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Gefecht gegen türkische Grenzerdrei Jahre stand er an der dalmatinischen Küsteund ihr da allein angehörte. Sagten wir, dass an keinem weib, wenn wir es auch männlich nennen, Züge fehlen, die allein nur dem weib angehören, so ist dies bei der Gräfin Erdmute die Liebe zu ihrem Sohne. Diese äusserte sich nicht etwa in der regelmässigen Form, wie überhaupt die Liebe sich gibt; nicht etwa z.B. in der Strenge, die von der Liebe nicht im mindesten ausgeschlossen ist, sondern in einer blinden Vergötterung. Graf Hugo war ein liebenswürdiger Cavalier, aber auch in vielem nur das, was man eben einen Cavalier nennt. Besten Herzens und namentlich ganz den Gefühlen für Kameradschaft und Freundschaft zugänglich, führte er ein Leben, das die Mutter unbedingt hätte verwerfen müssen. Aber selbst ihre religiöse Strenge, die sie gegen alle ausübte, war für die Beurteilung der Dinge, die sie von ihrem Sohn erfuhr, nicht vorhanden. Alles, was nur mit dem Geliebten in Beziehung stand, verklärte sich ihr. Traten ihr die Folgen seines Leichtsinns zu deutlich entgegen, so hatte sie hundert Beispiele der Bibel über die Langmut des Herrn, über seine Geduld mit denen, die er lieb hat, über die Verirrungen David's und Salomo's und die künftige Erleuchtung und Gottwohlgefälligkeit auch dieser heiligen Sünder. In jeder Mehrung der Schuldenlast, die schon lange das Haus Salem-Camphausen drückte, sah sie, was die Veranlassungen derselben betraf, einen Beweis mehr nur für den Satz, dass eben das Gute in dieser Welt sehr schwer zu erringen und zu behaupten wäre. Waren die Ausgaben des Sohnes irgendwie auf andere Veranlassungen zurückzuführen, als auf die, welche sich in der Hoffnung auf den endlichen Gewinn in dem seit dem tod des Grafen Joseph zu Westerhof geführten Process sogar bei allem Mangel wieder doch die Verschwendung gestatteten, so wählte sie gewiss die edelsten. Sie übersah die grossen Ausgaben für Pferde, Wettrennen, Spiel, Vergnügungen aller Art, wenn sie die kleinen Ausgaben musterte für Bücher, Kupferstiche und Mildtätigkeitsbeweise. Liess Graf Hugo ein schönes Mädchen, das er bei einer Kunstreitergesellschaft in einer dalmatinischen Stadt am Ufer des Adriatischen Meeres kennen gelernt hatte, in Wien ausbilden und erziehen, so verschlang diese, nach ihrer Meinung und Auslegung so "edle Handlung", Tausende. Alles, was in den Rubriken des Leichtsinns stand, übertrug sie auf die Rubrik des guten Herzens. "Selig sind die Barmherzigen", sagte sie, "denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!"

Vorzugsweise musste diese mütterliche Schwäche wunder nehmen in der Beurteilung auch aller der Verhältnisse, die sich mit dem Sohn verbanden. Der schöne junge Mann stieg in seiner Carrière und befehligte bei wenig über dreissig Jahren schon ein Reiterregiment. Jenes schwarzbraune Mädchen, Angiolina genannt, das er hatte erziehen und überraschend ausbilden lassen, war seine Geliebte geworden. Ihr blieb sie nur des Sohnes Pflegkind, sozusagen ihre Enkelin. Sie, die oft Wien mit Sodom und Gomorrha verglich und den Zorn des Herrn noch einst in Gestalt von Schwefel und Pech auf die sündige Stadt herniederregnen sah, nahm Angiolina's Besuche an und liess sich durch nichts in der Welt das Bild verwischen von dem Findling, den ihr Sohn hatte "einem Leben der Sünde entreissen lassen". Graf Hugo brauchte ihr dabei nicht einmal zu schmeicheln, brauchte nicht einmal ihr die Hand zu küssen und sie mit chère maman's zu überhäufen. Alles, was ihn betraf, fand sie in der Ordnung. Selbst wenn Graf Hugo erklärt hätte, er wollte Angiolina heiraten, würde sie sich überredet haben, ihr Sohn nütze vielleicht mit diesem Opfer nur sich selbst, jedenfalls jenem schönen Mädchen, das er auf diese Art vor sittlichem Schaden bewahre.

Besonders seltsam war ihre anhänglichkeit an Wenzel von Terschka. Dieser Abenteurer, denn anders konnte man ihn nicht nennen, tauchte vor einer Reihe von Jahren plötzlich in ihres Sohnes Nähe auf. Durch Bildung und Erziehung fast Italiener, nahm sie ihn doch als das, wofür er sich ausgab, einen Böhmen und Nachkommen der alten Hussiten. War er auch katolisch, so verklärte ihn in ihren Augen die Erinnerung an Hussens Märtyrertod. Wenzel von Terschka war unleugbar böhmisch-deutschen Ursprungs; die Art, wie er früh nach Italien gekommen, blieb dunkel. Anfangs erschrak die Gräfin vor ihm, als sie ihm zum ersten male begegnete als dem intimsten Freund ihres Sohnes, dem er sich durch die trotz der väterlichen Katastrophe auch bei ihm leidenschaftliche Liebhaberei für Pferde genähert hatte. Wenzel von Terschka war ein Meister in allen ritterlichen Künsten. Eine Geistesgewandteit besass er, der nur ein innerer Mittelpunkt fehlte. Wenn die Gräfin plötzlich einen solchen gefunden zu haben glaubte, entsetzte sie sich wohl, weil es ein ganz specifisch ihr feindseliger war, geradezu ein priesterlicher; aber, so seltsam dies Gefühl mit der Lebensweise Terschka's, die an allen Excessen des Grafen, seines intimsten Freundes, teilnahm, in Widerspruch lag, sie gewöhnte sich an ein stetes Ueberschauertwerden durch ein gewisses Etwas, als müsste sie auf dem rabenschwarzen kurzen Haar des wachsgelben, äusserlich anziehenden und in seinem Wesen klugen, sogar geistvollen jungen Mannes die Tonsur suchen. In Piemont, das damals ganz unter der herrschaft der Jesuiten stand, hatte sie solche Erscheinungen gesehen, mit ihnen sogar im Kampfe gelegen ... Sie hatte alles aufgeboten, auf ihrem Gebiete das Bekenntniss der Nachkommen Peter Waldus', der vor Luter die Kirche zu reformiren suchte,