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grosse Eifer hatte sich durchkreuzt. Rittmeister von Enckefuss hatte voll Ungeduld die Reise zu seinem Sohne gemacht und Nück, der helfen zu wollen versprochen, setzte bei seinem Schwager eine so präcise Erfüllung seiner Aufträge, soviel Reiselust und Gefallen an einer raschen Benutzung einer neu angeschafften Reisetoilette nicht voraus. Nun waren wohl die Besuche, die Piter am Sonnabend bei einigen Advocaten machte, möglich zur Beweisführung für seinen Geist und seine sociale Stellung, aber eine geschäftliche Verständigung und die Uebernahme der Forderungen sämmtlicher Enckefuss'scher Creditoren konnte erst stattfinden nach der Zurückkunft des Hauptbeteiligten selbst.

Wir werden die heilige Stadt Witoborn, deren Türme wir in frühern Schilderungen nur fernhin aufragen sahen, genauer kennen lernen. So viel dürfen wir schon jetzt berichten, dass Piter hier die vollkommenste gelegenheit gehabt hätte, durch Devotion seiner Mutter Ehre zu machen. Hier lagen so viel Heilige in ganzer Gestalt oder in Partikeln begraben, hier läuteten so viel Glocken zu jeder Stunde des Tages und der Nacht, hier brannten an allen Ecken und Durchgängen der kleinen unansehnlichen Strassen so viel Lichtchen und standen an und in den Häusern, Kirchen, Klöstern so viel schöngeputzte Muttergottesbilder, dass er wohl seiner Sünden hätte eingedenk werden und geloben können, sich die massloseste Selbstliebe und besonders seine sträfliche Neigung für fünfzigprocentigen Arakpunsch abzugewöhnen.

Indessen beleidigten sein Schönheitsgefühl die Kühe und Schafe, die jeden Morgen vom Hirten durch die witoborner Strassen geführt wurden und die Mängel der Strassenreinigung und Beleuchtung. Gleich in der ersten Nacht war er auf topographische Studien ausgegangen und dabei fast in einen offenen, völlig gitterlosen Strom gefallen, der zwar nur höchst schmal, aber mit reissender Schnelligkeit durch die unerleuchteten Strassen schoss. Was half es ihm, dass es später beim Wirt seines Hotels "bei Tangermanns", wo er der einzige Fremde war, herauskam, dass dies die berühmte Witobach gewesen war, deren Quellen schon Karl der Grosse mit einem Münster überbaute? Was half es ihm, dass alle die kleinen Bäche, in die er, sich von dem grossen retirirend, bis zum Knie geriet, als Nebenarme der Witobach bezeichnet wurden? Er erzählte, dass ihm an einem grossen Turme, um den eine Anzahl ungeheurer Wasserräder auf die berühmten witoborner Mühlenwerke schliessen liessen, nicht nur hören, sondern auch das Sehen vergangen wäre. Alles das schmeichelte wohl dem Lokalpatriotismus, trocknete aber seine Stiefel und Beinkleider nicht. Im Unmut über die hier in Aussicht gestellte geringe Bereicherung seiner Welt- und Menschenkenntniss beschloss er, so lange die Umgegend zu recognosciren, bis der Rittmeister zurückgekommen sein würde. Selbst das einzige Weinhaus, das er am folgenden Morgen am Sonntag zum zweiten Frühstück seines Besuchs für würdig erklären konnte, musste ihn, wie er versicherte, "melancholisch machen". Allerdings lag es dicht an den alten Münstertürmen Karl's des Grossen und in ihren durchbrochenen byzantinischen kleinen Fenstern beherbergten sie ein wahres Gewimmel von Raben und Dohlen, die in Schwärmen ausund einzogen und oft wie von Reisen herkamen, jedenfalls von den Bergen hernieder, wo ihn besonders ein fernhin leuchtender Punkt anzog, das den Wittekind's gehörende Schloss Neuhof ...

Piter beschloss nun, sich genauer die Gegenden anzusehen, wo Hermann den Varus schlug und auch einige der vielen daselbst zerstreuten Mineralbäder noch einen letzten Rest von "Saison" hatten. Einige dieser Heilquellen kündigten sich ihm, als er in der Tat mit Extrapost abreiste, bereits durch Leichenwägen an; sie waren berühmt gegen die Schwindsucht. Andere hatten eine harmlosere Bestimmung, aber die einzigen noch anwesenden Patienten schienen nur noch die Brunnenärzte zu sein, die an jedem Morgen an den Quellen erschienen, um sich zu erkundigen, wer etwa die Nacht angekommen war. Piter, geschmeichelt, dass man ihn für keinen Leber- oder Nierenkranken halten konnte, zugleich besorgt, darum noch für keinen Musterreiter zu gelten, bestellte in einem dieser Curhäuser Champagner und bewunderte, von selbst voraussetzend, dass es keinen echten gab, die treuherzige Etikette: "Product vaterländischer Betriebsamkeit." Weiterreisend bekam er die Stimmung und Musse, sich so mit sich selbst zu beschäftigen, dass er sich die Abschiedsscene von Treudchen, dem neuen Mädchen seiner Schwester Hendrika, in allen möglichen Variationen ausmalte; denn dass diese allerdings nur in dämmernden Umrissen vor ihm stand, war bei dem umflorten Zustande, in dem er sich nach seinem Souper befunden, nicht anders möglich. Gerade aber diese Nebelhaftigkeit des empfangenen Eindrucks gestattete ihm die schönste Ausschmückung und wie er das freiherrlich Wittekind'sche Vorwerk Eggena, das Städtchen Lüdicke und andere hervorragende Punkte hinter sich hatte und in den Schluchten des Teutoburger Waldes sich ganz nach Belieben, bald an diesem Buchengrunde, bald an jener Tannenhöhe, die Niederlage der Römer ausmalen konnte und ihm das Krächzen der Raben, die ihm aus den Münstertürmen gefolgt zu sein schienen, immerfort das aus der Schule in der Tat noch erinnerlich gebliebene: "Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!" zu sprechen schien (dem darob sehr verwunderten Postillon hatte er beim Bergan diese Erzählung als probe seiner mitteilsamen Gelehrsamkeit nicht vorentalten mögen), da trat ihm der Gedanke: Wenn du jetzt diese allerliebste Blondine hier neben dir hättest auf dieser geschäftlichen Irrfahrt! mit mächtiger Gewalt entgegen. In der alten Postkalesche, einer ausrangirten Beichaise, mass er sogar den Sitz, den Treudchen neben ihm einnehmen konnte. Er deckte auf das weich einladende Leder der Polsterung seinen Plaid und baute der kleinen Göttin im geist einen Tron und Altar. Selbst die zierlichen Füsschen, deren weisse Strümpfe er im geist als selbstgestrickte bewunderte