1858_Gutzkow_031_302.txt

aufrecht zu erhalten; sie hatte einen seltsamen Einsiedler, einen Deutschen, Bruder Federigo, in einer Hütte, die sich dieser in einem ihr angehörenden Eichenwalde gebaut, wo er dem ringsum wohnenden Volk ein Arzt und weiser Ratgeber geworden, geschützt, als die Pfarrer von Cuneo und Robillante ihn vertreiben wollten; sie hatte die Könige von Preussen, von England, Niederland und von Schweden aufgefordert, ihr Beistand zu leisten für den Kampf, den sie ringsum mit Bischöfen und Erzbischöfen begann, ja mit der Regierung in Turin selbst, um gewisse, den Waldensern gegebene Gewährleistungen aufrecht zu erhalten. Damals wurde Wenzel von Terschka von ihrem Sohn zuerst genannt und einen Winter in Wien verlebend, sah sie ihn dann selbst und hätte erst ausrufen mögen bei seinem Anblick: Das ist ja ein Jesuit! Jagte er aber dann mit ihrem Sohne die lieblichen Höhen von Baden-Baden herauf, während ihr Wagen an der "Spinnerin zum Kreuz" stand, wo sie den geliebten Sohn aus Bruck, seiner Garnison, her erwartete, und sah sie Terschka's sorge für die Rosse, seinen Mut, seine Entschlossenheit, hörte sie seine heitern Reden, beobachtete sie die wilden Unregelmässigkeiten, die sich die Freunde in einem achttägigen Aufentalte bei der chère maman erlaubten, so schwand ihr alle Angst und sorge und sie überredete sich schon bei dem zweiten Besuche, dass Hugo doch schon wieder einen ausserordentlichen Takt bewiesen hätte auch in der Wahl dieses seines gefährten und dass, wenn Sirach sagt: "Ein treuer Freund ist ein Trost des Lebens; wer Gott fürchtet, bekommt einen solchen treuen Freund!" hier vielleicht auch das Umgekehrte eintreffen könnte: Wer einen solchen treuen Freund bekommt, der wird auch lernen Gott fürchten!

Wie die Dinge standen, musste die ganze sehnsucht der Gräfin auf die endliche Entscheidung des Processes gerichtet sein, der nicht von dem Kronsyndikus von Wittekind, nicht von Levinus von Hülleshoven im Namen Paula's gegen die Salem'sche Linie angestrengt wurde, sondern von den an der Aenderung der Dorste'schen Verhältnisse erst secundär Beteiligten, vorzugsweise der Geistlichkeit und der Landschaft. Zwei Jahre lang war ihr der Name Nück's ein Bote der höllischen Geister. Sie nannte ihn nicht anders als mit einem Namen aus der Offenbarung Johannis, in die sie sich tief vergrübelt hatte, den Doctor Abadonna, den "Engel aus dem Abgrund". Als endlich die Hoffnungen immer lichter wurden, immer mehr das Gewölk, das das Antreten eines so grossen Besitzes verbarg, verschwand, konnte sie der mächtig wallenden Erregung ihrer Mutterfreude nicht länger widerstehen. Längst schon hatte sie mit der Lady Elliot in England eine Beratung pflegen wollen über die Möglichkeit, in Italien die Reformation zu befördern und Rom durch die Bibel zu stürzen. Mit dem ihre ganze Seele erfüllenden Verlangen, die Kräfte, die England für eine solche Unternehmung in Bereitschaft halten konnte, selbst einmal durch den Augenschein zu prüfen, verband sie nun auch die Reise nach dem Orte, von wo aus sie die Lage des Processes übersehen, den Triumph der günstigen Entscheidung geniessen, vielleicht eine Beziehung der Etikette zur Gräfin Paula und ihren Umgebungen anknüpfen konnte. Hätte sich jene die Religionsbedingung betreffende Urkunde gefunden, die seit zwei Jahren in Westerhof, Neuhof, Witoborn, Wien, Schloss Salem und Castellungo gesucht wurde, dann hätte ihre mütterliche Liebe einen andern Rettungsplan aufgreifen müssen, eine Verbindung Hugo's mit der Gräfin Paulaeine Auskunft, die auch in der Familie traditionell eine sich von selbst verstehende Tatsache, ein lautes geheimnis warfreilich für ihr Gefühl ein entsetzliches Unglück! Denn Paula war in einem fanatischen geist für ihren Glauben erzogen worden und Hugo sollte dann scheidenvon seinen Gewohnheiten, sollte brechen mit allen seinen Verbindlichkeiten, sollte "Opfer" bringen, wie sie etwas nannte, was Monika von Hülleshoven eines Tages einmal leise, ganz leise und schüchtern nur der Gräfin einesittliche Wiedergeburt genannt hatte?

Die kleine schöne Frau "mit den silbernen Locken" war erst seit einem Jahre in den Lebenskreis der stolzen, immer nur ernsten und feierlich gestimmten Matrone eingetreten. Sie hatte jahrelang bei einer Jugendfreundin, der inzwischen Oberin der Hospitaliterinnen gewordenen Schwester Scholastika, einer geborenen Freiin von Tüngel-Heide, aus ihrer Heimat, im Kloster gelebt und an den beschwerlichen Mühewaltungen derselben teilgenommen. Ihre Gesundheit, ohnehin erschüttert durch die Folge jenes Verstecks (beiläufig bemerkt in einem chemischen Laboratorium ihres Schwagers auf Schloss Westerhof) und durch die darauf folgende Nervenkrankheit fing zu wanken an in dem täglichen Verkehr mit dem zum Kloster gehörenden grossen Spitale. Offen bekannte sie ihrer Freundin Scholastika, da sie kein Gelübde bände, würde sie in die Welt zurückkehren, "denn die Pflicht der Selbsterhaltung ginge über alle sorge für Fremde, die nicht auf uns allein angewiesen sind". Es war dies einer der Sätze, die zu einem immer mehr von der jungen Frau ausgebildeten System der Lebensphilosophie gehörten. Sie schied aus dem Kloster und verwarf damit zugleich das Klosterleben in seiner überlieferten Form. Sie sagte schon damals am ersten Abend, wo sie auf der Herrenstrasse im Palais der Salem-Camphausen in einem prächtigen Rococozimmer mit Goldleisten und Spiegelwänden neben der Gräfin am Teetisch sass: "Es sollte keine andern Lebenszwecke geben, ausserhalb der Bewährung unserer eigenen Kraft und unserer Erziehung zur Vollkommenheit! Eine Institution, die mich auch klein, unbedeutend, sklavisch gebunden, krank brauchen kann, ist des Menschen unwürdig. Nur dem sollen wir uns unterwerfen, was unsere Kraft in ihrer Grösse braucht, sie