die Engländer Snobbismus genannt haben, kam er bei fragen über das statistische Gebiet nicht hinaus. Immer fühlte man, dass er über solche Gegenstände, wenn sie besprochen wurden, mehr eine lebhafte Wissbegierde als eine grosse Vertrauteit zur Schau trug, ausgenommen bei Debatten über Kunst, Stadtteater, Glanzwichse und einige Feinheiten im Liniiren der Comptoirbücher, die er einem alten, verstorbenen Buchhalter verdankte. Da elektrisirte ihn denn jenes pyrmonter Wort! Er fand es "merkwürdig" gleich auf der Stelle. Von den Höhen des im Regen gebadeten Teutoburger Waldes in die witoborner Ebene niederfahrend, beschloss er, zur probe einmal das System des Au contraire zu versuchen. Ein nicht undiabolisches Lächeln begleitete die Vorstellung: Du kommst nach haus zurück, bekennst nicht nur n i c h t deine Unbesonnenheit, sondern bist au contraire noch maliciöser denn je! Du erklärst Nück die gänzliche Verfehlteit seiner Speculation mit dieser Uebernahme der Enckefuss'schen Schuldenmasse und unterbrichst jedes Staunen, das man etwa über den pyrmonter Wechsel von 5000 Talern zu erkennen geben sollte, mit einem viel, viel grösseren Erstaunen über die unvernünftigen Handlungen anderer Menschen!
In diesem System, das ihm von etwas Bosheit und viel Desperation eingegeben wurde, verfuhr er sogleich, um nur mit Lärm zurückkommen zu können, mit dem Rittmeister von Enckefuss, den er jetzt antraf. Dieser Unglückliche hatte einen jungen Mann voll "Grossartigkeit" erwartet und fand einen abscheulichen Krakehler, der die Lorgnette einkniff und ihn fast beleidigte. Enckefuss war ihm in seiner gewohnten rosenroten Laune entgegengehüpft, elastisch, frisch geschminkt wie ein Jüngling, und nun fand er einen verdriesslichen Taxator, der auf jede Versicherung das Gegenteil anzugeben wusste und den armen Mann binnen einer Stunde um allen Humor brachte. Piter zuckte nur ewig die Achseln und studirte nur im stillen sich seine hübsche Portion Donnerwetters ein, die er auf seine Angehörigen schleudern wollte, eine gehörige Anzahl von Ausrufungen über verlorene Zeit und Mühe, und es "sollte ihm mal einer wiederkommen und ihn in solche Bockshörner jagen" – und da war denn zur Rettung des Rittmeisters keine Verständigung möglich. Piter schnurrte auf jede Proposition auf wie ein Stacheligel und reiste ab. Der Rittmeister begleitete ihn sehr artig an den Postwagen, blieb aber mit einer traurigen Miene zurück. Er sah dem Scheidenden, dem Retter in der Not, lange, lange nach und begab sich besinnungslos in seine wohnung. Wir wollen gleich hinzufügen, dass er sich nicht tot schoss, sondern einen Brief an seinen Sohn schrieb, zwar mit soldatischem Lakonismus bloss seine Flüche aufs Papier werfend, aber doch so voll Verdruss (und besonders über die notwendigkeit, nun doch an den Präsidenten von Wittekind-Neuhof gehen zu müssen – der Kronsyndikus stand unter Curatel –), dass der arme, schon lange vereinsamte, einst so stolze Mann seine schwarze Tusche, seine Pinsel, seine roten Schminknäpfchen ganz vergass und – nur das Klagen und Kratzen seines alten treuen Pudels hörte und leise zu ihm sprach: Beissen sie dich auch so, Caro? und dann die Türen zuschloss und halb die Fensterladen zuzog und ein altes Kamisol anzog und die Brille auf die Nase, sich selbst auf die Erde setzte und eine Schere nahm und ganz ein Greis geworden seinem allein noch treuen Tiere vor dem Hereinbrechen des Winters in wehmütiger Betrachtung über Flöhe die Haare schor. So fand man ihn wenigstens da, als er zum ersten male anfing, allerlei wunderliche Reden durcheinander zu sprechen ...
Piter kam im Vaterhause an und überhäufte Nück sogleich mit dem ganzen Vorrat gründlich einstudirter Vorwürfe. Er schilderte das Geschäft, das er ihm aufgetragen, als einen neuen Beweis, dass man noch soviel Latein und Griechisch und doch nichts von praktischen Dingen verstehen könnte. Nück, sehr erschreckt durch die Gefangennehmung Hammaker's, replicirte wenig; Benno und Tiebold freilich bestürmten Pitern voll Unwillen. Ihnen antwortete er auf jedes, was sie vorbrachten, mit Au contraire. Fast kam es zum Bruch zwischen Tiebold und ihm. Piter war in einem Grade unumgänglich geworden, dass er sogar sich vor sich selbst zu fürchten anfing und nur in seinem verhältnis zu Gertrud Lei seinem Gemüte ein letztes Asyl eröffnete. Diese Liebe steigerte sich zur Schwärmerei, besonders seitdem seine Schwester Hendrika, um Treudchen vor ihm sicher zu stellen, ein für allemal die auf seine Wendeltreppe führende Tür verschloss und sogar den Vorhang des Zimmerchens, das Treudchen bewohnte und das dem seinigen gegenüberlag, Tag und Nacht herabzulassen befahl. Wäre nicht die neue Beherrscherin des Hauses gewesen, Lucinde Schwarz (sie wurde es ganz wider Willen und einfach nur dadurch, dass jeder Bewohner desselben, Delrings ausgenommen, die "sanfte, stille, ruhige Seele" zur Vertrauten machte), Piter hätte Sitte und Anstand über den Haufen geworfen. Aber Lucinde wollte alles Ernstes, dass Piter Treudchen in optima forma heiraten sollte. Sie beförderte diese Wendung der Dinge mit einer Discretion, die deshalb nicht leicht war, weil auch Treudchen, schon um "den jungen Herrn" möglicherweise zu "bessern", seine, wie er selbst sagte, "wahnsinnige" Liebe mit der Kraftlosigkeit eines Mädchens erwiderte, das sich die Möglichkeit solcher herzbestrickenden Vorgänge innerhalb der ihr bisher gänzlich unbekannt gewesenen und neu aufgehenden Region der Liebe nicht geträumt hatte.
Dem durch die Gefangennehmung des Kirchenfürsten geweckten geist entzog sich Piter keinesweges. War doch selbst Tiebold wieder nahe daran, zu Feuer und Schwert zu greifen. Auch Benno, der sogar alles so erwartet hatte und der die Kraft der Ghibellinen bewunderte und von Dante's Welfenhass