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den Amtseifer des jungen Domherrn rühmte und diesen in Vergleichung brachte mit dem bequemern System des Dechanten, nach dessen Befinden sie sich erkundigte ...

Benno schilderte die mannichfache Aufregung, die es seiter für die Dechanei gegeben hatte. Zwar waren bei Beda Hunnius sämmtliche Papiere mit Beschlag belegt und von der Regierung teilweise der Oeffentlichkeit übergeben worden, doch zwang der Gegendruck der Volksaufregung auch den Dechanten, diesmal seiner Lässigkeit zu entsagen. Die Majorin Schulzendorf kam nicht mehr in die Dechanei. Alles stand auf dem Kriegsfusse. Die dem Mörder der Schwester der Frau von Gülpen abgenommenen Wertpapiere hatten ein ansehnliches Vermögen ergeben, das dem Laienbruder Hubertus im Kloster Himmelpfort bestimmt war. Dieser, ohne alle Verwandtschaft, hatte das Geld seinem Kloster zu überlassen ... Auch darüber gab es vielerlei Aufregungen für den Frieden des Dechanten, den also nicht mehr allein der nächtliche Ruhestörer Lolo um seine behaglichen Träume brachte ...

Nun, unterbrach Monika die lebhafte Mitteilung, die Piter aus den Abendcirkelgesprächen seiner Mutter ergänzen und zu Tiebold's erneutem Verdruss berichtigen wollte; nun, so wird es die höchste Zeit sein, dass der alte liebe Herr sich in Wien bei seinen Freunden und Freundinnen erholt! Wer ihn dort beobachtete, musste immer beklagen, dass die Zeit der Abbés vorüber ist ...

Da die Gräfin diese Erörterungen zu ignoriren schien und sogar, der peinlichen Erwähnung des Mordes und der neulichen Hinrichtung ausweichend, wieder die Rechnung des Wirtes zu betrachten angefangen hatte, war es in der Ordnung, dass sich alles erhob und Abschied nahm.

Monika reichte Benno und Tiebold die Hand ... Ein magisches Band ist es, das eine Mutter mit dem mann verbindet, der sein Herz ihrem kind weiht! Selbst wird sie darüber noch einmal wieder jung, fühlt ihr Herz mächtiger schlagen und teilt fast alle Empfindungen ihres Kindes. Oft sogar kann eine Mutter darunter leiden, wenn ihr Kind dem Ideal von Gegenliebe nicht entspricht, das ihr selbst davon noch im Herzen lebt. Sie weiss, was Liebe ist, was Liebe sein muss, sein kann und ihr Kind lässt den Mann, der sie liebt, oft launisch, oft nur kalt erwidernd, am Frauenherzen verzweifeln ...

Beiden Bewerbern gab Monika ihre Hand und wünschte ihnen schmerzlich lächelnd eine glückliche Reise! ...

Blicken wir nur einen Moment noch den sich Empfehlenden nach, so sehen wir, dass, unten angekommen, Tiebold Bennon schon deshalb in Piter's leidenschaftlich offerirten Wagen zog, um ihn zum Zeugen zu machen des Ausbruchs seiner verhaltenen Empfindungen über Piter's Benehmen. "Kattendyk! Wie S i e sich wieder benommen haben!" Dies Tema wurde variirt in allen Tonarten und sogar ohne Widerspruch; denn Piter rechnete auf vollkommenste Aussöhnung und Uebereinstimmung vor dem Austernbret, auf das er seine gefährten eingeladen und dessen Annahme nur insofern noch eine Modification erlitt, als Tiebold seine Entzückungen über die Nachsicht Monika's und der Gräfin, zu denen er vom "Rüffeln" übergegangen war, zuletzt selbst unterbrach und die Austern auf der Apostelstrasse für besser erklärte als die auf dem Hahnenkamp. In solchen Dingen gab Piter seinen Freunden nach. So flogen nun alle drei auf die Apostelstrasse, wo, von gleichem Instincte beseelt, auch bereits Joseph Moppes, Clemens Timpe, Gebhard Schmitz, Weigenand Maus und Alois Effingh am runden Tische sassen und, die Eintretenden erblickend, sie mit einem in der Tat von Herzen kommenden, stürmischen: Hurrah! empfingen.

Vortreffliche junge Männer das! sagte inzwischen wiederholt die Gräfin, verlor sich jedoch immermehr in eine jetzt ungestörte Revision ihrer Reisekasse und sprach ihr Bedauern über den Entschluss der Baronin, sie nicht einmal bis zum Meeresufer zu begleiten, schon nur noch mechanisch aus ...

Ist es nicht auch besser, liebe Gräfin, sagte Monika, dass ich die wohnung so lange behalte, bis ich an Terschka geschrieben habe, Ihre Rechnung durch das Haus Fuld berichtigen zu lassen? Sie werden diese hohe Summe nicht erwartet haben und sie nicht gut entbehren können. Reisen wir beide, so müsste sie bezahlt werden; bleib' ich zurück, so hat es Zeit damit ...

Diese Auskunft gefiel der Gräfin. Seit vielen Jahren war sie gewohnt, mit dem "ungerechten Mammon" auf eine Weise "Freundschaft" zu schliessen, die durch ihre Bibelauslegung erlaubt und durch ihre Lebenslage bedingt war ... Ihr seht zu stolzen Palästen auf! Ihr beneidet das los der Glücklichen, die sie bewohnen!

Die Gräfin wollte zeitig zur Ruhe gehen ...

Sie hatte noch etwas auf dem Herzen ...

Anknüpfend an den Brief des "Onkel Levinus" begann sie, als gegen neun Uhr die wie zur Schlacht lärmende Runde von zwanzig Trommlern in den Strassen vorüber war:

Sie wollen Terschka schreiben?

Ja! erwiderte Monika unbefangen ...

Nach einer kleinen Pause fuhr die Gräfin fort:

Wie beklag' ich Sie, dass Sie nun wieder so allein stehen wollenin dem feindseligen Streite der Leidenschaften! Glauben Sie an eine Aussöhnung mit dem Obersten?

Es gibt Dinge, die kein Gatte vergibt! erwiderte Monika mit halblauter stimme und fast ahnend, worauf die Gräfin zielte ...

Traurig aber, sagte diese, ewig noch einen teil der Kette zu tragen, von der man sich losriss! Gewiss denke ich mit dem Apostel: "Bist du an ein Weib gebunden, so suche nicht los zu werden. Bist du aber los vom weib, so suche kein Weib!"