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Zeichen auf Sie schreibt, als zehnjährige Seufzer bis zu einem Assessorat in Schöppenstädt mit fünfhundert Talern Gehalt! Sie kennen unsere gespannte Lage mit der Regierung! Sollten Sie vielleicht im Roland bei Joseph Zapf oder sonstwo Leute finden, die uns nicht eher geholfen glauben, bis nicht alle die aus dem land gejagt sind, die nicht an die sieben Sakramente glauben, so lassen Sie sich mit den dummen Leuten in keine philosophischen Erörterungen ein, sondern schonen Sie menschliche Schwächen! Bei Zapf gehen, hör' ich, Narren aus und ein, die sich einbilden, es brauchte nur der 24. August im Kalender zu stehen und man könnte die Sainte-Bartélémy noch einmal aufführen! Klären Sie diese Leute nicht philosophisch auf! geben Sie ihnen nur ein wenig mehr Einsicht in die gesetz! Verweisen Sie sie auf das, was uns unter allen Umständen als Anlehnung Stand hält, wenn wir uns gegen die neunmal Weisen anstemmen müssen, auf das Edict vom 28. Germinal des Jahres X der fränkischen Republik, das Besitzergreifungspatent von 13, die Bulle De Salute animarum von 21. Denn darüber, denke' ich, sind wir einig, dass bei uns Kirche und Gemeinde darauf halten sollen, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben. Lieber ein Weltbrand, als ewig unter der herrschaft der Achselklappen mit den numerirten Knöpfen! Lieber zum Frühstück fricassirt von französischen zu Marschällen avancirten Köchen, als zerrissen von russischen Wölfen! Zwei Alternativen hat ja die Welt nur: Czernebog, den Grossen, oder Rom!

Benno fühlte das anders, doch wollte er nicht fehlen unter Leuten, die von Sturmglocken sprachen und das Wort: Von-Berg-zu-Berg-die-Feuerzeichen-Anzünden schon aus gedruckten fliegenden Blättern, aus Liedern und laut gesungenen Reimsprüchen wiederholten.

Auch dem wirklich damals "beschränkten" und von Ministern deshalb gründlich verhöhnten "Untertanenverstand" wollte er die Torheit der Sensen und Aexte verweisen, mit denen die Bauern verlangten in die Städte geführt zu werden ...

Es gefiel ihm sogar, dass Stephan Lengenich übernehmen sollte, einen grossen Rat- und Hülfsverein im ganzen land zu begründen, einen Bund von Meistern und Gesellen, Handwerkervereine, die damals aller Orten im deutschen Vaterland und zur Anbahnung besserer Zeit auftauchten und von denen der Severinusverein nur erst ein schwaches Vorbild war ...

Schon sah Benno mit scharfem Auge im Roland drüben die Fenster des zweiten Stockes erleuchtet ...

Er verwünschte seine Verspätung bei der ihm wie ein Verhängniss lockenden Erörterung ...

Einen Nachen suchte er jetzt und war, da er keinen fand, gerade im Begriff, schnellen Schritts auf einige Schifferhütten zuzueilen, die freilich noch einige tausend Schritt zu Berg entfernt lagen ...

Da sieht er einen Wagen daherjagen und so dicht dem Ufer zu, als sollte ihn eine Fähre aufnehmen ...

Diese Fähre sucht er ...

Wie musst' er erstaunen, als jetzt jemand von dem Bedientensitz des Wagens springt, am Ufer im Röhricht krebst, dann mit einem grossmächtigen Bündel zurückkehrt und endlich vollends, als er sieht, dass dies, wie es schien, Schmuggel treibende Individuum niemand anders war als Tiebold de Jonge!

Ja, aber ums himmels willen! Was haben Sie denn da? rief er ihm schon aus der Ferne zu ...

Tiebold, vollkommen wissend, dass Benno in der Nähe sein konnte, und darum auch schnell sich zurecht findend, antwortete sogleich mit einem Bedeuten um geheimnissvolle Stille und dem Winke, das "federleichte" Bündel mit aufladen zu helfen ...

Mit den langgezogenen, völlig noch ungewiss tastenden Worten: "AberSie sonderbarerSchwärmer –!" trat Benno näher ...

Nun sieht er in den Wagen und sieht Armgart und Armgart sieht ihn, erkennt ihn und ruft:

Jesus! Der Benno!

Benno steht sprachlos.

Tiebold klärt auf, soweit er kann, stopft das Gepäck hinein, ruft dem Kutscher den Namen eines Ortes zu, als den der ersten Poststation, und steigt windschnell wieder hintenauf ...

Er scheint vorauszusetzen, dass Benno, dem allem wie etwas Unglaublichem zustaunend, dem tolldreistesten aller Menschen in die mondhelle Nacht hinaus die Königin seiner Träume wie zur Entführung überlassen soll ...

Ein Augenblick jedochund auch Benno sitzt schon oben dicht neben Tiebold und der Roland und die Kirche und der Staat und der 28. Germinal und die Bulle De Salute animarum sind vergessen.

Armgart sieht alles das voll Seligkeit und hätte nun am liebsten alle beide gleich hereingerufen.

Sie hätte Benno die Hand drücken mögen vor Freude über diese doppelte hülfe ...

Aber schon flogen die Rosse zur Chaussee hinauf und auf dieser dann funkenstiebend weiter und weiter dahin ...

Der Kutscher merkte schon, dass hier Romantik im Spiele war und dem Drusenheimer allein hatte auch er nicht zugesprochen.

Endlich hatte sich Armgart gesammelt und machte wenigstens durch das Schiebfenster so viel Geständnisse, als nötig waren, um nun schon von Benno Vorwürfe und ernste Ermahnungen zu hören.

Darüber drängte ihn Tiebold, als "unerträglichen Pedanten", vom Schiebfenster weg und klagte über Mangel an Raum ...

Und als dann Benno mit Vernunft und Besonnenheit nicht enden wollte, verwies ihn Tiebold vorn auf den Kutscherbock, worüber beide jetzt unter sich selbst in freundschaftlichen Hader gerieten ...

Am Ufer aber hinfahrend hatte Armgart alles drüben auf der Insel still gefunden und im geist der guten Angelika gedankt, die ihre Flucht sicher nicht verraten, sondern gewiss zur suchenden Mutter von einem