griffen, wird man darum noch nicht männlich zu nennen brauchen. Ihre Frauenart bewahren sie in eigentümlichen, ihrem Geschlecht allein angehörenden Zügen.
Gräfin Erdmute von Salem-Camphausen war eine Norddeutsche, eine geborene Freiin von Hardenberg. Ihr Gatte wählte sie, angezogen von ihrer imponirenden Gestalt und untadelhaften Schönheit. Im luterischen Glaubensbekenntnisse waren sich beide gleich, wenn auch die strenge Form, in der die Gräfin das ihrige bekannte, vom Grafen nicht geteilt wurde. Auch trat diese Strenge bei der Gräfin erst hervor, als sie, wie Monika damals von sich an Angelika Müller geschrieben, sich selbst zu erziehen anfing. Der Graf lebte meist in Ungarn, wo unter so vielen Protestanten keine Veranlassung gegeben war, sich in der so schwierigen Geisteskraft auszubilden, mit überzeugung in der Minorität zu stehen. Die Gräfin dagegen, die grösstenteils allein in Schloss Salem bei Wien lebte, war mehr in der Lage, ihre Besonderheit zu kräftigen, ja zuletzt bedurfte sie eines Anhaltes gegen den General-Feldzeugmeister, ihren Gatten selbst. Nie herrschte eine Verstimmung zwischen ihnen, aber wo fängt die Bildung des Charakters im Menschen an? Von dem Tage, wo man eine Lücke unter seinen Wünschen und Hoffnungen fühlt, von dem Tage, wo man irgend worin eine grosse Niederlage erlitt. Graf von Salem-Camphausen hatte auf das Zufallen eines Vermögens an seine Gattin gehofft. Diese Hoffnung scheiterte. Kein Wort des Vorwurfs kam über seine Lippen, aber – die Lücke war da, der Zartsinn der Gattin empfand sie und sie musste sie füllen. Schätze eines frivolen Geistes, die etwa in der Welt blenden konnten, besass sie nicht; ihre Erscheinung hatte durch ihr erstes Kindbett gewonnen, durch spätere Fehlgeburten verloren; ihr einziger Sohn erforderte eine Erziehung und so schöpfte sie aus sich selbst so viel, als sie eben vorfand. Ein alter Grund von Religion war in sie gelegt worden, eine pietistische Lebensauffassung. Ihre Erzieher waren Herrnhuter gewesen, zu denen sich auch einige Zweige ihrer Familie ganz bekannten. Diese später zurückgedrängte, nicht ganz verklungene Bildung sammelte sich wieder in ihrem inneren und wurde ihr zum Ersatz für die Welt, die die Verlegenheiten des grossen Hauses bemerkte, für die Zerstreuungen, die sie nie geliebt hatte, für die Hülfsmittel der Bildung, die man ihr für ihren Sohn anbot und die ihr misfielen, für den Gatten endlich selbst, der trotz seiner hohen Stellung ein sorgloser Lebemann war, einst im Bändigen eines Rosses eine Wette gewinnen wollte, sich überschlug und den Hals brach. Das Entsetzen über dies in weiter Ferne von ihr in Erfahrung gebrachte Unglück schien wie starr auf ihren Gesichtszügen festgeblieben zu sein und die Gräfin versteinert zu haben. Ausdruck für ihre Trauer suchend, fand sie sie nur in den Erinnerungen an die religiöse Bildung ihrer Jugend. Sie fand mit ihnen jenen elegischen Trost, der zwar ausruft: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt in Ewigkeit! der nun aber auch für immer den ganzen Menschen in den Zustand der Entsagung versetzt. Ein Zurückziehen von der Welt, ein starres Festalten an ihrem Glauben schien der vornehmen Gesellschaft, von der die Gräfin schon längst kalt und schroff genannt worden, jetzt vollkommen gerechtfertigt.
Der Ort, in dem die Gräfin den in Presburg erfolgten Tod ihres Gatten erfuhr, war jenes Schloss Castellungo im Piemontesischen, das sie sich aus ihrem Eingebrachten selbst erkauft hatte, weil ihr die Lage und die rings noch lebende Erinnerung an die alten Waldenser, die Vorläufer der Reformation, gefiel. Sie hatte sich diese Erwerbung aus ihren eigenen Mitteln zugetraut, weil sie damals mit begründeter Hoffnung durch den Tod eines Verwandten vermehrt werden sollten. Die Hoffnung schlug aber durch ein Testament fehl und die Gräfin besass ein verschuldetes Eigentum, während der Graf selbst, infolge einer seiter mit immer grösserer Dringlichkeit gesteigerten Erwartung, früher oder später die grossen Güter der Dorste-Camphausen im westlichen Deutschland zu gewinnen, in seinem eigenen Haushalt keine Ordnung mehr hielt. Dennoch hatte er die Verlegenheit seiner Gattin auf sich selbst übernommen. Er brachte den Besitz Castellungos für seine Frau so ins Reine, wie eben sein ganzes übriges Besitztum stand. Er hiess der Herr und war es nur dem Namen nach. Die älteren der kleinen Bettina Fuld waren es von Schloss Salem und auch von Castellungo mehr als sein Sohn Hugo, der, als der Vater in der Blüte seiner männlichen Jahre so unglücklich endete, erst sieben Jahre zählte.
In einem Anfall von Mismut über die zunehmende religiöse Neigung seiner Frau hatte sich der Graf bedungen, dass sein Sohn unter allen Umständen Soldat werden sollte. Wenn man in einem so entschieden altgläubig regierten land, wie bei uns, innerhalb der Gesellschaft vergisst, dass ein Mitglied des Adels zu den Ketzern gehört, hatte er gesagt, so kann das nur geschehen, wenn ihn der Nimbus der Bravour umgibt! Unabänderlich war es, dass Graf Hugo Militär wurde. Die Mutter war in Verzweiflung. Schon ihn aus den Augen zu verlieren, schmerzte sie; nun gar, ihn nicht selbst erziehen, ihn nicht vor den Gefahren der Welt schützen zu können. Graf Hugo besuchte die Militärakademie unter Bedingungen, die ihrer ganzen Stimmung widersprachen. Wenn sie jemals zu einem Lächeln kam, war es in den Augenblicken der Freude, wo Hugo auf einige Zeit der Ihrige sein konnte, nur unter dem Schutze ihrer mütterlichen Liebe stand, bei Ferien, später bei Urlauben, bei einer längeren Pflege, als er einst verwundet wurde in einem