1858_Gutzkow_031_31.txt

Weise heimisch war. Sie bildete sich da jenes bekannte aufmerkende und geheimnissvolle Schweigen aus, das bei Leuten, denen Bildung überhaupt zugestanden werden muss, immer annehmen lässt, dass sie über jeden vorliegenden Fall, und beträfe er die Inschrift einer ägyptischen Pyramide, vollkommen au fait sind.

Bald merkte Lucinde aus den Drohworten, die der Kronsyndikus ausstiess, dass es mit dem Deichgrafen eine besondere Bewandtniss hatte. Dieser "Graf" schien nur ein Bürgerlicher zu sein. Es war der erste Pachter des Freiherrn von Wittekind. Der Kronsyndikus nannte ihn unausgesetzt bald einen Hund, bald einen Schurken; ja, er erklärte, dass er ihm bei erster gelegenheit und, wie er sagte, "stanta pe" eine Kugel vor den Kopf brennen würde. Der Kammerherr wünschte neue Vorkommnisse des Zwistes zu wissen, aber der Vater schien von denselben so ergriffen zu sein, dass er zuweilen die an ihn gerichteten fragen ganz überhörte ...

Das Terrain war eine Zeit lang nur eben gewesen. Auf den Gütern des Freiherrn, die von der Strasse ostwärts lagen, wurde es wieder von Anhöhen unterbrochen, und auf der höchsten Höhe lag Schloss Neuhof wie eine leuchtende Krone der ganzen in Saatengrün, Wald und Wiese prangenden Gegend. Diesem Schloss, diesen reichen Fluren nach zu schliessen, musste der Kronsyndikus fürstliche Einnahmen beziehen, womit freilich sein Dingen und Zanken mit den Postillonen und Wirten in Widerspruch stand. Lucinde hatte den Mut, ihn seines Geizes wegen aufzuziehen, wozu er ganz beistimmend schmunzelte und ihr in die Wangen kniff mit den Worten, dass er von solchen hübschen Kindern wie sie in seinem Leben leider nur zu oft solche Wahrheiten hätte hören müssen.

Ehe man auf die bedeutende, aber sanft aufsteigende Anhöhe gelangte, von welcher das im vorigen Jahrhundert gebaute Schloss herniederleuchtete, hatte sich in die jeweiligen Auseinandersetzungen des Kronsyndikus über die Ernte, die neuen Wegebauten, die Kirchen und Klöster, die man in der Ferne aufragen sah, über einen oft citirten Landrat von Enkkefuss, den sein Auge da und dort zu erspähen glaubte, dann wieder über den Reichtum und die hohe gesellschaftliche Stellung der Tüngels und über die Vorzüge der freilich nicht mehr ganz jungen Baronesse Portiuncula, die Jérôme heiraten sollte, wieder der Zorn gemischt auf jenen "Deichgrafen". Man sah, aus den heftigen Rügen über diesen Acker, jene Hecke oder Anpflanzung, überall die Schöpfungen dieses Mannes, der seit einer langen Reihe von Jahren mit dem Freiherrn aufs innigste befreundet gewesen, jetzt aber, wie sein Sohn mit dem Kammerherrn, in Bruch gekommen war. Der Kammerherr suchte die Neigung seines Vaters zu gewinnen durch beständiges Schüren dieses Hasses, durch Uebertreibungen und Flüche, die die des Vaters zuweilen noch an Kraft und Umfang übertrafen. Zwei verwöhnte, durch ihren Namen und Besitz sich für unantastbar haltende Männer scheuten sich nicht, dem Deichgrafen im geist bald die Peitsche zu geben, bald sämmtliche Hunde ihrer Förster auf ihn zu hetzen.

Lucinde erfuhr jetzt, dass der Generalpachter Klingsohr den altüblichen Namen eines Deichgrafen von einer frühern Anstellung bei den Deichen der hannoverischen Niederelbe führte, dort die Bekanntschaft des zuweilen nach seinen mecklenburgischen und holsteinischen Gütern durchreisenden Freiherrn machte und von diesem bereits vor beinahe dreissig Jahren in diese Gegend als sein Pachter berufen worden war. Lange hätten sie in dieser Lage freundschaftlich verkehrt, sogar die Söhne des Freiherrn und des Deichgrafen wären zusammen aufgewachsen und erzogen worden, der Kammerherr hätte mit Heinrich Klingsohr, dem jetzigen Doctor, in Göttingen studirt und bei alledem war eine Feindschaft ausgebrochen, wo einer denn doch noch, wie der Kronsyndikus sagte, "dran glauben" würde.

Die Ursache dieser Feindschaft lag in einer neuern Ernennung des Deichgrafen. Der alte Klingsohr, der sich als grosser Pachter im landwirtschaftlichen Verein, ja als Kenner der Volkszustände auf dem Provinziallandtage einen Namen gemacht hatte, war Commissar der Regulirung bäuerlicher und grundherrlicher Verhältnisse geworden. Erst jetzt wurden in dieser Gegend die letzten Reste der Leibeigenschaft aufgehoben. Die Regierung bestimmte Teilungscommissare, denen sie ihr Vertrauen schenkte, um jedes streitige Recht zwischen Bauern und Grundherren, zwischen den Gemeinden und Einzelpersonen zu prüfen und schliesslich nach bester überzeugung die Ablösungen zu schätzen. Man konnte nicht bemessen, dass ein Macchiavellismus darin lag, zu einem unter Umständen so unpopulären, ja gefährlichen, der Bestechung wie der Anfeindung ausgesetzten Posten einen Oppositionsmann zu wählen. Im Gegenteil liess sich annehmen, dass gerade in der gesunden, offenen und ehrlichen Politik des Deichgrafen, die der Regierung schon viel zu schaffen gemacht hatte, eine Bürgschaft gefunden wurde für die Gerechtigkeit, mit der er sich seinem schwierigen Amt unterziehen würde. Er kannte die Gegend seit beinahe dreissig Jahren, hatte die Interessen derselben mannichfach studirt und war unstreitig der geeignetste, der die Unparteilichkeit einer so wichtigen Procedur verbürgte. Lucinde gewann diese Einsicht in ihr keineswegs fremde Verhältnisse vollständig erst von ihrem Pavillon im Schlosspark zu Neuhof aus. Jetzt war es nach des Kronsyndikus Meinung eine teuflische, höllenmässige und bis an die Trone diesseits und jenseits zu verfolgende Undankbarkeit des Deichgrafen, auf seinem neuen Posten fortwährend seinem Pachtgeber, langjährigen alten Freunde, ja Wohltäter, wie er sagte, in fast allen streitigen fragen Unrecht zu geben, ihm Rechte zu entziehen auf Wald und Flur, die er seit Urgedenken besessen haben wollte, die Summen, die er von seinen frühern Lehnsassen zu empfangen, gering, die aber, die er selbst an die Gemeinden zu zahlen hätte, hoch anzuschlagen. Durch diese nun schon seit zwei Jahren dauernde Ablösung, die den Deichgrafen zum Wohltäter des ganzen Kreises machte