belagert sein von Hülfsbedürftigen, die oft aus weiter Ferne kommen, um sich von ihren Leiden heilen zu lassen! Aus dem wahren geist Gottes ist das nicht ... Die Apostel hatten diese Gabe auch, aber um ihres Glaubens willen und bedurften dazu nichts, als nur des Gebets. Sie, Baronin, weiss ich, sagen freilich rundweg, das alles wäre Wahn oder die Macht des Willens, der da sagt: Sei geheilt! und der Kranke ist – zuweilen geheilt. Der Wille scheint Ihnen allmächtig! Wenn man an sich selber nur glaubt! O, Sie wissen, meine Gute, wie wenig ich von allem halte, was ohne die Gnade Gottes ist! Doch bin ich weit entfernt, den Katoliken die Gnade Gottes abzustreiten, wenn sie sich ihr in inbrünstigem Gebete nahen! Mischen sie aber Torheiten ein, wie die fürsprechenden Engel und Heiligen, nun, so mag der Herr auch das kindliche Lallen der Seele in ihrer unverständigen Verblendung wohl mit väterlicher Geduld vernehmen, ist nur der Grund da des Vertrauens zu ihm. Sie erinnern sich, dass Ihre Freundin bei den Hospitaliterinnen die heilige Hildegard nannte, mit der ihr Comtesse Paula Aehnlichkeit zu haben schien. Das sagt' ich Ihnen ja noch gar nicht, wie ich bei Bingen das Grabmal dieser sogenannten Heiligen gesehen habe! Ich beschloss, mich etwas genauer über sie zu unterrichten. Da erfuhr ich denn, dass die ernstaftesten Männer mit dieser äbtissin, die so viel Wunder verrichtete, in Verbindung standen, ja ein Bernhard von Clairvaux und sogar der damalige Papst –
Sie wünschte ihm Glück zur Ausrottung der Waldenser! warf Monika ein ...
Wie? rief die Gräfin ...
Mit diesen wenigen Worten änderte sich plötzlich der ganze Gedankengang der Gräfin ...
Tat sie das? fuhr sie bestürzt fort und hielt im Wandeln durch das Zimmer inne. Sie verliess sich auf die Kenntnisse Monika's, die ihr bei solchen entschiedenen Behauptungen verbürgt waren ...
Sie tat es in einer Sprache, fuhr diese fort, die sie nur in ihren Visionen kannte, der lateinischen. Ihr Beichtvater schrieb diese Visionen nach und veröffentlichte sie später; es war ein Pater Gottfried ... Ich habe mich in Mussestunden viel mit dem Leben der heiligen Hildegard beschäftigt ...
Dann war sie eine Betrügerin! wallte die Gräfin auf und endete ihre Rede mit dem völligen Gegenteil dessen, womit sie begonnen hatte. Sie hatte darauf hinaus wollen, dass ihr allerdings an der heiligen Hildegard interessant gewesen wäre, sich nach ihrem Beispiel die ekstatischen Zustände Paula's zu denken. Nun aber sagte sie: Auch in Westerhof werden es die pfaffen sein, die die Krankheit des armen Mädchens benutzen und sie zur Närrin machen! Ich dortin reisen! In der dumpfen Luft würde ich den Atem verlieren! "Es war aber ein Mann mit Namen Simon, der Zauberei trieb und gab vor, er wäre etwas Grosses, und sie sahen auf ihn und sprachen: Der ist die Kraft Gottes, die da gross ist! Da sie aber Philippi Predigten hörten von dem Reich Gottes und den Namen Jesu Christi, liessen sich taufen, beides Männer und Weiber."
Monika las weiter:
"Herr von Terschka unterbricht mich und verbindet seine Bitte mit der unserigen, Ew. gräflichen Gnaden möchten in der Tat den Umweg nicht scheuen. Begleitete Sie nicht vielleicht Herr Benno von Asselyn, so würde Ihnen vielleicht der Domherr von Asselyn, sein Vetter, eine interessante Reisegesellschaft sein. Wir erwarten ihn jeden Tag zu einer kirchlichen Inspection. Auch einigen Worten des Herrn von Terschka, Armgart von Hülleshoven, meine Nichte, betreffend (jetzt zitterte der Brief in den Händen der von ihrem kind geflohenen Mutter) geb' ich gerne Ausdruck und bitte Sie, Ihre Begleiterin, Frau von Hülleshoven, meine Schwägerin, zu versichern, dass sowohl in meiner langjährigen Freundin, fräulein Benigna, ihrer Schwester, wie in mir die Reihe der Jahre den alten Groll gelöscht hat. Was Sie auch, gnädige Gräfin, über unser Zerwürfniss erfuhren, beurteilen Sie es nach dem Temperament von Menschen, die wie unser ganzer Volksstamm ein starkes und unbeugsames Rechtsgefühl haben. Nur auf der 'roten Erde' konnten die Vehmgerichte entstehen, jene Selbstülfe des volkes in einer rechtlosen Zeit ... (Die Buchstaben verwischten sich der Lesenden vor Erregung ...) Es ist wahr, die Ehe zwischen meinem Bruder und Monika schloss sich ohne überlegung. Der Kronsyndikus von Wittekind, Testamentsvollstrecker ihrer älteren, wollte Monika zwingen, seinen Sohn Jérôme zu heiraten. Sie kannte seine Gewalttätigkeit und nahm meinen Bruder wie im blinden Ungefähr. Nach einer vierjährigen Ehe war die Erklärung, sie folge dem mann nicht in seine neue Garnison, sie besässe keine Liebe für ihn, ein reiner Trotz der Verkehrteit. Sie wollte anfangen nach grundsätzen zu leben. Sie wollte 'wahr' sein gegen sich und andere! Es war der Anfang eines völligen Verwirrens ihres Denkens und Fühlens, das wir nicht dulden durften. Ihren törichten Sinn wollten wir durch die Vorentaltung ihres Kindes, der damals dreijährigen Armgart, mit Gewalt brechen. Da wir ebenso gegen den Bruder verfuhren, der Armgart für sich in Anspruch nahm, hatten wir die Ausdauer, einen Kampf mit dem Mutter- und Vaterherzen zu wagen. Und dennoch würden wir nachgegeben haben damals, als Monika erkrankte, wenn sie nicht, kaum zur Hälfte genesen, wie noch im Fieberwahn damals Schloss Westerhof verlassen und in die Welt hinausgerast wäre wie