Versenken nur in sie allein. Das beste Gebet ist eine Tat, die auf Gottes Beistand deshalb rechnet, weil sie gut ist. Ich höre hier zuweilen die Predigten eines neuen jungen Domherrn, eines Verwandten unsers Benno von Asselyn, der einen ausserordentlichen Zulauf hat und der noch der Last der an ihn gestellten Zumutungen, namentlich im Beichtstuhl, erliegen muss, wenn er sich nicht Schonung gönnt. Noch neulich sprach er die Worte, die ich nur gewünscht hätte von ihm weiter ausgeführt und auf die Gegenwart anders gedeutet zu sehen: 'Wir bewundern und fassen es jetzt gar nicht mehr, wie das Christentum in den alten zeiten verherrlicht und bekannt wurde! Nicht nur war es die tägliche Ordnung alles Lebens, des öffentlichen wie des gesellschaftlichen und häuslichen, sondern der stündliche Ausdruck jedes Gefühls, jedes Gedankens, der stete Begleiter des Seufzens im Kummer, wie der Begleiter des Jauchzens in der Freude. Festzüge sah man und sie verherrlichten nur die Vorgänge der heiligen geschichte – er strafte damit den kindischen Kummer um den verbotenen Carneval –; man sah Schauspiele wie jetzt und sie unterhielten durch die geschichte der Passion; jeder Gedanke der Kunst, der Bildung, der Gelehrsamkeit war zu gleicher Zeit ein christlicher Gedanke.' – Nun wohl, flüsterte ich schon nach der Beendigung dieser Predigt der Gräfin zu, die sich entschlossen hatte, diesen Domherrn einmal zu hören (eine merkwürdige Aehnlichkeit desselben mit einer italieschen Bekanntschaft von ihr, auf die sie von der obengenannten jungen Italienerin aufmerksam gemacht worden war, zog sie an und wurde von ihr bestätigt): warum fügte er nicht hinzu, die Kenntnisse haben sich erweitert, die Anschauungen sind umfassender, die Pflichten verwikkelter, die Lebensäusserungen mannichfaltiger geworden? Wenn jetzt nicht mehr jede einzelne Lebenstat die christliche Signatur tragen kann, so genügt es ja schon, wenn sie dem Christentum nicht widerspricht ... Freilich hat auch die gute Gräfin ihre Herzensberuhigung nur zu sehr darin gefunden, dass sie nach dem Standpunkte, auf dem sie einmal steht, dem Standpunkt des Grafen Zinzendorf –"
Bis hierher hatte Monika von Hülleshoven geschrieben ...
Sie las die Blätter nur deshalb wieder durch, weil sie den Faden ihrer Erzählung verloren hatte, und eben fand sie ihn, wollte eben weiter schreiben, mitteilen, dass sie trotz des fertigen Gepäckes bis zur Stunde noch im Zweifel wäre, ob sie morgen nach England mitgehen sollte, als sie im Nebenzimmer die sanften Accorde einer Guitarre hörte ... Sie wusste, dass sie von Porzia Biancchi kamen, die schon zur Reise alle ihre eigenen kleinen Gerätschaften geordnet hatte und vielleicht eben noch ihre Guitarre einpackend sich nicht überwinden konnte, das Instrument, das sie mit Gewandteit spielte, anzuschlagen ...
allmählich wurde aus den Accorden ein Lied und Monika hörte nun zu schreiben auf ... Ob sie wohl endlich wahr macht, sagte sie sich, was sie uns so oft versprochen, dass sie einmal singen würde? Ich glaube, sie fürchtet sich immer nur vor der Gräfin, die die menschliche stimme nur geschaffen erklärt zum Lobe Gottes!
Leise und wie schüchtern erklang zu den angeschlagenen Accorden ein melodischer Gesang ... Porzia hatte eine schöne Altstimme ... Monika, um die italienischen Worte zu verstehen, lauschte ...
Indem meldete der Courier einen Besuch und wollte im Nebenzimmer, wo Porzia sang, gleichfalls mitteilen, dass es Marco Biancchi war, ihr vor vier Monaten aus England gekommener Onkel, der in grosser Eile sie zu sprechen begehrte ...
Lassen Sie doch! sagte Monika und bedeutete den Meldenden, die Sängerin nicht zu unterbrechen. Sie wollte den Italiener selbst empfangen ... Der Sprache desselben war sie mächtig ... Sie sagte, sie würde Porzien das Nötige dann schon mitteilen ...
Marco Biancchi kam in grosser Aufregung. Er wollte der Gräfin ankündigen, dass er mit ihr zugleich nach England reisen würde, wo er seit Jahren schon heimisch geworden ...
Monika wusste, dass er von dieser Stadt aus noch weiter ins Innere Deutschlands wollte, dass er für seine Kunst, Bilder zu restauriren, Aufträge nach Frankfurt und München hatte und zuletzt einen dritten Bruder zu besuchen gedachte, der in Wien lebte und ihr selbst wohlbekannt war als ein dort vielgesuchter Musiklehrer ...
Auf ihr Erstaunen, wie er seinen Plan so schnell hatte ändern können, gab Marco ausweichende Antworten und bald bemerkte sie, dass seine Rückkehr nach England keine freiwillige war, ja dass er mit einem längeren Verweilen in dieser Stadt sich einer Gefahr aussetzen würde ...
Porzia schien so in ihrem Gesang verloren, dass sie die nicht leise geführte Conversation des Nebenzimmers nicht hörte ... sie sang und spielte alle die Lieder, die sie schon im Gastof Zum goldnen Lamm, auf Befehl ihres längst nach Frankfurt zurückgekehrten Vaters, dem Onkel Marco sogleich nach dem ersten Wiedersehen als probe ihrer Gaben hatte vortragen müssen ...
Teils das angeborene lebhafte Naturell, teils das Gefühl von Sicherheit, das in einer in der vaterländischen Sprache geführten Conversation für ihn lag, veranlassten das geständnis des Italieners, Herr Benno von Asselyn hätte ihn aufmerksam gemacht, dass eine der Sicherheitspolizei angehörende einflussreiche person ihm dringend anriete, sofort Deutschland zu verlassen. Er würde bereits seit seinem ersten Ankommen beobachtet und gelte für einen Emissär der auf englischem Boden stattfindenden italienischen Conspirationen ...
Für Monika war es nach dem ersten Ausdruck des Bedauerns und Erstaunens wohltuend, in Verbindung mit einem, wie sie bald sah, so wohlangebrachten Rate