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das Geschenk eines freundlichen Mannes, der schon ein wenig alt ist, sonst würde' ich glauben, dass sie sich schwer von seinem land trennt! sagte Marco und wandte sich mit höflicher Verbeugung zu Porzia's tür ...

Ihr glaubt an die ewige Jugend Roms, das schon so alt ist? Dann müsst Ihr auch dem geist und der Liebe eine Verjüngungskraft zuschreiben! Wer ist denn der Verehrer dieser Bibel, in der Porzia so eifrig liest, dass ich fast glaube, sie studirt auch die deutsche Sprache darin, ihm zu gefallen?

Biancchi blickte immer auf die Nebentür und schien auszuweichen, den Namen zu nennen ...

Der deutsche Name wird für Eure Zunge zu schwer sein ...

Ein Signore Hedemann ist es! sagte der Italiener festbetonend und verriet in der prüfenden Schärfe seines Blickes, dass ihm die Beziehung dieses Namens wohlbekannt war zu dem Gatten der freundlichen Dame, die so vertraulich und wohlwollend und offenbar von seinen Aeusserungen angezogen mit ihm plauderte ... zugleich wollte er, als guter Anwalt seiner Nichte, die gelegenheit nicht unbenutzt lassen, über einen Mann Erkundigungen einzuziehen, der die in St.-Wolfgang und Kocher am Fall angeknüpfte Bekanntschaft auch noch in der Residenz des Kirchenfürsten fortgesetzt hatte, als er zum Betrieb seiner Ankäufe hieher gekommen und so lange geblieben war, bis Frau von Hülleshoven von Ostende zurückkehrte, wo die Gräfin von Salem-Camphausen Porzia dann beim Wandeln in der Katedrale entdeckte. Porzia war nach der Abreise ihres Vaters geblieben, um nach Frankfurt erst mit dem Onkel Marco zurückzureisen.

Welchen Namen nannten Sie? sagte Monika und erhob aufhorchend ihr gebeugtes, in Gedanken verlorenes Haupt ...

Remigius Hedemann! wiederholte der Italiener und setzte frank und frei hinzu: Un intendente del Signore Colonello de Hülleshoven!

Bei dieser Bezeichnung schien ihm das italienische verhältnis zwischen Diener und Freund vorzuschweben, das bei Landbesitzern und grossen Adelsfamilien sich dort noch im Sinne der alten römischen Clientel erhalten hat.

Hedemann! sagte Monika erregt und erhob sich ...

Statt dem Wunsche des Italieners entgegenzukommen und ihm nun über Hedemann weitere Nachrichten zu geben, winkte sie ihm, er möchte jetzt selbst ins Nebenzimmer treten ... aber auch Porzia hatte eben leise ihre tür geöffnet und die stimme des Onkels gehört ... der Italiener trat zu ihr ein.

Wie Monika allein war, sammelte sie sich erst langsam von dem Eindruck, den ihr das plötzliche nennen eines Namens gemacht hatte, der mit ihren ernsten Lebensbeziehungen in so naher Verbindung stand. Hedemann war, solange sie denken konnte, mit ihrer Familie in der unzertrennlichen Verbindung eines sich nie überhebenden Dieners, Ratgebers und Helfers in aller Not gewesen ... Dass er und mit ihm der Oberst schon so in ihre nächsten Kreise eingetreten und dass dies zu ihrer Begleitung und Bedienung bestimmte junge Mädchen mit einem sie so nahe berührenden mann bekannt war, nahm ihr fast den Atem. Auf und nieder ging sie und konnte zur Beendigung ihres Briefes nicht zurückkehren. Sie schloss die Blätter, die sie zusammenlegte, zuletzt in ein Reiseportefeuille, das sie mit der ihr ohnehin heute stündlich wiederkehrenden Empfindung betrachtete: Solltest du wirklich fliehen? Solltest du diese Reise nach England mitmachen? Was zagst du? Was trittst du nicht mitten in die Kreise ein, wo du dich so gehasst weisst, und trotzest ihnenwie der Oberst ...? Sie wusste von Benno, dass der Oberst vorhatte, sich in Witoborn anzusiedeln und mit Hedemann sogar einen Industriezweig zu ergreifen.

Voll Erregung klingelte sie dem Courier, liess die grosse Lampe heller herrichten, befahl die Vorrichtung zum Tee, da die Gräfin unfehlbar bald zurückkommen würde, und entliess Marco Biancchi, der aufgeregt seiner auf das Klingeln gleichfalls sich einstellenden Nichte folgte, sowohl mit dem Rat, dem ihm gegebenen Wink baldmöglichst zu folgen, wie mit dem Erbieten, der Gräfin von dieser Wendung die von ihm gewünschte Anzeige zu machen. Dass Marco Biancchi trotz aller angeborenen Grösse und Adelswürde seiner Nation Lust zu bezeugen schien, die Reisegesellschaft der Gräfin zu vermehren und auf deren Kosten wenigstens bis Antwerpen zu fahren, bemerkte die junge Frau noch nicht. Vielleicht erschien auch dem feurigen Patrioten eine Rücksprache mit dem Kurier eine noch geeignetere Massregel, um zu seinem Ziele zu gelangen. Porzia, sichtlich erschreckt von der vernommenen Gefahr des Onkels, begleitete ihn hinaus.

Inzwischen hörte man einen Wagen anrollen ... Monika, den Reiz einer an Porzia zu richtenden Frage nach Hedemann unterdrückend, trat an die vom Regen beschlagenen Fenster, sah in den düstern, von Laternen matt erhellten Abend, und stellte, als sie die Rückkehr der Gräfin erkannt zu haben glaubte, auch noch die kleinere Lampe auf den grossen runden Tisch, den sie zum Sopha rückte. Lag dann auch in dem kurzen blick auf einen Spiegel, in dem sie ihre einfache Toilette ordnete, die Schleifen des Geflechtes, das ihr Haar bedeckte, fester band, die in Verwirrung geratenen Locken ein wenig aufwickelte, der Ausdruck der Sammlung und der ehrerbietigen Unterordnung unter die hochgestellte Dame, die in der Tat durch die weitgeöffnete tür eintrat, so war sie doch in einer Stimmung, wie Armgart damals, als sie mit Benno und Angelika am luftigen Hüneneck stand und in den Riesenhäuptern der Sieben Berge sieben Propheten sahungewiss, dem Gegebenen entrückt, "hangend und bangend in schwebender Pein".

2.

Frauen, die nie gelächelt zu haben scheinen, Frauen, die immer ernst, tätig und handelnd ins Leben