entwickelt, uns die Frische des Willens und der Tatkraft erhält. Dass gewisse Gedanken in der Welt realisirt werden müssen, nur um als solche zu glänzen, während das Einzelwesen, das zur Realisirung derselben beiträgt, dabei gering erscheint, werde' ich nie für gut finden." Eine Aeusserung, die die Gräfin nachdenken liess, sie aber zu dem Worte bestimmte: "Ich finde in diesem Ausspruch Wahrheit, aber Sie drücken sie mit zu vielem Menschenstolze aus. Wir ermangeln alle eines andern Ruhmes als dessen, den wir vor Gott haben." Leicht möglich, dass selbst der Gräfin Bonaventura's Auffassung besser gefallen hätte, die wir damals berichteten, als dieser den Pater Sebastus vor dem Goldnen Lamm unter Bettlern sah – die Unterordnung gerade der stolzesten Individualität unter einen allgemeinen, der Menschheit im grossen und ganzen als ein Schauspiel zur Nacheiferung zugute kommenden Begriff. Freilich war Bonaventura von dieser Auffassung schon am Tage darauf nach der Scene beim Kirchenfürsten schmerzlich zurückgekommen.
Trotz dieser Verschiedenheit der Ansichten hatte die Gräfin an Monika ein grosses Gefallen gefunden. Sie war ihr ein lebendiger und höchst willkommener Beweis, wie der Katolicismus consequent durchgeführt zur Freigeisterei führen müsse. Sie suchte in ihr eine Proselytin zu gewinnen für die Lehre von der Wiedergeburt lediglich durch den Glauben. Die Bekanntschaft schrieb sich aus dem Briefwechsel her, der zwischen einem wiener Anwalt Monika's und Schloss Westerhof entstehen musste ihrer Erhaltung wegen. Monika besass ein kleines Vermögen, das der Oberst unangerührt gelassen hatte, als er nach Amerika ging. Im Kloster bedurfte Monika nichts, sie liess ihre Zinsen stehen. Jetzt erhob sie Ansprüche auf das, was ihr gehörte und ihr not tat. Bereitwillig stellte ihr der Schwager Levin jedes Gewünschte zur Verfügung, ja Tante Benigna, ihre Schwester, wollte zulegen; letzteres lehnte Monika ab. Der regelmässige Bezug ihrer Mittel führte sie durch jenen Advocaten mit Terschka zusammen, der der chargé d'affaires aller Finanzsachen seines Freundes war und tagelang mit der Gräfin rechnen konnte – Graf Hugo behauptete, für die Zusammenstellung von Zahlen kein Geistesvermögen zu besitzen. Terschka, angezogen von Monika's interessanter Erscheinung, aufmerksam auf die Namen Ubbelohde und Hülleshoven, die täglich in seinen Correspondenzen mit Westerhof und mit Nück vorkamen, gab der Gräfin Kunde von ihr und nun schien es den künftigen Besitzern der Erblassenschaft des Grafen Joseph standesgebührlich, die Schwester und Schwägerin der beiden Namen, die Paula hüteten und erzogen hatten, an sich zu ziehen. Die Gräfin wollte sogar ein Bewohnen des Palais auf der Herrengasse und bot Monika eine Stellung bei ihr an, die zwischen Freundin und Gesellschafterin die Mitte hielt. Doch auch Graf Hugo und Terschka wohnten zuweilen in diesem Palais und so musste sie die freundliche Aufforderung ablehnen. Doch blieb ein ganz nahes verhältnis. Fast täglich, wenn die Gräfin in Wien oder auf Schloss Salem wohnte, leistete ihr Monika Gesellschaft. Nur nach Castellungo, wo die Gräfin das Frühjahr zubrachte, war sie ihr noch nicht gefolgt, hatte das aber für dies laufende Jahr versprechen müssen. Im grund hatte diese Beziehung wenig Erhebendes für Monika; ja die Gräfin liess an ihr, wie an allen Menschen, nur an denen nicht, die zu Hugo's Intimität gehörten, ihren steten Bekehrungs- und Erziehungseifer aus; nie kam ein Scherz, ein lachen, eine entusiastische Freude an Kunst oder natur bei ihr zum Vorschein; das Teater existirte nicht für sie; alles das entsprach glücklicherweise im allgemeinen auch der Stimmung Monika's und so folgte sie der greisen Frau, die sich schon an sie gewöhnt hatte, auf Tritt und Schritt, jetzt auch hierher und vielleicht nach England, obgleich sie für letzteres noch nicht ganz entschlossen gewesen war und vorläufig nur bis Antwerpen hatte mitgehen wollen ... Seitdem von Porzia's Onkel Hedemann genannt worden war, fühlte sie sich von rätselhaften Geistern bestürmt, die sie mahnten, ganz zurückzubleiben und die Gräfin morgen allein abreisen zu lassen.
Die hohe Gestalt der Greisin trat ein. Sie war mit einem weiten schweren Pelz bedeckt, den ihr der Diener abnahm. Ihre scharfen mageren Gesichtszüge verhüllte ein einfacher Sammetut, den sie noch nicht abgebunden hatte, als sie schon eine Anzahl Briefe, die sie sich selbst vom Postamte mitbrachte, an den Schirm der Lampe hielt und hastig nacheinander erbrach ...
Ohne Brille konnte sie nur mit Schwierigkeit lesen. Sie musste daher innehalten, ihren Hut abbinden und sich's bequemer machen ...
Porzia bediente sie dabei. Monika ordnete die Zurüstungen zum Tee ...
Ich komme vom Doctor Abadonna! sagte die Gräfin. Ich wollte nicht verfehlen, vor meiner Abreise dem armen, geschlagenen Sohne der Finsterniss wenigstens diese Aufmerksamkeit zu bezeigen! Dem Herrn sei Lob und Ehre; denn Terschka schreibt ja –
Nun hatte sie das Futteral ihrer Brille geöffnet, das ihr Porzia auf einen stummen Wink Monika's gereicht, hatte den Eckplatz des Sophas eingenommen, den Tisch sich näher rücken lassen, dann auch die Lampe näher gezogen und die Brille auf ihre vom Feuer der Erwartung glänzenden Augen gesetzt und einen der Briefe geöffnet ...
Der Courier legte mancherlei inzwischen Angekommenes in ihre Nähe, einige Bücherpackete, einige Einkäufe, die schon vorausgeschickt waren, auch ein grosses Papier, in dem sofort Monika, und nicht ohne einen gewissen Anflug von Verlegenheit – die Rechnung des Hotels erkannte ...
Alles um die lesende Gräfin her war still und bewegte sich auf den Zehen. Nur sie allein sprach sich laut und mit Interjectionen aus