unharmonisch ist, entstellt ein ganzes noch so zierliches Antlitz. Die Stirn dieser jungen Frau stieg sanft aus den eingesenkten Schläfen und erhob sich nur oben, dicht an den gescheitelt niedergleitenden grauschimmernden Locken, deren an jeder Seite drei bis auf die in dem Lehnsessel sich aufstemmenden Oberarme fielen, zu einem leisen Hervortreten zweier Flächenteile, die in der Mitte durch eine einzige sanfte Linie geteilt waren. Die Rundung des Kopfes, dessen Hinterteil ein unterm Kinn zusammengebundenes Flortuch von schwarzer Seide bedeckte, war der Ausdruck eines Wesens, das die Harmonie und mit ihr die Gerechtigkeit liebte. Die Augenbrauen waren dunkel, nicht von dem Loose des Haares betroffen. Zitterten die Blättchen in der Hand der Lesenden, so war nur die Haltung der arme, die sich auf die Lehnen des Sessels stemmten, schuld daran, nicht die bangende innere Aufregung, denn mit Ruhe, Fassung, mit dem Ernst eines Denkers überliest die junge Frau, was sie geschrieben.
Die Blätter lauteten:
"Seit vier Monaten, meine teure Freundin, haben Sie nichts von mir vernommen und vielleicht zu buchstäblich hab' ich mein Wort gehalten, Sie zu verschonen mit den Aufwallungen über halbe und unentschiedene Zustände.
Ich habe nicht in Anschlag gebracht, dass schon seit der Rückkehr des Obersten die Vorbereitungen getroffen sein mussten, Armgart so bald als möglich wieder nach Westerhof zurückzurufen. Unmittelbar nach meinem Briefe suchte ich einzutreffen. Kaum hatte' ich von den Zimmern, die Herr von Terschka für mich bestellte, Besitz genommen, als ich mich in einen Nachen setzte und zur Insel Lindenwert hinüberfuhr. Ich wiederholte eine der Scenen, deren vor Jahren so viele stattgefunden. Damals, in der seligsten Gewissheit, am Ziele zu sein und mein Kind zu besitzen, es zu überraschen im Schlummer, es entdeckt zu haben in einer Köhlerhütte, bei einem Förster im wald, hatten mein Schwager und meine ihm verbundene Schwester den Raub, den sie an zwei älteren begingen, schon wieder an einen andern Ort geborgen, nur dass ich diesmal nicht die mir tödlichen Worte in einem zurückgelassenen, immer gleichlautenden Briefe fand: 'Dein Platz ist – in der Kaserne beim Olivaer Tor in Danzig; dort wirst du dein Kind finden!' Aber ebenso stand ich wieder wie sonst. Muttergefühl und Stolz im Kampf. Nach halbstündigem Warten auf Armgart merkt' ich, dass sie nicht mehr auf der Insel war. Die Englischen fräulein schienen aufs äusserste bestürzt; eine der Lehrerinnen war im geheimnis. Als alles geweckt wurde und ich sehr gern den Nonnen eingestand, dass ich sie für unbeteiligt hielt am Verstecken meines Kindes, als die Lehrerin ringsum wirkliche Angst über einen möglichen Unglücksfall bemerkte und gestanden hatte, dass Armgart entflohen war, da hinderte ich selbst, dass man die Schiffer antrieb ihr nachzueilen. Wie sonst aus den Köhler- und Waldhütten ging ich, ich will nicht mehr sagen, mit dem Trotz meiner Jugend, aber doch so vernichtet und auf die erste Hoffnung tief erkältet, dass ich, wie schon oft im Leben, den Eindruck einer Frau ohne Herz zurückgelassen haben mag, als ich schweigend auf meinem Boot zum Ufer fuhr.
Am folgenden Morgen besuchte mich die Lehrerin. Der Armen hatte man, als verdächtig, eine Flucht aus dem Pensionat unterstützt zu haben, sofort gekündigt. Das schon ältliche Mädchen dauerte mich. Sie sprach ihr Leiden nicht aus, das das gewöhnliche verblühender Jugend und des unterrichtgebenden Tagelöhnerns schien, aber ich sah es ihr an und vertraute ihrer Erzählung. Das Mädchen schien mich nicht für würdig zu halten, ganz in ihr Inneres zu sehen. Ich war ihr 'die Mutter, die ihr Kind aufgeben konnte'. Erst als sie wiederholt auf mein graues Haar und den Ursprung desselben, den sie etwas ungläubig aus dem Kummer herleitete, zurückkam und ich jetzt, lächelnd sogar bei allem Leid, ihr sagen musste: Liebe, Sie stellen mich viel zu hoch! Dies Erblinden meiner Haare stammt aus einer Lebensgefahr, in die ich mich einst begeben hatte, als ich mich vierzehn Tage lang versteckte, versehen nur mit einem Körbchen Proviant, ohne wasser und auf den Augenblick harrend, wo ich die Wahnsinnigen, mit denen ich im Kampfe lebte, überraschen wollte – man fand mich endlich fieberkrank und der Typhus raubt oder bleicht uns das Haar –! – da wurde sie mitteilsamer und erzählte mir, was in Armgart's Seele so vorgegangen, als wäre ganz der Geist ihrer Tante Benigna über sie gekommen, dieser Velledennatur, die der Meg-Merilis Walter Scott's nicht unähnlich ist, ohne dass meine Schwester je den Hochlandsdichter gelesen haben mag. Ebenso will das Kind richten über mich und den Vater und setzt sich als Preis für unsere Aussöhnung! Die Lehrerin erbot sich zur Vermittelung mit dem Obersten, der so nahe wohnte und in dessen ganzer Art es liegt, dass er nicht einmal den Versuch machte, sich umzusehen, wo er seinem einzigen kind begegnen könnte, geschweige es an sein Herz zu reissen. Ich lehnte die dargebotene hülfe ab und verwies auf das, was vom Obersten mich immer getrennt hat und was uns ewig trennen wird.
Von Herrn von Terschka erfuhr ich dann alle nähern Umstände dieser Flucht. Sie kennen seine unermüdete gefälligkeit. Ich erfuhr die kleinsten Details. Begleitet von zwei ihr bekannten jungen Männern war das wahnbetörte Mädchen nach einer nächtlichen Fahrt auf die Station einer grossen Postroute gebracht worden, wo sie die Diligence bestieg und nach Witoborn fuhr.
Ich konnte ihr nicht folgen. Die Nähe so vieler Feindseligkeit beängstigte