1858_Gutzkow_031_307.txt

eine Irrsinnige! Dass diese Tat, die nun freiwillig ihr Kind aufgab, ein Anfall der masslosesten Eitelkeit war, die Verzweiflung eines Blickes in den Spiegel und auf ihr ergrautes Haar, wird sie nicht leugnen können. Diese wilde Unregelmässigkeit ihres Wesens ist leider auf Armgart übergegangen. Die Mutter kann versichert sein, dass von unserer Seite nicht das Mindeste geschehen ist, Armgart aus dem Pensionat der Insel Lindenwert abzurufen. Das törichte Mädchen will sich nur beiden älteren zugleich aufgespart haben und führt diesen Gedanken auch jetzt im Stift Heiligenkreuz, wo sie eine Stelle bekommen hat, mit einer Wachsamkeit durch, die jeden Augenblick die Flucht von Lindenwert wiederholen würde. Die Aussicht, dass mein Bruder Ulrich sich in Witoborn niederlässt, rückt immer näher. Ein meiner Schwägerin wohlbekannter Name, Remigius Hedemann, hat, seitdem die Abwickelung der Verhältnisse unseres beim jetzt so tief gekränkten Geist der Provinz immer unmöglicher gewordenen Landrats ins Stocken geraten, die Mühlenwerke bei Witoborn erstanden und beide gedenken ein für den Geist unserer Gegend ganz tolles, ja förmlich herausforderndes Unternehmeneine Papierfabrik zu begründen! Stehen wir ohnehin in unsern Verhältnissen selbst nicht fest, so wird uns am wenigsten beikommen, in so sich verwickelnde andere einzugreifen. Bruder oder Schwester, beide würden uns zur Verständigung gleich willkommen sein! Die Zeit heilt Wunden und mildert Leidenschaften und wir müssen selbst wünschen, dass in diese harten Herzen Besinnung kommt! Von meiner Schwägerin hör' ich durch Herrn von Terschka jetzt so ausserordentlich viel Rühmenswertes, dass Benigna sowohl, meine langjährige Freundin, die dem Alter der Versöhnlichkeit mit dem, was die Erde bietet, schon so nahe gekommen ist, wie ich selbst, nichts lieber wünschen, als die endliche Beilegung dieses Zwistes, den ja unsere heilige Kirche nicht gestattet so zu lösen, wie es die Leidenschaften dieser wilden Menschen wünschen mögen durch Scheidung – –"

Weiter konnte Monika nicht kommen ...

Die Schlussversicherungen der Ergebenheit überschlug sie in der Erregung durch diese offene und für den Charakter ihrer alten Gegner, ihres Schwagers, ihrer so strengen, viel ältern und ihr gewissermassen als Erzieherin gegenüberstehenden Schwester, sogar gemütvolle Sprache ...

Sie stand auf, liess den Brief auf den Tisch gleiten, griff an ihr Herz und trat an das Fenster, um die Stirn an den feuchten Scheiben zu kühlen ...

Die Gräfin unterbrach nicht diesen Seelenkampf ...

Eine lange Pause trat ein, die Monika endlich mit den leisen Worten beendete:

Aus alledem sehe ich, teure Gräfin, dass ich besser tun werdenoch in dieser Stadt zu bleiben und Sieallein reisen zu lassen! ... Vielleicht erfreut es Sienoch einen gefährten zu gewinnen, der bei Porzia sitzen könnte, den Onkel derselben, der genötigt ist, rasch nach England zurückzureisen! Ich begrüsse Sie dannbei Ihrer Rückkehr hier oder, erlöst von allen diesen Kämpfen, in Ihrem schönen, sonnigen, glücklichen Castellungo!

Die Gräfin sagte zwar: Ja, ja! hörte aber plötzlich nur halb ... Sie hatte die Rechnung des Hotels entdeckt und suchte wieder die Brille, um eine nicht unwichtige Frage genauer zu prüfen ...

Monika sah, dass die Höhe der Summe, die es hier noch zu zahlen gab, die Gräfin erschreckte. Sie hatten an sich einfach gelebt, aber eine Menge anderweitiger Ausgaben hatte die Gräfin von dem gefälligen Wirte auslegen lassen. Vollkommen war ihr die Eigenschaft ihrer Gönnerin geläufig, den "Nerv der Dinge" und den "ungerechten Mammon" für etwas zu nehmen, was sich nach Gottes ewigem Ratschlusse allen denen, die ihn lieben, früher oder später doch zum besten wenden müsse ...

So vertieft war die Gräfin in eine unter dem Eindruck des gewonnenen Processes von ihr hervorgerufene ansehnliche Reihe von Zahlen, dass sie nicht mehr viel von Monika's Worten gehört hatte.

Bei alledem wusste sie aber doch, dass in dem Briefe das Wort "Scheidung" stand. Darauf hin sagte sie beim prüfenden Oeffnen ihrer Reisekassette:

Paulus spricht: "Der Herr ist der Geist, und wo der Geist des Herrn ist, da ist die Freiheit!"

Sie wollte sagen, wenn bei Monika eine Confessionsänderung stattfände, wäre die Scheidung da ... Monika wusste das und stand träumend am Fenster ...

Darüber kam eine Meldung.

Herr Kattendyk! hiess es ...

Ei, Herr Kattendyk? rief die Gräfin hocherfreut ...

Die Gräfin war so in Vergleichung ihrer Reisemittel mit der Rechnung vertieft, dass ihr selbst die Meldung des Doctors Abadonna eine Besinnung auf den Namen gekostet hätte, aber die Nennung des Chefs der Firma: "Kattendyk und Söhne", an die Monika empfohlen war, vergegenwärtigte ihr augenblicklich die gemeinte Persönlichkeit ... Sie selbst war an die Gebrüder Fuld empfohlen ...

Sehr angenehm! Sehr angenehm! rief sie ...

Die Meldung eines dem "ungerechten Mammon" und den "Schätzen, die Motten und Rost zerfressen" angehörenden Namens wurde sofort angenommen, ja das Eintreten desselben mit einer gewissen Feierlichkeit vorbereitet.

3.

Piter Kattendyk hatte sich vor vier Monaten auf seiner Reise nach Witobornkeinesweges mercantilische Lorbern erobert.

Zwar war er in lebendigster Erregung, wenn auch etwas durchfröstelt und an der Abfassung von Reiseoder Heidebildern durch einen Schlaf verhindert, der "die seiner Constitution notwendigen zehn Stunden" fast auf die ganze Dauer der Schnellpostfahrt ausdehnte, in Witoborn angekommen und "bei Tangermanns" im besten Gastof der Stadt abgestiegen; aber der gegenseitige