mich auch bei Lindenwert. Ich schrieb einige Worte an den Dechanten und begab mich nach Belgien und Ostende, wo ich die Gräfin erwarten wollte, um sie, wie früher gehofft, mit Armgart, nun vielleicht allein nach England zu begleiten. Die Ankunft derselben verzögerte sich. Ich wartete wochenlang und sah das Meer in allen seinen wechselnden Launen, in seiner Grösse und Gefahr, unheimlich und selbst im Sonnenschein und bei Windstille dem Menschen nicht wohlwollend. Die Jahreszeit wurde rauher, die Stürme tobten, die See ging hohl – eine Welle, die schon von weiter rollt und über dem gefurchten Spiegel sichtbar wird wie eine glattgeschliffene riesige Sichel, immer näher kommt, immer mächtiger in ihrem weissen Gischt anwächst und dann sich auf den Strand wirft, hat etwas so unbarmherzig Unerbittliches, dass ich selbst vom schützenden Leuchtturm aus nicht mehr diesem Spiele zusehen mochte. Ich reiste der Gräfin entgegen, die endlich in Frankfurt angekommen war.
Aber schon in der Residenz des Kirchenfürsten begegneten wir uns und haben wir hier die stürmischen Tage der Gefangennahme desselben erlebt. Die Gemüter waren und sind noch in einer Aufregung, die den Verkehr mit ihnen peinlich macht, zumal wenn man mit einer Protestantin auftritt, die so entschieden wie die Gräfin an ihrem Bekenntnisse festält und hier überall mehr Mistrauen und Feindschaft, als Entgegenkommen findet. Die Rechte ihres Sohns auf die Dorste'schen Besitzungen sind unantastbar; die Processe, die man dagegen aufbrachte, sind in drei Instanzen zu Gunsten des Grafen Hugo entschieden worden. Terschka ist schon nach Westerhof, um die Uebernahme der Güter und die Verständigung über Paula's Zukunft zu beschleunigen. Sie kennen meine Verehrung vor der hoheitsvollen Gesinnung dieser ehrwürdigen strengen Matrone. Schon mit ihrem erscheinen entwaffnet Gräfin Erdmute jede Feindseligkeit; selbst der gefährlichste ihrer Gegner, der Procurator Nück, windet sich vor ihr, als wenn schon ihr blick etwas Zähmendes und Bändigendes hätte; gerade ihm gegenüber tut die sittliche Macht des festen Willens und der reinen überzeugung auch not, da er noch bis zur Stunde, obschon alles für seine Clienten, die Geistlichen, die Klöster, die Stifte, die Landschaft, verloren ist, sich dem Unvermeidlichen nicht fügen will, zumal seit dem 10. December, wo von Rom aus hier alles wie mit unsichtbaren Schwertern bewaffnet ist.
Eine freundliche Erscheinung waren mir die beiden jungen Männer, die an jenem für mich so schmerzlichen Sonntage Armgart auf ihrer Flucht begleitet hatten. Benno von Asselyn arbeitet bei Herrn Nück und musste sich leider als ein Gegner der Gräfin einführen. Doch verständigte die würdige Frau sich bald mit dem jungen unterrichteten mann, der für einen Neffen des Dechanten gilt, aber nur ein Adoptivsohn seines Bruders ist und eine Spanierin zur Mutter haben soll. Der andere ist ein junger reicher Kaufmann, Namens Tiebold de Jonge, eine heitere, lebensfrohe natur, etwas beschränkt, aber desto reicher ausgestattet mit jenem Entusiasmus, der bei allen Dingen immer präsent ist, was man bei den blasirten jungen Männern dieser Tage nur noch selten findet. Herr de Jonge gestand mir in aller Offenheit, dass er mich nur mit grossem Mistrauen betrachte, denn sein Herz gehöre dem Obersten, der ihm vor einigen Jahren in Canada das Leben gerettet. In Wahrheit aber gehört sein Herz nur Armgart. Sie scheint schon früh das Talent zu haben, die Männer zu verwirren. Herr von Asselyn und dieser junge Kaufmann lieben sie beide und ich weiss nicht, wem sie den Vorzug gibt. Wenigstens scheinen sich die jungen Männer resignirt zu haben, sich ihrem eignen Ausspruch zu unterwerfen.
natürlich war ich auch ihnen eine ganz herzlose Mutter. Erst seitdem sie zufällig in Erfahrung brachten, dass ich damals, als ich mich von meiner Krankheit erhob und im Spiegel mein graues Haar erblickte (allerdings in der Verzweiflung – weiblicher Eitelkeit!) mit allem brach und zu Ihnen in ein Kloster reiste, wo man, wie hier bei den Karmeliterinnen, nicht etwa Näharbeiten fertigt, höchstens ein paar Unterrichtsstunden gibt und die übrige Zeit im Müssiggang vertändelt, sondern in ein Krankenhaus, in dessen stündlichem Geschäftsgang ich die Vergangenheit vergessen wollte, da milderte sich auch hier ein wenig das Mistrauen und ich muss schon über mich wachen, nicht etwa mich mit Lorbern zu schmücken, wenn ich von Ihnen und meinem tod in Ihrem Kloster spreche.
Statt Armgart soll die Gräfin nun nach England eine Italienerin begleiten, ein junges Mädchen, das die Gräfin aus ihren Besitzungen in Piemont kannte und hier wiederzufinden sich wahrhaft gefreut hat. Die Gräfin ist die Güte selbst und würde alles glücklich machen, wenn sie dazu die Mittel besässe. Sie warnten mich vor ihrem Lutertum! Freundin, seit den langen Jahren, dass ich an Ihren Krankenbetten lebte, hab' ich über die Religion in jedem Augenblick nachgedacht, nie aber über den Unterschied der Religionen. Auch Sie, teure Freundin, Sie, äbtissin der Hospitaliterinnen, die Sie noch zu den Barmherzigen Schwestern alten Stils gehören, nicht zu den neuen, mit denen Vincenz von Paula den Jesuiten ein Geschenk machte, Sie haben mir ja selbst – wie oft gestanden, dass Sie die Zumutung nicht ertragen würden, die Ihnen die Römlinge stellen, in Ihr Kloster neue religiöse Vorschriften einzuführen! Eines kann der Mensch nur vollbringen, entweder Gott in der Erfüllung seiner Pflicht dienen – oder sich ganz der Betrachtung ergeben und ausruhen und phantasiren und träumen. Wenn Sie noch beten und singen sollen, sagten Sie selbst, können Sie nicht die Kranken pflegen. Die wahre Religion ist die Pflichterfüllung und ein ganzes