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den Namen Benno's zu vernehmen, der seit einiger Zeit sie nicht wieder besucht hatte, während Tiebold fast alle Tage kam und längst auch für sie seine gewohnte Schwärmerei zur Schau trug ...

O das ist ja brav von Herrn von Asselyn! sagte Monika und forschte teilnehmend: Würden Sie sich denn nicht gegen diesen Verdacht haben rechtfertigen können?

Die Miene des Italieners wurde eigentümlich von dem Gesange seiner Nichte begleitet ... Es war ein Ausdruck, der zwar zunächst nur der der Verschmitzteit schien und doch mischte sich ihm etwas Elegisches bei, das Monika vollkommen als die Liebe zum vaterland und zur Freiheit erkannte. Ja wäret ihr Italiener wirklich nur fähig, die Freiheit zu ertragen! sagte sie. Ihr seid aber wahrhaft ein Volk von enttronten Königen! Entweder müsst ihr herrschen oder in Ketten gehalten werden. – Deshalb verstand euch Napoleon so gut! Weil nur Er herrschen wollte, hat er euch mehr mit Füssen getreten, als irgendeine andere Nation!

Italia la regina del mondo! rief Marco und begann, sich in die Stimmung des leisen Gesanges nebenan versetzend, eines der vielen Gedichte zu recitiren, an denen für dies Tema seine Nation so reich ist und deren Zahl auch jeder einigermassen gebildete Italiener durch die Kunst der Improvisation zu vermehren weiss ...

Deshalb wollt ihr die Freiheit für euch, unterbrach Monika seinen langen Monolog, um sie wieder den andern Völkern zu entziehen!

Wir wollen nur das Joch der Fremden brechen! rief Marco. Ein Volk von Brüdern, von den Alpen bis zum Meere! Ein einziger Bund von Bruderstaaten! Republik oder Monarchie, nur keine Trennung mehr!

Aber dem Schlüssel Petri gönnt ihr dabei alle Pforten des himmels, nur am wenigsten die eurer grossen Roma! Ihr wollt ihn ganz nur zu einem Heiligen machen und aus der Liste der weltlichen Souveräne streichen! Aber tätet ihr das, so hat ja eure letzte Stunde geschlagen! Alle katolischen Nationen würden sich zu einem neuen Kreuzzuge rüsten und Rom würde, wenn es den Kampf aufnähme, zerstört werden.

Das ist schon oft geschehen! erwiderte Marco mit einiger Ironie. Ja, ich weiss, es gibt Italiener, die unserm Glauben untreu geworden sind! Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich will den wahren christlichen Glauben und ich will, dass er eine grosse Macht besitzt. Aber ein geistiges verjüngtes Rom soll herrschen! Der Heilige Vater in Wahrheit ein Vater der Menschheit, erhalten von seinen liebenden Kindern, zunächst von den Römern, die durch ihn ihre alte Freiheit und Grösse gewinnen müssen! Rom, der Sitz des Lichtes! Rom, die Sonne, deren Strahlen die Erde erleuchten! Einst zitterte die Welt vor den Waffen dieser stolzen Königin, aber schon damals brachten die Imperatoren mit ihren Adlern die milden Sitten und eine Gesetzgebung, die die Freiheit selbst war und das Menschenrecht und die geschriebene Vernunft! Roms Sprache ist die Sprache der Religion, der Wissenschaft, der Denkmäler! In alle Sprachen der Barbaren musste sie eingeführt werden, wenn sie die Gedanken der zivilisation aufnehmen wollten, für welche diese keinen Ausdruck hatten. Roms Bischöfe wurden die neuen Befreier der Welt! Der Ring des Fischers drückt das Siegel auf alle Freiheitsurkunden, die noch die Nationen den Händen ihrer Henker abtrotzen werden! Roms Hirtenstab hat die Leibeigenen befreit, die Städte gegründet, die Gemeinden geschaffen, die Republiken erleuchtet, sie geschmückt mit Bildern und mit Denkmälern des menschlichen Geistes! Rom, ohne Waffen, Rom, ein Gedanke, hat allein dem treulosen Corsen ins Auge zu sehen gewagt, mutiger, als Könige und Kaiser, die vor ihm im Staube krochen! Durch Rom wird das Christentum erhalten bleiben als ein linder Balsam, der das Gemüt von seinen Wunden heilt! Nicht, Signora, das jesuitische Rom mein' ich, das ich hasse, weil die Jesuiten die Freiheit hassen und die Unabhängigkeit der Völker und die wahre Grösse des Menschen ... Ha! Ceccone! Dass Menschen, wie du, dem wahren Rom ein falsches Gewand umhängen durften! Ceccone! Politiker statt Priester, Schergen, die die Patrioten verfolgen, statt sie zu schützen gegen die Feinde Italiens! Signora! Lassen Sie Italien frei sein von seinen Tyrannen, von seinenCeccones und die geschichte wird ein Volk der Grösse finden, Republiken, die sich mässigen, ein Rom, das den katolischen Glauben wieder zur sehnsucht aller Völker macht, auch der abgefallenen!

Das Auge des Italieners leuchtete. Sein weisses Haar schien sich zu sträuben. Der rechte Arm begleitete seine Worte wie mit den Gesticulationen der Rednerbühne ...

Monika folgte mit Aufmerksamkeit und voll prüfender überlegung ... Cardinal Ceccone war ein in diesem Augenblick oft genanntes Glied der römischen Curie ... Die arme auf die Lehne des Sessels stemmend und die Locken schüttelnd, sagte sie: Nein, nein! Es gibt andere Italiener, die an diese Siege der katolischen Lehre nicht mehr glauben wollen!

Ich verachte sie! warf ihr Biancchi entgegen.

Sie berufen sich darauf, dass gerade ein Ceccone den Purpur tragen kann!

Noch las Ceccone keine Messe ...

Nun gut! Aber aus allem, was Ihr mir von Euren Meinungen verratet, erseh' ich doch, dass Ihr dem Unbekannten zu danken habt, der Euch raten liess, nach England zurückzukehren! Was aber Porzia betrifft, lasst sie nicht zu viel in der schönen Bibel lesen, bei der ich sie zuweilen überrasche und die sie so heilig zu halten scheint, wie ihre Guitarre!

Es ist