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sie Rechtaber – "das Tier mit sieben Köpfen schnaubt und dräuet, dass sich darob die Sterne verfinstern", wenn es an die Bibel geht ...

Monika war über alle diese Anspielungen durch tägliches Erörtern vollkommen unterrichtet ...

Auch ein langer Brief vom "Onkel Levinus" lag da, den die Gräfin nach einer halben Tasse Tee, die sie schlürfte, mit einer gewissen Scheu überflog und dann an Monika übergab, weil er vielleicht mehr für sie, als für die Adressatin bestimmt schien ...

Sie wandte sich jetzt dem Rest ihres Tees und in Gedanken verloren einem leichten Gebäck zu ...

Monika nahm den dargereichten Brief und las ihn mit einer schmerzlichen Miene für sich, während die Gräfin die letzten Briefe durchsah, solche, die ihr aus Schloss Salem und Castellungo von ihren Verwaltern gekommen waren ...

"Wenn es diesen Zeilen gelingen könnte", schrieb der Bruder des Obersten, "Ew. gräflichen Gnaden noch vor Ihrer Abreise nach England anzutreffen, ja Ew. Hochgeboren zu bewegen, die Nähe Westerhofs nicht unberücksichtigt zu lassen und uns mit einem Besuche zu beehren, so würde ich zuvörderst damit den Wunsch unserer lieben Comtesse ausgesprochen haben, dem sich der des Fräuleins Benigna und mein eigener ehrerbietigst anschliesst. Die Wege bis zu uns sind bequem oder bieten bei der Milde des Winters keine grossen Schwierigkeiten. Persönlich die Gesinnungen wiederholen zu können, die ich als langjähriger Freund und Verwalter des Grafen Joseph über die in Gottes Rat beschlossene Zukunft seiner Besitztümer immer von ihm vernommen habe, würde mir zur besonderen Genugtuung gereichen. Aus dem Schoose der Familie unserer Gräfin, selbst den allerdings jetzt kaum noch den Lebenden angehörenden frühern Vormund derselben, ihren Onkel, den Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof nicht ausgenommen, der, wie Ew. Gnaden wissen, immer einer anderweitigen Auskunft, einer Verbindung beider Linien den Vorzug gab, ist nichts unternommen worden, was diesen gegen die Ansprüche des Herrn Grafen Hugo geführten unseligen Process hätte schüren und fördern können. Uns lag nur ob, das Vorhandensein jener Urkunde, die christkatolische Religion der jüngern Linie verlangend, möglicherweise aufzufinden und auch hierin einen etwa vorhandenen Wunsch der Vorvordern zu erfüllen. Die Nachforschungen konnten eine solche nicht auffinden und so gebe denn der gute und gerechte Gott seinen Segen zu der Ausgleichung, die, dank der Einsicht des vom Herrn Grafen übersandten Vermittlers, Herrn Baron von Terschka, vorzugsweise darauf hinauszukommen scheint: Der letzten Erbin der ältern Linie verbleibt Schloss und Hof Westerhof nebst den nächsten Adjacentien auf hundert Morgen in der Runde als standesmässige Abfindung und erbeigentümlicher Besitz für ewige zeiten; alles andere fällt der jüngern Linie zu, vorbehaltlich der Rückläufe, die der Comtesse für einige Grundstücke und Waldungen offen bleiben. Für die Regulirung dieser Procedur hat Herr Oberprocurator Nück uns die Ankunft des Herrn Benno von Asselyn verkündigt. Wir erfreuen uns in Herrn von Terschka eines weisen und wahrhaft discreten Vermittlers, der in allen diesen schwierigen Verhältnissen seit Monaten Grosses geleistet hat. In kurzem ist er der Liebling der Gegend geworden, womit viel gesagt ist bei einem Volksstamm, der sich schwer anschliesst, ohnehin, weil man der neuen Wendung der Dinge um so mistrauischer entgegensah, als wir uns gerade jetzt infolge des bekannten traurigen Weltereignisses in einer confessionellen Aufregung befinden, die mehr, als ich wünschen möchte, die Gemüter erbittert und ein paritätisches Zusammenleben unmöglich macht." ...

Monika las zwar für sich; aber die Gräfin, die jetzt aufstand und sich einiges an ihrer Haustoilette zu schaffen machte, beobachtete sie und sagte:

Sind Sie an der Stelle, wo der wunderliche Herr mir die Unmöglichkeit des Zusammenlebens mit Ketzern schildert, nachdem er mich doch zuvor eingeladen hat, Westerhof zu besuchen?

Monika musste lächeln, so schmerzlich erregt sie war ... Sie blickte auf das Ende des Briefes, um nach Armgar'ts Erwähnung zu suchen ...

Der Brief lautete im Zusammenhange:

"Comtesse Paula ist glücklich, dass sie Westerhof behält. Sie drückt Ihnen, gnädigste Frau Gräfin, ihre ganze Verehrung aus. Es würde Sie gewiss erfreuen, eine Verwandte kennen zu lernen, die mit einem selten gebildeten geist eine Einfachheit und Güte des Herzens besitzt, die durch keine Verkürzung und Schmälerung ihrer Glücksgüter getrübt werden kann, höchstens, dass ihr die Mittel zum Wohltun verringert sind ..."

Wieder unterbrach die Gräfin die im Zimmer herrschende Stille. Sie folgte der Lectüre Monika's im geist Zeile für Zeile, so fest hatte sich ihr sofort trotz kurzen Durchfliegens der Inhalt des Briefes eingeprägt.

Um Comtesse Paula, sagte sie, gesteh' ich es zu bedauern, dass ich der Aufforderung nicht folgen kann ...

Monika verstand vollkommen, was in diesen Worten liegen sollte. Es war die mütterliche sorge für die immer doch noch nicht ganz gewisse Zukunft. fand sich noch irgendein Hinderniss für die Ausgleichung des Familienstreits und entging den Salems-Camphausen eine seit fünfzig Jahren ihnen immer dringlicher und dringlicher gewordene Hoffnung, von der ihre Ehre und der Bestand ihres Namens auf Generationen abhängig war, so konnte und musste der Fall eintreten, dass Graf Hugo um Paula warb ... Deshalb lag in den folgenden Worten, die die Gräfin unter andern Umständen mit viel grösserer Strenge würde gesprochen haben, eine bei ihr seltene Milde:

Das arme Kind soll nach allem, was ich höre, immer wieder in ihre Visionen zurückfallen! Sie erteilt im magnetischen Schlafe Ratschläge an Kranke! Schloss Westerhof, sagte Nück, soll von Morgens bis Abends