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gefärbt und das stumpfe Näschen nicht erfroren, ... er war in Equipage gekommen ... Aber sein System des Au contraire bestimmte ihn sofort die Tasse abzulehnen und etwas näselnd zu sagen:

Bitte recht sehr, gnädigste Frau Gräfin! Ich trinke keinen Tee

Es war dies, Kamillentee ausgenommen, eine Wahrheit.

Die Gräfin fand den jungen Kaufherrn wieder von imponirender Eigenheit. Wer sich einbildet, die Grossen verletze dergleichen Selbständigkeit, irrt sich. Nur die "kleinen Grossen", die Empor- und Herunterkömmlinge sind anspruchsvoll; die wahren Grossen sind sogar leicht eingeschüchtert und geraten viel öfter in Verlegenheit, als wir glauben.

Piter rückte mit seinem Anliegen hervor. Im Wagen hatte er sich eine Rede stilistisch und rhetorisch zurecht gelegt. In gewandtem, der Vornehmheit wegen immer näselnden Vortrage bat er, dass seinem haus die Ehre gegönnt werden möchte, bei seiner am nächsten Freitag stattfindenden ersten Soirée auch die gnädigste Frau Gräfin und die Frau Baronin von Hülleshoven erwarten zu dürfen ...

Da die Gräfin von ihrer auf morgen angesetzten Abreise sprechen durfte, kam sie rasch über das ihr jetzt denn doch aufwallende Gefühl hinweg, ob eine solche gesellschaftliche Mischung, wie in einem wenn auch grossen Kaufmannshause vorauszusetzen war, ihrem stand angemessen erscheinen durfte. Seit lange hatte Monika die Gräfin nicht lächeln sehen. In diesem Augenblick tat sie es ganz graziös. Monika sagte sich: Die seltsame Frau! Wie wohlwollend und fein steht ihr dies Lächeln! Warum verscheucht sie es nur durch ihre stete Furcht vor der Weltlichkeit, der sie mehr angehört, als sie weiss!

Monika selbst, die sich mit der jetzt erst in Staunen ausbrechenden, aber doch allmählich beipflichtenden Gräfin über ihren Entschluss, doch lieber zu bleiben, verständigte, nahm die Einladung an. Gegenbesuche von und bei der Mutter Piter's hatten bereits stattgefunden.

Die Verständigung über das Zurückbleiben Monika's gab Pitern gelegenheit, sich in die Erfolge zu versetzen, die am nächsten Freitag seine Arrangements krönen würden ...

Auch über Porzia's Onkel erfuhr die Gräfin, jetzt orientirter, wiederholt alles das, was ihr zur Beruhigung dienen konnte, nicht zu einsam zu reisen ...

Piter sprach sein Bedauern aus, die Gräfin entbehren zu müssen, ermangelte jedoch nicht, sie bei einer somit einmal beschlossenen Trennung durch seine praktischen Winke über die Comforts von London wieder wahrhaft zu bezaubern. Es fehlte nichts, dass er ihr nicht auch die Adressen aufgezeichnet hätte, wo sie am besten Cravatten und Zahnbürsten und Rasirmesser kaufen konnte. Sein Portefeuille hatte er gezogen, ein Blatt darin ausgerissen und eine Menge Namen aufgeschrieben, die der Gräfin bei der Ankunft von Wichtigkeit sein mussten, sogar diejenigen Beamten auf dem Zollhause, die sich am leichtesten bestechen liessen, trotzdem auf Bestechung bekanntlich die Deportation steht. In solchen Dingen konnte Piter höchst charmant und bis zur Herzlichkeit naiv sein. Da schöpfte er aus der Fülle seiner Erfahrungen. Die Gräfin, die zwar bei Lady Elliot sowohl auf dem land wie in der Stadt wohnen sollte, hörte beglückt zu, wie das Hotel beschaffen war und wo es lag, in dem sie wohnen könnte, wenn sie wollte oder wenn sie müsstePiter's Au contraire war auf einige Zeit höchst instructiv.

Benno und Tiebold kamen etwas feierlich. Denn wenn sie den Abschied jetzt auch nur von der Gräfin zu nehmen brauchten, so blieben sie doch selbst nicht mehr zu lange in der Stadt, sondern reisten auf Witoborn zu, Benno in Nück's Aufträgen, Tiebold, um die Wälder anzukaufen, die Terschka frischweg sämmtlich wollte abschlagen lassen, um zu respectablen Summen Geldes zu kommen.

Piter behielt merkwürdigerweise noch die Oberhand ... Die Gräfin zeichnete den ihr Nützlichsten aus. Sie liess sich das weisse Blättchen voll Namen und Adressen schreiben und nebenbei warf Piter auch Erläuterungen für die beiden Freunde dazwischen, denen zufolge sie noch am Freitag, wenn sie bleiben würde, der Baronin sich in seinen Salons empfehlen könnten ... Man war überrascht und alles das gab ihm Suprematie.

Der Bediente servirte den neuen Ankömmlingen gleichfalls den Tee. Diese nahmen und Piter, der sonst unter seinen Freunden unter der herrschaft des ansteckenden Beispiels stand, bekämpfte sich dauernd, es heute durchaus nicht zuzulassen. Während jene tranken, konnte Piter sprechen. Jene waren gedrückt, bewegt, sie waren der Mutter eines Wesens nahe, das ihnen so teuer war und ihren Herzen einen so edlen Wettstreit kostete. Die Schwärmerei, die sich in Tiebold's zuweilen leuchtend von der Teetasse zur Nebentür aufblickenden Augen äusserte, hinderte ihn zwar nicht, Pitern in seiner selbstgefälligen londoner Topographie zuweilen zu unterbrechen und sich z.B. in Betreff guter Handschuhe auch seinerseits auf den Standpunkt des Au contraire zu stellen, aber Benno sah dem darüber sich entspinnenden Wortgefecht mit Schweigen und wie ein Neuling zu. Erst da, als sich jene im Zank etwas mässigen mussten und sich in eine halblaute Conversation verbissen, ging er, als der Festere und Höhergebildete, auf ein Alleingespräch mit der Gräfin über, die von Nück, Terschka und ihrem Sohne begann ...

Benno's Aeusseres hatte sich seit einiger Zeit verändert. Die Dressur zum Waffendienste hatte ihn früher seiner eigenen Art zu sehr beraubt. Auch auf seiner Wange stand jetzt ein schwarzgekräuselter Bart, der die Männlichkeit seines Wesens hob und ihm einen ganz besonderen Ernst gab ...

Seit meiner Studentenzeit war ich nicht in meiner zweiten Heimat! sagte er. Wenn es in der Tat zum Abschluss