Last abzuwälzen, die sich mit diesen Worten auf ihre Brust warf ...

Sie wissen, auch Terschka, fuhr die Gräfin fort, auch Terschka würde keinen Anstand nehmen, Ihrem Beispiel zu folgen. Einer alten Familie der Hussiten gehört er ohnehin an. Haben auch viele anfangs geglaubt, er würde meinen Sohn im Glauben seiner Väter wankend machen und hörte ich Warnungen über Warnungen über diesen so engen Umgang, so hat sich doch keine der Befürchtungen bestätigt. Terschka unterhält die loseste Verbindung mit seiner Kirche. Bliebe er der Verwalter unserer neuen Besitztümer, wer sollte ihn hindern, seiner Liebe ein Opfer zu bringen? Denn dass Sie, Monika, sein ganzes Leben erfüllen und von ihmich brauche das sündhafte Wortangebetet werden, wissen Sie!

Nein, nein! erwiderte Monika mit erstickter stimme, ging auf und nieder und hielt sich, da sie nicht weiter konnte, am Fenster, wo sie in die Nacht starrte ...

Unerschrocken aber fuhr die Gräfin fort:

Leugnen Sie nicht, meine junge Freundin, dass es Sie mit mächtigem Reiz erfüllt, zu sehen, wie ein noch junger, geistvoller, liebenswürdiger Mann Ihnen huldigt und nur für Sie zu leben scheint! Anfangs glaubt' ich, als Sie in unsere Kreise traten und so schnell uns alle gewannen, dass auch mein Sohn vor Bewunderung vor Ihnen – o! diese unselige leidenschaft, die ihn fesselt! – –

Mit einem Schmerzensausdruck, den Monika für diese Gedankenreihe an der Gräfin noch nie vernommen hatte, unterbrach sie sich selbst, hielt inne und stand jetzt selber auf, weil auch in ihren Adern das Blut mächtiger zu kreisen begann ...

Monika, selbst des Beistandes bedürftig, wandte sich vom Fenster ab und trat der hohen Gestalt entgegen, deren hände in der ihrigen zitterten ...

Dann aber fuhr die Gräfin gesammelter fort:

Es ist gut, mein Kind! Ich habe mich an diese Schickung Gottes gewöhnt! Angiolina bewahrte meinen Sohn vielleicht vor Schlimmerem; denn wie Terschka und er b e g a n n e n – das sind Erinnerungen! Aber ein milderer Geist kam über beide, und das hab' ich immer für unsern Beruf gehalten, den zu fördern und zu mehren, selbst mit eigener Aufopferung! Ich weiss nicht, ob Salomo mit dem Worte: "Ein holdseliges Weib erhält die Ehre", auch die Ehre des Mannes meinte; aber meine Erfahrungund sie ist altlehrte mich, dass ein Weib das ganze irdische und ewige Glück eines Mannes in Händen haben kann. Seit Hugo und Terschka Sie kennen, Monika, hat selbst mein Wort einen ganz andern Klang für sie gewonnen! Noch kürzlich schrieb mir Hugo: Mutter, wenn ich doch auch Terschka ganz, ganz glücklich haben könnte! ... Ich weiss es, dass es für ihn kein anderes Glück auf Erden geben könnte, als Sie sein zu nennen, Monika!

Die gefolterte junge Frau warf sich, heftig den Kopf schüttelnd, mit weinenden Augen an die Brust der heute so milden Greisin ...

Wir nehmen Abschied, schloss die Gräfin; bleiben Sie in dieser Stadt, bis ich zurückkehre! Wählen Sie eine