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sprach, stutzte ... Die Gefangennehmung wurde eben von der Regierung seltsam motivirt. "Zwei revolutionäre Richtungen" sollten sich in den Handlungen des Kirchenfürsten durchkreuzt haben, die jakobinische und die jesuitische. So lautete das Manifest der Minister ... Unvermittelt wogten in Benno's Brust die Gegensätze der Ideen hin und her. Nur Freiheit atmen zu wollen, nur die herrschaft des Gedankens zu begehren, dafür sah er das Leben zu praktisch an. Aber das wirklich Praktische und tatsächlich durch die Welt, wie sie einmal ist, zu Bedingende, das hatte sich für seine wenigen zwanzig Jahre noch nicht feststellen wollen ... Und rings diese Leidenschaften! Diese Parteinahme nur zu Gunsten einer "Kirche", die doch auch die seine war! Kam nicht selbst Bonaventura über seinen inneren, leise begonnenen Zwiespalt durch diesen viel grösseren Bruch wieder hinweg? ... Piterder sah die Tränen seiner Mutter, hörte die Klagen seiner Schwestern; die drei Hausfreunde hatten keinen Appetit mehr; Nück vergab ihm sogar die witoborner Reise und trank mit ihm auf eine glücklichere Zukunft; sogar die zu Tod geängstigte Hendrika, die nur noch kaum zwei Monate zu dem heroischen Entschluss hin hatte, ihr Kind im Glaubensbekenntniss ihres Mannes taufen zu lassen, war am Morgen nach der Gefangennahme des Kirchenfürsten in Treudchen's kammer gewesen und hatte, zwar nicht mit Empfindungen wie damals Windhack in der Dechanei ("Fiat lux in perpetuis!") doch jedenfalls wie vor dem Ersticken sich Rettung suchend den Vorhang bald in die Höhe gezogen, bald wieder niedergelassen ...

Eines aber war Pitern an dem Kirchenstreit und an den Allocutionen und an dem Kampf der Broschüren, vorzugsweise aber an den allabendlichen Zusammenrottungen das Allerunangenehmste. Alle Familienfestlichkeiten mussten abbestellt werden. Wozu hatte er nun das älterliche Haus so umgestaltet und soviel Zerstörungen und Neubauten angerichtet, als um in der Eigenschaft des jetzt mündigen Chefs von "Kattendyk und Söhne" die Saison in einer Weise zu eröffnen, gegen die niemand, selbst nicht die Cirkel der aus Verlegenheit über den Geist der Stadt für den Winter ganz nach Paris übergesiedelten Gebrüder Fuld aufkommen konnten! ... Piter fand ein freies Feld und durfte es nicht zu seinen längst vorbereiteten Zwecken benutzen.

Endlich aber schwieg jede Rücksicht. Ende Januar konnte für seine Schwester Hendrika die Stunde der Entscheidung schlagen. Eine Gesellschaft musste jetzt oder konnte vielleicht den ganzen Winter nicht mehr gegeben werden; wer verbürgte den glücklichen Ausgang dieser Entscheidung? Hendrika fuhr in keine Messe mehr, in keine beichte, selbst dem Strom der ganzen Stadt zu dem neuen jungen Domherrn folgte sie nicht. Es musste ein Anfang in der entwicklung seiner Grösse, seiner gesellschaftlichen Repräsentation, seiner Laufbahn zum Mitglied irgendeines Comité oder ähnlicher Befriedigungen seines Ehrgeizes gemacht werden, und Piter benutzte die nahe bevorstehende Abreise einiger hoher Herrschaften, von denen allerdings nur Monika speciell an sein Haus empfohlen war, um mit der Art, "wie Er Gesellschaften geben würde", trotz der allgemeinen Landestrauer hervorzutreten.

Bei einigen Besuchen, die er hier im Hotel schon gemacht, war er auch der Gräfin vorgestellt worden. Von dieser hatte er ein zeugnis bekommen, das, wenn er dasselbe gehört hätte, ihm nicht wenig geschmeichelt haben würde. Da er unausgesetzt nur das Gegenteil von dem behauptete, was die Damen sprachen, so bekam wenigstens die Gräfin von ihm den Eindruck eines geistvollen und unterrichteten jungen Mannes; denn die Frauen sind viel bescheidener, als man gewöhnlich glaubt; sie unterrichten sich gern und dünken sich in ihrem Wissen nie so fest, dass sie nicht mit der grössten Aufmerksamkeit und Geneigteit, sich zu vervollkommnen, zuhörten, wenn ihnen z.B. jemand sagt: Bitte um Entschuldigung, die Ueberfahrt über den Kanal ist im Januar viel sicherer als im December! oder: Erlauben Sie, ich muss Ihnen aufrichtig gestehen, die kultur um Witoborn ist auffallend vernachlässigt! Frauen lieben die Schmeichler in der Regel viel weniger als wir glauben und die vornehmen Frauen vollendsund gar erst, wenn mit ihnen Menschen sprechen, die sich auf Geld und Gut verstehen! Piter blieb zu seinem Glück nur zehn Minuten und hinterliess damals einen Eindruck, den die Gräfin fast einen "bedeutenden" genannt hätte.

Auch heute genoss Piter drei grosse Vorteile für höhere Würdigung. Einmal war er nur fünf Minuten mit den Damen allein; es erfolgte eine fernere Meldung. Sodann war Monika in eine tiefe Abwesenheit ihres Ohrs und Herzens und Urteils versunken. Endlich drittens erhob sie sich sogar und entfernte sich ganz, wie sie sagte, auf einen Augenblick; das war, als Benno von Asselyn und Tiebold de Jonge gemeldet wurden, die in der Voraussetzung, sie reiste ab, sich ihr und der Gräfin zu empfehlen kamen. Und als dann die beiden jungen Männer eintraten, blieb die Gräfin mindestens zehn Minuten über alle drei Anwesenden die alleinige Richterin, bis Monika, nach einem Kampf zur Beruhigung ihres aufgeregten Herzens zurückkehrte.

Piter war vollkommen so eingerichtet, dass er mit Anstand die Tasse Tee, die ihn die Gräfin mitzutrinken aufforderte, hätte annehmen können. Seine strohgelb gantirte Hand brauchte sich nur auszustrecken, um im Zulangen ihm ganz schön zu stehen. Eine weisse Weste, inwendig mit einem dunkelroten Phantasiefutter, dunkelbrauner Frack mit Metallknöpfen, schwarze Beinkleider, eine Halsbinde, weiss mit allerlei braunen Sprenkelchenspäter flüsterte ihm Tiebold zu: "Sonderbare kleine Maikäfer das, Kattendyk, ich meine in Ihrer Cravatte!" Sein kleiner Kopf war wohlfrisirt und das blonde Bärtchen leise