zog vor, mit der Kirche, der er nicht minder gedient hatte, im Frieden zu scheiden. Nück verteidigte ihn. Der Mörder dankte ihm für seine Anstrengung, ihn vor den Assisen durchzubringen, mit manchem schmachtenden Blicke, den er aus seinem so kunstvoll beherrschten, doch verzweiflungsvollen Auge auf ihn warf, mit manchem gegen Himmel gerichteten Aufseufzer, und nur einmal, als ihm Nück beim Plaidiren und gerade seine Dose ziehend schaudernd eine Prise verweigerte, die der Freche von ihm zu nehmen begehrte, da zuckten seine weissen Augen unheimlich drohend auf ... doch der Agent beherrschte sich, schonte alles, was die eine seiner beiden Schultern getragen hatte, die kirchliche, und nur in seiner letzten beichte, die er dem neuen jungen Domherrn, Herrn Bonaventura von Asselyn, gesprochen, mochte er Rückblicke gegeben haben auf sein Leben und Entüllungen auch über den Verdacht, ob er einst einen Mann aufhing, der ihn jetzt noch einmal, wie schon früher verteidigte.
Nach diesem entsetzlichen Zwischenspiel, das der Armesünder keineswegs durch übergrossen Heldenmut zum Volksschauspiel "auf Applaus" machte, war es einige Abende recht still geworden ... Auch war der Carneval abgesagt. Ihr Teuerstes opferte die Stadt, um zu beweisen, dass der Stellvertreter Christi mit Recht diese Zeit den schlimmsten der Propheten verglichen hatte.
Im Englischen Hof, in einem der ersten Hotels der Stadt, waren, wie seit einigen Wochen allabendlich, mehrere Fenster erleuchtet. Die Frequenz der Stadt hatte abgenommen. Niemand mochte dem Ansinnen der Loyalität, Feste zu geben, entsprechen und da manche Familie auch ihrerseits wieder vor dem Schein der Demonstration sich fürchtete und lieber auf dem land blieb, so fiel es auf, wenn irgendwo sich Leben zeigte in einer Stadt, der die geheimen Lenker in allem und jedem Trauer angesagt hatten.
Aber auch jene Fenster oben im ersten Stock des Englischen Hofes werden bald nicht mehr an jedem Abend erleuchtet sein ...
Schon ist ein grosser Reisewagen in der Einfahrt sichtbar, der, vorn und hinten bepackt, morgen aufbrechen und die oben wohnende herrschaft nach Belgien und an den Strand des Meeres entführen wird, von wo aus es dann weiter gehen soll nach England ...
Ein Reisecourier ordnet am Wagen. Ein anderer Diener hat die Gräfin von Salem-Camphausen, die Mutter des Grafen Hugo, in einem Mietwagen begleitet, in welchem sie noch einige Abschiedsbesuche macht ...
In dem einen der oben von ihr seit zwei Monaten bewohnten Zimmer brennt etwas düster eine grosse Astrallampe auf einem runden, mit einem Teppich bedeckten Tische. Eine andere, hellere, wenn auch kleinere Lampe bescheint ein kleines Schreibbureau, an welchem eine Dame sitzt und mit Emsigkeit die Feder führt ...
Alles still um sie her ... Beträte auch ein Fuss das geräumige Zimmer, dem man die einer Abreise vorangehende Unordnung nicht ansieht, der Schritt würde durch einen Teppich gemildert werden ... Eine kleine wiener Reiseuhr steht neben der Schreibenden, die zuweilen wie mechanisch auf sie hinblickt und sich flüchtig über den schnellen Lauf der Zeit zu wundern scheint, obgleich sie darum im Schreiben immer noch fortfährt ...
Die Dame ist nicht, wie seit dem 20. November alles, was in dieser Stadt der gemeinsamen Stimmung Rechnung trägt, schwarz gekleidet, nur dunkelfarbig ... weit ausgebreitet bauscht sich um sie her ein einfacher seidener Stoff ... ein Spitzentuch, das den Nacken bedeckt, ist herniedergeglitten ... ja an dem zurückgehenden Ausschnitt des Kleides kann man entnehmen, dass die emsige Schreiberin, um die Brust zu schonen, sich's unbewusst bequem gemacht hat ... Man sieht die Fülle der Anmut und der Jugend.
Sie blickt auf und atmet wie erschöpft ... Die saubern Octavblättchen, die sie vollgeschrieben, zählt sie und lächelt, da es deren so viele sind ... Dies Lächeln sollte uns nicht fremd sein ... Es hat Aehnlichkeit mit jener Duldermiene, die das Lächeln Armgart's dem blick der Madonnen Murillo's so ähnlich macht ... An dem seltsamen Glanz der langen Locken, die auf den weissen, durch Zufall entblössten Hals der jetzt Lesenden niedergleiten, erkennen wir Armgart's Mutter, die Oberstin von Hülleshoven, Monika von Ubbelohde.
In der Tat hat der Winter nie so nahe beim Frühling gewohnt. Nie ist der letzte Schnee in anmutigerm Neckspiel auf die ersten Blüten eines Gartens gefallen. Nie hat der Sonnenstrahl zur Osterzeit so schnell die letzten Flocken der noch eisigen Lüfte hinweggeküsst. Oder müssen wir von einem Hagelwetter sprechen, das grausam seine Eiskörner zurückgelassen unter Rosen und Lilien? Monika's Locken sind grau.
Monika ist eine Frau mittler Grösse, nicht von übervollen, aber runden Formen. Ist ihr Antlitz jetzt nur vom Ueberbeugen so gerötet oder trägt es dies frische Incarnat für immer? Fast möchte man letzteres glauben, wenn man die schwellende Röte der Lippen vergleicht, die ein wenig sich öffnen, weil sie leise vor sich hin das liest, was sie geschrieben ... Ihr blick ist ernst. Die Hand, weiss und klein, hält die Blätter etwas zu nahe dem Auge. Wer weiss, ob nicht auch diese schönen braunen Augen gelitten haben von viel Tränen, die sie vergossen haben mochte? Bei alledem liegt auf der Stirn ein seltener Friede. Oder ist es nur eine grosse klarheit, die ihre Vorstellungen zu einem Lichte hindurchgerungen hat, das nun auch diese Stirn so edel erhellt? Eine Stirn, die