" hatte Neigung zum Schulmeistern. Sie konnte zwar keinen Eierkuchen backen ohne ihn anzubrennen, aber sie stand dem Vater in seiner schon sogenannten "Schulfuchserei" bei. Sie sprach gerade nicht englisch, nicht französisch, aber an einer alten Wandlandkarte, die sich staatsinventariumsmässig im Langen-Nauenheimer Schulhause erhalten hatte aus einer Zeit, wo man noch einige Inseln der Südsee und das Innere Afrikas nicht entdeckt hatte, konnte sie stundenlang stehen und ihrer Zuhörerschaft Wunder vortragen von den Pyramiden, die sie nach Amerika, von den Porzellantürmen, die sie nach Afrika versetzte. Alle die Gegenden, wo es noch Bären und Wölfe gab, wurden der Langen-Nauenheimer Jugend von ihr im hintersten Indien gezeigt, womit freilich im Widerspruch stand, dass der Revierförster der zwei Dörfer weiter wohnenden herrschaft dann und wann noch einen von "da drüben herüber", dem Rhöngebirge, kommenden Wolf gegen Weihnachten geschossen hatte.
Gottlieb Schwarz war schon lange in der Stimmung, zu allem, was ihm das Leben bescherte, nur zu lächeln. Die wilden Verzweiflungen, wo der Mensch sich in die Haare fährt und "Gott! Gott! Gott! ist's denn möglich!" oder dergleichen dumme Redensarten ausstösst, hatte er hinter sich. Er lächelte zu dem Abschied seiner Lucinde. Mussten die Kinder einmal "versorgt" werden, so fängt man ja von oben mit der "Latte" an. Die Nächste nach der "Latte", ein Kind, das schon mit irdischerm Namen nach der Frau jenes Revierförsters Luise hiess, verstand sich zwar nicht so gut auf Geographie wie Lucinde, aber sie rechnete besser und ihre Eierkuchen brannten nicht an; Hannchen vollends, die Dritte – wieder nichts Mytologisches – war erst zehn Jahre alt, hatte aber mehr Sinn für die Wirtschaft als die beiden Aeltesten zusammengenommen; sie liess sich nie die Mühe verdriessen, nach den geheimen Orten zu suchen, wohin die Hühner ihre Eier legten, sie pflanzte gern und hielt ihre kleinern Geschwister zum Kleiderschonen und Nasenputzen an. Endlich bestand der Rest der Nachkommenschaft des früh gealterten Männleins aus Knaben, und von denen konnten sich erst zwei die Hosen zuknöpfen.
Das Ratsame, warum erst Lucinde weggegeben werden musste, lag besonders darin, dass sie sehr hübsch und etwas hoch hinaus war. Sie hatte kostspielige Liebhabereien. Schwarz von Namen und von Haar und Augen, pflegte sie sich gerade gern mit irgendeinem zinnober- oder purpurroten Stück Zeug zu putzen, mit Bändern und Lappen, und hätten diese ringsum die Pachterstöchter oder die Frau Pfarrerin selbst schon nahe am Wegwerfen gehabt; die flocht sie in das dunkle, schwere und etwas rauhe, ja rossmatratzenmässige, weil ungepflegte Haar. Sie hatte ferner die Liebhaberei, unendlich träge, gerade herausgesagt faul zu sein, sich den Sonnenschein so in den offenen kleinen, rotlippigen Mund scheinen zu lassen, dass dabei die weissen Zähne wie Perlen blitzten. Sie hatte die Liebhaberei, sich in einer Luke des verwitterten Hausdaches einen Taubenschlag zu halten. Kurz, der Vater liess die Lucinde ziehen, und sie ging gern: ihre leidenschaft war die Geographie und ihre Träume spielten "jenseit der Berge".
Das halbe Dorf umsteht den Wagen, mit dem Lucinde in die Residenz fährt.
Man sieht, was ihr auf ihre Lebensbahn mitgegeben wird ... Zwar nicht die vier Hemden, die sechs Taschentücher, das Dutzend Strümpfe, ihr Sonntagskleid, die ein zugeknöpftes Bündel machen; aber den selbstgefertigten Seidenhut, für dessen Form ein urweltliches Modell von der Frau Pfarrerin, für dessen Besatz Bänder und Lappen von allen Honoratioren, die hier im Bereich der vier Bäche wohnten, entlehnt worden waren. Ihre Toilettegerätschaften waren in einem wunderlichen Korbe beherbergt, dessen erscheinen ein allgemeines Gelächter hervorruft. Es ist ein drahtgeflochtener Bienenhelm, in dem Gottlieb Schwarz, ehe er sich verheiratet hatte, in seinem damals erfreulichern Gartenwesen noch nach dem Leben und Weben in seinen Bienenkörben geschaut und Verwirklichung seminaristischer Ideale getrieben hatte. Manche von den älteren, die herumstehen, wissen noch, dass das "Klima" bald äusserlich bald innerlich für Bienenzucht hier zu land zu rauh wurde. Dann hatte Lucinde oft diesen Helm benutzt, um der Schuljugend poetische Schauer und Schrecken einzujagen. Als praktische Erläuterung ihres Geschichtsunterrichts über das Mittelalter rannte sie mit vermummtem kopf den Kindern nach und veranlasste Turnierschauspiele, bei welchen mancher Ente der Fuss verrenkt wurde. In diesen dorfbekannten Helm hat Lucinde alle ihre Geheimnisse verpackt, auch ihre Näh-, Strick- und Stickapparate, die ihr leider in jeder Beziehung zu sehr Geheimnisse geblieben waren. Dann kommt ein Sack mit gedörrten Zwetschen von jener Langen-Nauenheimer Art, die erst sechs Stunden im wasser quellen muss, bis sie ans Feuer kommen darf, und auch dann noch wie ein Gericht Kieselsteine schmeckt; ferner ein Kober voll Eier, die sehr behutsam im inneren des Wagens untergebracht werden, und zuletzt auf die Höhe des Gefährts, über dem Verdeck, ein grosser Waschkorb, den Lucinde sehr feierlich zurückzuschicken versprechen muss. In ihm gurrt, gluckst und gurgelt es durcheinander. Es ist ihr Taubenschlag. Ohne ihre Tauben mochte Lucinde nicht mit in die Stadt, und die vornehme Dame hatte gerade für diese die bequemste und passendste Unterkunft versprochen.
Die Abreise Lucindens war gewiss etwas Merkwürdiges und Seltsames. Sie erregte Staunen genug, jedoch nur Staunen. Keine Träne floss, beim Vater nicht, bei den ältern Geschwistern nicht; die jüngsten weinten nur, weil sie nicht "mitgenommen" wurden. Die Hauptsorge des Vaters war das baldige Zurückschicken des Waschkorbes;