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: "Heureka!" (Ich habe gefunden!) allen Blumen und Vögeln und Schmetterlingen und Käfern sein Glückdiesen wohl allein, denn Menschen verirrten sich des sumpfigen Weges nicht.

Der Pfarrer selbst, dem eine bedeutende Einnahmequelle versiegte, sah den oft so unholden Gast mit Rührung scheiden. Die Pfarrerin meinte: Man gewöhnt sich so bald an das, was tägliche Pflicht geworden, selbst wenn Plage und Qual damit verbunden ist. Den Verlust der Einnahme musste man zu verschmerzen suchen, mischte sich doch auch das angenehme Gefühl in den Scheideaugenblick, erlöst zu sein von einem Alp wie Lucinde. Einen Misbrauch ihrer Schönheit, ein übles Beispiel, das sie den Kindern im Genuss ihrer Triumphe gegeben, konnte man ihr nicht nachsagen. Da sie aber die gewohnten und allgemeinen Wege in keinem Dinge gehen mochte und an kleinen Verwirrungen, die sie schon genug in den nächsten Beziehungen des Hauses angerichtet hatte, förmlich Freude zu empfinden schien, so sah man sie mit erleichtertem Herzen ziehen. Lucinde wusste das und machte von ihrem Gehen keine Umstände. Nur den Kindern im haus und manchem Fleissigern in der Schule liess sie zurück von ihrem Ueberfluss an Kleinigkeiten und hunderterlei Bagatellen, die ihr der Kammerherr verehrt hatte.

Die Reise ging über das Eggegebirge der westfälischen Abdachung zu.

Obgleich der Kronsyndikus mit der Mehrzahl seiner Güter der grossen norddeutschen Monarchie angehörte, schien sein Herz doch mehr an Hannover, an Braunschweig, an Lippe, Bückeburg, Detmold zu hängen, in deren Gebieten er gleichfalls angesessen war. Ja, bis in den höhern Norden hinauf, bis Hamburg, bis Kiel hin besass er einzelne, durch Verschwägerungen und alte Familienbeziehungen ihm zugefallene Güter.

Der Kammerherr schien dabei trotz alledem sein Lieblingssohn. Des ältern, des Regierungsrats, wurde nur mit Gereizteit gedacht, ja, in den Spott, in den er zuweilen über die Welt, in welcher jener lebte, ausbrach, stimmte der Kammerherr mit ein, sodass man beide dann in ein mit ganz gleicher Tonart gesetztes lachen sich ausschütten hören konnte.

Die freie, ungebundene, ja zügellose Art des Vaters fiel Lucinden bald genug auf. Der Kammerherr war viel sittsamer. Sein Vater gab ihm das zeugnis, dass der "alte Schafskopf", wie er ihn nannte, immer nur Hunde und seine sogenannten guten Freunde geliebt, immer nur vor den Damen wie ein Duckmäuser gestanden hätte und zu seinem höchlichsten Erstaunen nun doch noch in den Apfel der erkenntnis beissen wollte ... Wenn er eine solche Vergleichung brauchte, lachte er sich selbst Beifall, und Lucinde wusste schon, wie gern er sah, wenn sie darüber auch den Mund in Lächeln verzog. Sie erntete dafür über ihren Verstand und ihre Zähne Schmeicheleien so derber Art, wie sie der Kammerherr nie auszusprechen gewagt hatte.

Diese Reise währte eine halbe Nacht und einen halben Tag. Man fuhr mit vier Pferden Extrapost. Am Wege sah man dann und wann Crucifixe und Heiligenbilder. Die an historischen Erinnerungen so ahnungsreiche Gegend war jetzt gemischter Confession. Bei der Frage nach Lucindens Herkunft, sonderbarem Vornamen, religiösem Bekenntniss kam es zu einigen Erörterungen über die Stadt, aus der sie entflohen war. Und nun fragte der Kronsyndikus von Wittekind selbst, ob Lucinde dort nichts von einer gewissen Gülpen oder Buschbeck, wie sie sich nenne, gehört hätte. Und trotzdem, dass sie ja auch dem Kammerherrn schon diese Namen ausgesprochen hatte, antwortete sie: Nein! Sie fürchtete weitere fragen über ihre Herkunft und die Ursache der Bekanntschaft mit jener unheimlichen Frau.

Der Kammerherr hätte sich der frühern Frage Lucindens nicht erinnert, aber er war auch in dem Augenblick gerade beschäftigt, mit einem Perspectiv die Fenster eines Herrensitzes zu fixiren, an dem sie in einiger Entfernung vorüberfuhren. Er entdeckte dort seinen zweitbesten Freund, den Grafen Zeesen, der trotzdem, dass es erst April war, schon Fliegen zu jagen schien. Lucinde brauchte das Glas nicht, um zu sehen, dass der Graf alle Fenster im ersten Stock seines "Hofes" offen hatte und mit der Fliegenklatsche die dort demnach ganz unglaublich frühzeitigen Störenfriede hinausjagte ...

Der Kronsyndikus war offenbar über seine eigene Frage nach der "Hauptmännin" in Gedanken verloren, sonst hätte er um einige Meilen weiter nicht so unbefangen von einer jungen Dame gesprochen, die sie auf den Wiesenwegen, die einen kleinen Edelhof umgaben, einsam und, wie es schien, tief nachdenklich spazieren gehen sahen. Es war dies Terese von Seefelden, die Verlobte jenes Grafen Zeesen ...

Kaum begann der Kammerherr von den vortrefflichen Eigenschaften seines Freundes, des Grafen, und hatte eine Parallele zwischen ihm und dem "Verräter", dem Doctor Klingsohr, zu ziehen angefangen, als der Kronsyndikus mit dem Fuss aufstampfend rief:

Schweig! Nenne mir den hundsföttischen Namen nicht!

Man erfuhr jetzt, dass der leidenschaftliche Mann in diesem Augenblick nicht nur von der Zukunft seines Sohnes, sondern von vielen andern Dingen, vorzugsweise aber von seinen Beziehungen zu dem Vater jenes Klingsohr, seinem Generalpachter, auf das heftigste gereizt war.

10.

Immer und immer schon war ein gewisser "Deichgraf" genannt worden, ein Titel, nach dessen Bedeutung Lucinde nicht fragen mochte.

Wie sicher sie zwar in allem, was zur Bildung gehörte, jetzt schon Stand hielt und einen über Geldangelegenheiten vom Vater in französischer Sprache begonnenen Discurs mit der endlos belachten Bemerkung unterbrach, ob sie nicht lieber polnisch sprechen wollten, was sie weniger verstünde als französisch, so hütete sie sich doch, auf Gebiete einzugehen, wo sie in keiner