hinterrücks fallenden Castor – "weiss auf blond!" hatte noch kürzlich Benno über diesen in gewisser Hinsicht "jetzt gelieferten" Hut und über Tiebold's Ansprüche auf Geschmack geäussert – und schon schwenkte der Wagen dem Strome und der bezeichneten Stelle zu, verfolgt von einem fast kosackischen Hurrah der Freunde Piter's, die in diesem Augenblicke sogar vergassen, dass sie auf ihrer gleichfalls zu wasser und darüber schon zu viel, viel Rüdesheimer und Punsch gewordenen Partie die Retourgelegenheit verloren hatten ...
Der Wagen war jener vortreffliche Landau mit jenen in Kocher am Fall beinahe verdorbenen englischen Patentachsen und die englischen Pferde gehörten gleichfalls Herrn de Jonge senior, der es für zweckmässig zu halten schien, wenn sie durch de Jonge junior in entsprechenden häufigsten Gebrauch kamen ...
Armgart schlug in dem prächtigen Wagen die hände zusammen und hielt sie hoch gegen Himmel empor, aus tiefster Seele dankend allen seinen Heiligen.
14.
Während Tiebold durch das geöffnete Schiebfensterchen des Wagens eine glühende Schilderung der sehnsucht nach diesem Sonntag, eine Schilderung der Spannung seiner gefährten, der Enttäuschung, dass das ganze Begegnen mit den Stiftlerinnen und vorzugsweise mit Armgart scheitern musste, entwarf; während er ihr, oft durch das Schleudern des Wagens im Redestrom unterbrochen, die Versicherung gab, dass dieser Wagen sie, wenn sie darnach Verlangen trüge, bis ans Ende der Welt fahren könnte – die Phrase: "vorausgesetzt, dass ich Sie begleite", verlor sich in einem Wurf in die Sitzecke –; während er mit jener ihm ganz eigentümlich angehörenden Lebhaftigkeit der Demonstration, teils auf die Wege wetternd, teils dem Kutscher commandirend, teils seinen Hut von den Folgen der Räderung herstellend, mimoplastisch auseinandersetzte, dass nur an jeder Station neue Postillonspferde nötig wären, um couriermässig mit ihm bis an die Pforten des himmels oder der Hölle zu reisen; während er endlich mit allen Zeichen damaliger Telegraphik schilderte, dass seine verblüfften Freunde entweder in Drusenheim übernachten oder auch vom Wirt anspannen lassen könnten, waren sie jetzt bei der Stelle angekommen, wo im Schilfe Armgart ihr Bündel geborgen hatte.
Der Kahn trieb schon weitin auf die Höhe des Stromes ...
Mit der Versicherung, er gäbe, wenn der Kahn nach Holland schwämme, was nicht vorauszusetzen, der lindenwerter Schifferinnung zum Ersatz eine Bark mit zwei Masten, mit Vorder- und Hinterdeck, mit Bramsegel, mit Reffsegel, mit u.s.w., stieg Tiebold aus, um das vielbesprochene, wenn ihm auch noch völlig rätselhafte Bündel mit Gefahr seiner heute trotz des Regens in bequemen Wirtsstuben geschont gebliebenen Lackstiefel herbeizuholen ...
Darüber hatte Armgart einige Minuten Zeit, ihrer Lage nachzudenken ...
Mit Tiebold sollte sie weiter reisen? Mit ihm so allein hinaus in die Welt gehen? ... O Gott –
Aber Tiebold kommt schon zurück ... schon schleppt er das Bündel, das er höchst federleicht findet, das ihn aber keuchen lässt wie Cyklopenarbeit ... er bittet um Entschuldigung, wenn sich vielleicht in dem Bündel vom Schilfe her einige Frösche eingenistet hätten ... er wagt die leise Frage, ob das vielleicht die Wäsche des Institutes wäre, die Armgart nach klösterlicher Sitte in dieser Woche zu besorgen und noch spät in die Sieben Berge, vielleicht zu einer dort "vielleicht wohnenden Wäscherin" zu transportiren hätte in Begleitung eines "vielleicht zufällig eben ertrunkenen Schiffers" ... er gesteht, nicht begreifen zu können, warum sie bei soviel Sinn für Wirtschaft und Reinlichkeit soviel Angst hätte, selbst vor harmlosen Wanderern, die eben des Weges daherkamen ... und wie denn überhaupt, mein fräulein, wenn ich mir die gehorsamste Bitte erlauben dürfte um ein klein wenig mehr Gaslicht als Mondlicht, d.h. Aufklärung über Wie? Wo? Warum? Wieso?
Jetzt aber ereignete sich eine jener Fügungen, die uns zuweilen das Weltverhängniss noch zum holden Kindermärchen machen können ... Der liebe Vater im Himmel sitzt uns dann trotz aller Philosophie immer noch mit einem langen Barte auf den Wolken und fügt die Schicksale der Menschen mit sichtbarer Hand, ja er greift überall persönlich hinein mit liebevoll nachhelfendem Finger.
Von hundert Menschen, die da schon gegen zehn Uhr Abends, während der Mond nun ganz aufgegangen war, noch am Ufer hätten stehen und nach einem Nachen sich umschauen können, der sie so spät noch übersetzte, muss gerade der Eine daherkommen, der zwar nicht mit melodischem Wohllaut das Lied vom Ritter Toggenburg intonirt hatte, dem es aber, nach dem Kloster zu Lindenwert hinüberschauend, tiefinnen klang mit der ganzen sehnsucht seines Herzens.
Hatte es doch für Benno heute am Sonntag diesseits des Stromes Aufnahmen gegeben hier und dort! Aufnahmen, die an Ort und Stelle zu machen waren! Die süsseste Hoffnung, die von gestern auf heute sich erfüllen sollte, von dem Abschied beim Einsteigen in den Nachen bis zu einem Wiedersehen im Enneper Tale oder auf der Insel selbst oder heute irgendwo und -wie, hatte scheitern müssen teils am Wetter und den verschlimmerten Wegen, teils an der gegen alles Erwarten sich herausstellenden Bedeutung der Aufträge, die es zu vollziehen gab ...
Nun aber trieb ihn noch ein anderes gegebenes Wort wenigstens für den Abend zur beschleunigten Eile. Nück hatte ihm beim Abschied gesprochen:
Herr von Asselyn! Sie sind ein junger, unterrichteter und für die praktische Auffassung des Lebens, die nur allein eine Zukunft hat, disponirter Mann! Aber in vielem sind Sie noch völlig Tabula rasa! Ich will Ihnen wünschen, dass das Leben bessere